Car-Sharing will Alternative zum eigenen Auto und ideale Ergänzung zum städtischen Nahverkehr sein. Doch es gibt noch Schlaglöcher.

Was treibt einen, der bisher immer ohne Auto ausgekommen ist, Mitglied einer Car-Sharing-Organisation zu werden? Zum Beispiel, dass er bequem wird. Oder dass seine Freunde es mittlerweile leid sind, ihm immer öfter ihr eigenes Auto zu leihen. So wählt der Berliner Enddreißiger Rolf Fischer den sanften Einstieg in ein motorisiertes Dasein.

Bei der Anmeldung füllt er zuerst alle Formulare der alternativen Autovermietung StattAuto in Berlin aus. Dann fragt ihn Mitarbeiterin Irina Wiedermann nicht etwa nach seiner Fahrpraxis, sondern lediglich nach dem Führerschein. Denn Fahrpraxis ist keine Bedingung für die Aufnahme in den Kreis der Autoteiler. Das ist nicht verwunderlich. Denn StattAuto wendet sich ja gerade an Leute, die gerne bereit sind, auf das eigene Auto zu verzichten.

Nach einer theoretischen Einführung in das Car-Sharing überreicht Frau Wiedermann einen Tresorschlüssel, mit dem Herr Fischer künftig 24 Stunden am Tag Zugriff auf 250 Autos an 54 Berliner StattAuto-Stationen haben soll. Er kann nun nach Lust und Laune ein Auto nutzen und muss auch nur dann bezahlen.

Es folgt ein harter Test in praktischer Intelligenz. Nachdem die 98 Mark für eine dreimonatige Testmitgliedschaft bar bezahlt sind, muss Rolf Fischer auf dem Parkplatz zeigen, dass er in der Lage ist, ohne fremde Hilfe mit Schlüssel und Mitgliedskarte den Tresor zu öffnen. Darin befinden sich bei den Car-Sharern an jeder Verleihstation die Autoschlüssel.

Das klappt nach zwei Anläufen ganz gut. Im Auto lernt er dann die drei wichtigsten Bücher des Car-Sharing richtig zu lesen und auszufüllen: das Bordbuch für den Umgang mit dem Auto, das Fahrtenbuch für die gefahrenen Kilometer und das Tankbuch für den Nachweis des Spritverbrauchs. Einprägen muss sich der Zeitfahrer außerdem die beiden vierstelligen Kunden- und Kodenummern. Die eine braucht er immer, wenn er ein Auto telefonisch bestellen will. Die andere ist nur dann wichtig, wenn er Tanken muss ­ bei den Berliner Autoteilern immer dann, wenn der Tank weniger als ein Viertel voll ist. Dann muss er die Kodenummer an der Kasse der Tankstelle angeben und die Rechnung geht an StattAuto.

Umleitung

Herr Fischer plant für das kommende Wochenende am Freitagabend einen Smart auszuleihen und vom Büro zur Sauna zu fahren, dann von dort zurück nach Hause. Am Samstag soll der Smart gegen einen Kombi eingetauscht werden, um endlich den kaputten Kühlschrank zum Händler zurückzubringen. Am Sonntag will der Vater mit seiner Tochter ins Grüne.

Doch gleich beim ersten Versuch kommt der Plan ins Stocken. Zwar meldet sich Donnerstag Nacht um 23 Uhr sofort ein sehr kompetenter Gesprächspartner an der Strippe. Doch die Freude währt nur kurz. Als erstes erfährt der frischgebackene Autoteiler, dass die Ausleihstation um die Ecke schon vor etwa einem Jahr mangels Nachfrage geschlossen wurde. Die nächste liegt etwa eine Viertelstunde mit dem Bus entfernt. Einen Smart kann man dort zwar bestellen, aber nicht unter dieser Nummer.

Die Smarts nehmen an einem neuen Versuch teil. Bisher musste jedes StattAuto nach Gebrauch wieder genau an der Station abgestellt werden, an der es ausgeliehen wurde. Künftig soll man das Auto an jeder Station in der Stadt zurückgeben können.

Wunderbare Aussichten. Doch jetzt heißt es erst einmal warten, denn das Projektbüro ist erst wieder um 9 Uhr besetzt. Am anderen Morgen heißt es: "Bestellungen für den Smart werden erst zwei Stunden vor dem Ausleihtermin entgegengenommen." Herr Fischer wird also erst um 14 Uhr erfahren, ob er um 16 Uhr ein Auto hat oder doch wieder die U-Bahn nehmen muss.

Es geht alles gut. Beim dritten Versuch wird das Auto zugeteilt: Station Mehringdamm, drei U-Bahn-Stationen vom Büro. Die Station entpuppt sich nach einigem Suchen als schäbiger Hinterhof eines Finanzamts. Neben zwielichtigen Autowerkstätten und Pommesbuden stehen tatsächlich einige StattAutos, aber kein Smart. Anruf bei der Zentrale: ein Missverständnis. Das Auto stehe an einer anderen Station am Mehringdamm, nur fünf Fußminuten entfernt. Dort parken zwei Smarts an der Straße, aber nirgendwo ein Tresor für die Schlüssel.

Was würde ein typischer Car-Sharing-Kunde tun? Vielleicht die nächste Espressobar aufsuchen und dort bei einem Cappuccino den Barkeeper ausquetschen? Gesagt, getan. Noch während die Kaffeemaschine zischt, entdeckt Herr Fischer das kleine rote Kästchen, das malerisch in den Gartenzaun der Bar eingelassen ist. Die Leute von StattAuto wissen, wie man die Sache spannend macht.

Die Fahrt mit dem kleinen Stadt-Hopser wird ein echtes Vergnügen. Die Freunde vor der Sauna wundern sich auch nicht schlecht und bestaunen das skurrile Gefährt ausgiebig. Mehr Aufmerksamkeit hätten sie einem richtigen neuen Auto nicht gewidmet.

Am nächsten Tag geht das lustige Stadtindianerspiel weiter. Der Smart wird hinter dem Rathaus Neukölln geparkt, das Fahrtenbuch ordentlich ausgefüllt und der Schlüssel in den Tresor geworfen. Um an den Kombi zu kommen, muss Herr Fischer aber noch zwei Stationen U-Bahn fahren, denn an der Station Neukölln war ein solches Auto am Samstag "leider nicht verfügbar".

Die Zeit drängt

Nach der U-Bahn wieder zehn Minuten Fußweg und die Suche nach der Ausleihstation. Aber inzwischen sind ihm die Vorlieben der Car-Sharer ja bekannt und er sucht gezielt nach großen Verwaltungsbauten. Diesmal steht der bestellte Opel-Astra-Caravan auf einem Parkplatz hinter dem Rathaus Kreuzberg. Wieder das Hantieren mit Kodekarte und Tresorschlüssel, wieder Püfen von Benzin und Kilometerstand. Dann mit dem Wagen erst mal die sechs Kilometer nach Hause zurück, um den Kühlschrank einzuladen. Danach wieder in die gleiche Richtung zum Elektrohändler und mit einigem Gezeter den Kühlschrank getauscht.

Mittlerweile hat Herrn Fischer nicht nur das schwere Kühlmöbel und der halsstarrige Händler ins Schwitzen gebracht, sondern auch die Zeit. Durch das Hin und Her sind die veranschlagten zwei Stunden schon um, als er beim Händler steht. Anruf bei der Bestellzentrale: "Ihre Kundennummer bitte." Die liegt natürlich im Auto, das parkt in der zweiten Reihe. Langsam wird die Sache stressig. Zum Glück ist die Verlängerung um zwei Stunden kein Problem. Mit dem neuen Kühlschrank zurück nach Hause, ausladen, Tochter vertrösten, sechs Kilometer zurück zur Ausleihstation, auschecken, zur U-Bahn laufen. Es ist jetzt nachmittags um drei. Die Aktion hat Rolf Fischer zwar nur gut 30 Mark gekostet, 4 Stunden Nutzung zu je 6 Mark und knapp 10 Mark für 25 Kilometer. Aber wäre Rolf Fischer nicht besser gefahren, wenn er das Doppelte draufgelegt und sich ein Lasten-Taxi genommen hätte?

Die Auto-Tour mit seiner Tochter verschiebt Rolf Fischer erst einmal. Er geht am Sonntag lieber mit ihr in den nahe gelegenen Park. Das schont nicht nur seine Nerven, sondern erspart dem Kind möglicherweise auch eine umständliche Anfahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur "nächstgelegenen" Ausleihstation.

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