Cars­haring im Praxis­test: Für kurze Wege

Ob feste Verleih­station oder Autos zum über­all mitnehmen und abstellen – Finanztest hat Anbieter und Kunden befragt, wie das Cars­haring abläuft.

Die Berlinerin Julia Hertin empfindet Cars­haring vor allem als Erleichterung. Reparaturen, Ölwechsel, Waschen – das alles erledigen andere. Einmal im Monat kommt eine Abrechnung für ihre ein bis zwei kurzen Fahrten pro Woche, zusammen rund 40 Euro. Die werden abge­bucht, das wars: „Man ist super flexibel, wenn es an der Wunsch­station keinen Wagen mehr gibt, wird man bestimmt an einer anderen fündig.“ Ein freies Auto ist ruck­zuck gebucht, per Internet oder Telefon.

Dass mal kein Auto zu haben ist, kommt kaum vor. „Das wäre ja auch der Super-Gau für uns“, sagt Walter Ernst, Geschäfts­führer von Stadt­teil­auto München. Ähnliches berichten die anderen von uns befragten Anbieter und Kunden: „Da finden wir schnell eine Lösung, entweder ein Auto, das kaum mehr kostet, oder eines von der Nach­barstation“, sagt Franziska Wilhelm von teil­Auto Leipzig. „Allerdings sollte man an Feier­tagen früh­zeitig buchen“, hat Cambio-Fahrerin Hertin fest­gestellt.

Schlüssel im Auto

Cars­haring Test

Manchmal genügt ein Lese­feld hinter der Wind­schutz­scheibe: Hält der Nutzer seine Karte davor, öffnet sich die Auto­tür und im Auto wird die Aufhängung für den Schlüssel freigegeben oder er liegt im Hand­schuhfach, das mit Geheimzahl geöffnet wird.

Die Auto­schlüssel liegen im Wagen. Die Kundin muss nur kurz die Mitglieds­karte an einem Lese­feld an der Wind­schutz­scheibe vorbeiführen, dann öffnet sich die Zentral­verriegelung. Sie gibt ihre Pin-Geheimzahl ein und kann die Schlüssel aus dem Hand­schuhfach nehmen. Die Pin muss jeder Kunde unbe­dingt geheim halten. Falls nicht, haftet er, wenn der Wagen gestohlen wird.

An einigen Stationen geschieht die Über­gabe an einem elektronischen Tresor, der nach Eingabe der Pin den Auto­schlüssel freigibt. Praktisch: Viele Tresore haben eine Taste, über die der Kunde direkt mit der Service­zentrale verbunden wird. So hat er sofort einen Ansprech­partner, falls es einmal Probleme gibt.

Cars­haring Test

An vielen Abhol­stationen steht ein Schlüssel-Safe. Sobald Jürgen Hoppe-Suhr seine Mitglieds­karte vor das Lese­feld hält und seine Geheimzahl eingibt, öffnet sich die Tür und gibt den Schlüssel frei.

Sofort losfahren geht aber nicht. Alle Anbieter schreiben vor, dass der Fahrer den Pkw zuvor auf Schäden kontrolliert. Deshalb liegt im Bord­buch eine Schaden­liste mit allen Schrammen oder Beulen am Auto. Wer eine neue findet, meldet sie vor Fahrt­antritt der Service­zentrale. Nur so kann er sicher sein, dass ihm nicht eine Macke zur Last gelegt wird, die eigentlich auf das Konto des vorherigen Fahrers geht (siehe Versicherung).

Hunde erlaubt, Ziga­retten nicht

In den Autos gilt Rauch­verbot, Hunde und Katzen sind dagegen meist erlaubt. Oft darf der Kunde auch Mitfahrer ans Steuer lassen, solange er selber dabei ist. Der Sprit ist meist im Miet­preis enthalten. Für den Fall, dass ein Kunde tanken muss, liegt eine Karte im Auto, mit der er bargeldlos bezahlen kann.

Auch ums Auto­waschen brauchen sich Cars­harer nicht zu kümmern. Falls es doch einmal nötig ist, dürfen sie vielfach auf Kosten des Anbieters in eine Wasch­anlage fahren. Bei Flinkster können sie mit der Tank­karte bezahlen, andere Anbieter schreiben dem Kunden das vorgestreckte Geld gut.

Reinigung im Wochen­rhythmus

Auf unsere Anfrage geben die meisten Unternehmen an, den Wagen im Wochen- oder Zweiwochen­rhythmus zu reinigen. Sie verpflichten den Kunden aber ausdrück­lich, das Auto sauber zurück­zugeben. Geschieht das nicht und der nächste Fahrer beschwert sich, können 30 Euro Extra­gebühr fällig werden.

„Da haben wir aber noch nie kassiert“, so Peter Kuhn von Drive Cars­haring München. Eher findet der Kunde einen Hinweis auf der monatlichen Abrechnung, dass die Zusatz­gebühr im Wieder­holungs­fall fällig wird.

Meist neue Autos

Die Autos sind häufig neu oder neuwertig, bei Cambio selten älter als vier Jahre. Statt­auto München nennt als Durch­schnitts­alter 18 Monate: „Meist werden die Fahr­zeuge bei 100 000 Kilo­metern oder einem Alter von drei Jahren verkauft.“ Der Umfang des Fuhr­parks folgt den saison­alen Erforder­nissen. In den Ferien und im Sommer werden mehr Wagen gebraucht als im Winter.

Zur Ausstattung gehören oft Navigations­gerät und Kinder­sitz, bei Statt­auto München auch Dachge­päck­träger und Fahr­radträger. In der Regel haben die Autos grüne Plaketten für inner­städtische Umwelt­zonen. In der kalten Jahres­zeit sind sie mit Winterreifen oder mit Ganz­jahres­reifen ausgerüstet. Wer zusätzlich Schnee­ketten braucht, kann sie gegen Aufpreis reser­vieren.

Nach einer Panne oder einem Unfall verständigt der Nutzer die Service­zentrale, bei Unfällen zusätzlich die Polizei – auch bei Bagatell­schäden an fremdem Eigentum.

Schutz­brief ist oft Stan­dard

Im Regelfall sind die Fahr­zeuge über einen Schutz­brief versichert, der meist das Abschleppen, einen Ersatz­wagen und sogar kostenlose Hotel­über­nachtungen abdeckt.

„Ich hatte bisher aber nur beste Erfahrungen, tech­nische Probleme gab es nie, es hat immer alles geklappt“, berichtet die Flinkster-Fahrerin Annegret Jende aus Berlin.

Beim Buchen muss der Kunde auch den Zeit­punkt nennen, an dem er das Auto wieder abgeben will. Meist ist eine Mietdauer im Halb­stundentakt möglich, teils geht nur ein Stundentakt.

Dauert die Fahrt länger als geplant, zum Beispiel weil unterwegs ein Stau war, kommt es darauf an: Hat kein anderer Fahrer den Wagen direkt im Anschluss gebucht, wird die Miet­zeit einfach verlängert. Liegt eine andere Buchung vor, verlangen fast alle Anbieter einen Aufpreis, teil­Auto Leipzig zum Beispiel 12,50 Euro für die ersten 15 Minuten, danach 25 Euro. Aber auch hier findet der Kunde statt­dessen oft nur einen Warnhin­weis auf der Rechnung: „Im Wieder­holungs­fall wird Verspätungs­gebühr berechnet.“

Dennoch: Vorsichtige buchen von vorn­herein etwas länger, zumal einige Anbieter einen Teil des Stunden­preises gutschreiben, wenn der Kunde vorzeitig abgibt. Nur wenige wie ZebraMobil ermöglichen eine „Open-End-Buchung“ ohne feste Rück­gabezeit.

Cars­haring Test

Die Stell­plätze an den Stationen sind reser­viert und oft mit einer Kette gesichert. Die Suche nach einem Park­platz entfällt.

Braucht der Kunde das Auto doch nicht und möchte die Buchung stornieren, kann er das bis 24 Stunden vor dem geplanten Fahrt­beginn gratis tun. Danach kostet es meist 50 Prozent des Zeitmiet­preises, teils auch nur 35 Prozent – oder gar nichts.

Die Anbieter betonen, dass spätere Absagen oft kostenfrei angenommen werden: „Es geht ja nicht darum, Gebühren zu schinden, sondern das System rund laufen zu lassen“, so Walter Ernst von Stadt­teil­auto München.

Am Ende der Fahrt muss der Nutzer den Wagen in der Regel an genau der Station wieder abgeben, wo er ihn ausgeliehen hat. Das hat für ihn immerhin den Vorteil, dass er keinen Park­platz suchen muss. Denn die Plätze sind reser­viert.

Zum Abschluss füllt er noch einen kurzen Fahrt­bericht aus mit Namen, Auto, Uhrzeit von Start und Rück­gabe, Kilo­meter­stand, eventuellen Schäden – das wars.

Auto­hersteller mischen mit

Weil immer mehr junge Leute auf das eigene Auto verzichten, mischen nun auch Hersteller wie BMW, Daimler, Peugeot und VW beim Cars­haring mit. BMW und Daimler setzen dabei auf ganz neue Konzepte. Bei Drive Now von BMW und Car2go von Daimler gibt es keine festen Stationen. Vielmehr sind die Autos über das Geschäfts­gebiet (meist inner­städtische Bezirke) verteilt.

Wer ein Auto braucht, ortet es per Smartphone, steigt ein und lässt es nach der Fahrt einfach am Ziel stehen. Das muss allerdings irgendwo im Geschäfts­gebiet sein, nicht außer­halb.

Das Konzept gibt es bisher in Berlin, Düssel­dorf, Hamburg, München, Neu-Ulm und Ulm. In Berlin hat Drive Now insgesamt 300 Exemplare des 1er BMW und verschiedene Mini-Coo­per-Modelle über das Stadt­gebiet verteilt. Car2go hat in Ulm/Neu-Ulm und Hamburg jeweils 300 Smarts im Einsatz.

Klare Preismodelle

Die Preis­gestaltung ist denk­bar einfach: Abge­rechnet wird nach Minuten: 29 Cent pro Fahr­minute. 10 Cent für Park­zeiten bei Drive Now, 9 Cent bei Car2go.

Das Preismodell zeigt es schon: Geeignet ist das Auto zum Mitnehmen vor allem für kurze Fahrten. „Die Mehr­zahl der Nutzer mietet höchs­tens für 30 bis 45 Minuten“, sagt Michael Fischer von Drive Now.

Wer 15 Minuten fährt und 15 Minuten parkt, zahlt bei Drive Now und Car2go rund 6 Euro inklusive Benzin, Versicherung und Park­gebühr. Zur Orientierung: 15 Minuten Taxi über sieben Kilo­meter kosten in Berlin rund 15 Euro.

Auch für Kunden des klassischen Cars­haring sind Drive Now und Car2go eine Alternative, wenn sie nur sehr selten fahren.

Beispiel: Bei Flinkster kostet eine halb­stündige Fahrt (berechnet wird eine Stunde) mit einem Auto der Miniklasse bei 7 Kilo­metern Strecke ungefähr 3,50 Euro. Hinzu kommen dann noch im Berlin­tarif 10 Euro Monats­beitrag. Bei zwei Fahrten im Monat sind das 17 Euro. Wer statt­dessen die gleiche Strecke mit Drive Now oder mit Car2go fährt, zahlt nur etwa 12 Euro.

Braucht der Kunde hingegen regel­mäßig mehr­mals im Monat für mehrere Stunden ein Auto, ist das klassische Cars­haring in der Regel güns­tiger.

Buchung per Handy

Die meisten Kunden von Drive Now und Car2go gehört der Generation an, die mit Computer und Smartphone aufgewachsen ist. Für sie ist es leicht, das nächste Fahr­zeug per Handy zu finden und zu buchen. Bereits bei der Buchung erfahren sie, wie viel Benzin im Tank ist.

Bei weniger als 25 Prozent können sie das Auto auf Kosten des Anbieters betanken und erhalten dafür bis zu 20 freie Fahr­minuten. „Es gibt auch Nutzer die gezielt ein Auto suchen, das betankt werden muss, damit sie etwas sparen können“, so Michael Fischer von Drive Now. In Ulm/Neu-Ulm können Car2go-Nutzer das Auto auch in die Wasch­anlage fahren und aussaugen. Das wird mit 40 Minuten Gratisfahren belohnt.

VW zieht nach

Im November 2011 ging auch Volks­wagen an den Markt, allerdings vor­erst nur in Hannover. Quicar ist eine Mischung aus klassischem Cars­haring und den neuen Konzepten von Drive Now und Car2go.

Der Kunde holt das Auto an einer Verleih­station ab und bringt es nach der Fahrt dorthin zurück. Abge­rechnet wird eine Mindest­mietdauer von einer halben Stunde, danach im Minutentakt. Die ersten 30 Minuten kosten 6 Euro, jede weitere Fahr­minute 20 Cent, das Parken 10 Cent.

Wer das Fahr­zeug länger mieten oder andere Auto­typen fahren möchte, bucht „Quicar plus“. In Hannover hat Quicar 50 Stationen mit 200 Autos über das gesamte Stadt­gebiet verteilt.

Wohn­mobile und E-Bikes bei Peugeot

Peugeot bietet mit „Mu“ in 13 deutschen Städten nahezu seine gesamte Modell­palette zum Teilen an: Pkw, kleine Trans­porter, Motor­roller, E-Bike und in Berlin ab Sommer auch ein Wohn­mobil.

Der Kunde richtet im Internet bei www.mu.peugeot.de ein Konto ein und bezahlt vorab. Danach kann er online ein Auto reser­vieren. Die Mindest­mietdauer beträgt einen Tag. Ein Peugeot 207 kostet übers Wochen­ende 105 Euro, keine Kilo­meter­begrenzung, den Sprit zahlt der Fahrer extra.

Für die Auto­hersteller ist Cars­haring eine Markt­nische. Im Unterschied zum klassischen Cars­haring dürfte ihr Ziel wohl weniger darin bestehen, viele Auto­besitzer dahin zu bringen, ihren Pkw zu verkaufen und sich dauer­haft ein Auto mit anderen zu teilen. Eher setzen sie darauf, Kunden, die kein eigenes Auto besitzen wollen, auch an sich zu binden und keinen Trend zu verpassen.

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