Carpediem Meldung

Mitarbeiter des Finanz­vertriebs Carpediem werben Anleger mit zwei­stel­ligen Rendite­prognosen für eine riskante Beteiligung. Das Geld für die Investition sollen Anleger aufbringen, indem sie Versicherungen, Investmentfonds und Bauspar­verträge kündigen und das zurück­erstattete Geld in einen Zins­differenzfonds der Cis AG investieren.

„Massenmanipulation durch Vater Staat“

Der Finanz­vertrieb Carpediem aus Seligen­stadt will bei Anlegern für „Wahr­heit, Klarheit, Ehrlich­keit“ sorgen. Was der Vertrieb darunter versteht, verbreitet er insbesondere im Branchenblatt „Der Freie Berater“, das vor allem von Finanzberatern gelesen wird. Danach besitzen Anleger staatlich geförderte Alters­vorsorgever­träge, Kapital­lebens­versicherungen, fonds­gebundene Renten­versicherungen oder Bauspar­verträge nur deswegen, weil sie von Anbietern sowie Vater Staat manipuliert und über die Erträge falsch informiert werden. Die nied­rige Verzinsung dieser Verträge, die zwischen 1 und maximal 5 Prozent liege, lässt aus Sicht des Blattes und des Vertriebs einen Vermögens­aufbau nicht zu.

„Vermögens­aufbau nur mit Renditen über zehn Prozent“

Wer ehrlich aufkläre, wisse, dass ein Vermögens­aufbau nur mit zwei­stel­ligen Renditen zu schaffen sei, meint der Vertrieb Carpediem, der Haupt­gesell­schafter bei „Der Freie Berater“ ist. Die Zeit­schrift und Carpediem empfehlen deshalb, alle „konventionellen Sparformen“ am besten umge­hend zu kündigen und das erstattete Geld in den Garantie Hebel Plan `08 Premium Vermögens­aufbau AG & Co. KG der Cis Deutsch­land AG in Frank­furt am Main zu stecken. Das Investment würde Renditen von zehn Prozent und mehr erzielen.

Investition in hoch­riskante Beteiligung

Der Garantie Hebel Plan `08 Premium Vermögens­aufbau der Cis AG investiert das Anlegergeld sowie ein zusätzlich aufgenom­menes Darlehen in ausländische Lebens­versicherungen und andere Anlagen. Da der Darlehens­zins nied­riger als die erzielte Rendite sei, würden Anleger an der Differenz zwischen Rendite der Anlage und dem Zins für das aufgenom­mene Darlehen verdienen. Das kann aber auch schief­gehen (siehe Absatz unten: Zahlen­spielereien der Cis AG). Hinzu kommt, dass die Gesamt­kosten für eine Einmal­anlage, einer Kombination aus Einmal­anlage und Sparplan oder einem Sparplan für den Anleger hoch sind. Sie betragen für den zehn bis 30 Jahre laufenden Garantie Hebel Plan laut Prospekt in den ersten 12 Jahren über 20 Prozent des Anlegergelds in Höhe von 52 Millionen Euro. Dabei wird die Anlage vor allem durch die laufenden Kosten von jähr­lich 1,4 Prozent der einge­zahlten Beteiligungs­summe des Anlegers teuer. Wegen der vielen Risiken des Investments weist auch der Prospekt auf einen möglichen Total­verlust der Anlage hin.

Kündigungs­service der Carpediem

„Verluste? Nicht mit uns! Wir fordern Ihre Rechte ein!,“ wirbt Carpediem, um Anleger über die Hürde der Vertrags­auflösung zu helfen. Damit das möglichst schnell klappt, vermittelt Carpediem Rechts­anwälte, die die Vertrags­auflösung für die Kunden erledigen sollen. Das kostet für den ersten Vertrag 99 Euro und für jeden weiteren Vertrag 49 Euro, erklärt Daniel Shahin, Geschäfts­führer der Carpediem GmbH. Der Anleger unter­schreibt dazu eine Mandats­ver­einbarung, in der er den Anwalt bevoll­mächtigt einen oder mehrere Verträge durch Wider­spruch, Widerruf oder Kündigung aufzulösen. Zurück­erstattete Beträge werden dann in den Garantie Hebel Plan investiert. Die Zahlungs­abwick­lung erfolgt ausschließ­lich über das Konto des Rechts­anwalts. Inzwischen setzt Carpediem auch einen Makler ein, der die Vertrags­auflösungen voran­treiben soll.

„Möchtest Du viel Geld verdienen?“

Um den Garantie Hebel Plan unters Volk zu bringen, sprechen Carpediem-Mitarbeiter zum Beispiel Bekannte an. Ob sie nicht auch mal richtig Geld verdienen möchten, werden mögliche Kunden gefragt. Wer da „ja“ sagt, wird zu einem deutsch­land­weit am Samstag statt­findenden Firmen­geschäfts­präsentation (FGP) der Carpediem einge­laden. Dort werden mit Hilfe eines Aufklärungs­films (Siehe Absatz unten: Film zur Verkaufs­unterstüt­zung) Produkte wie zum Beispiel Lebens­versicherungen oder Bauspar­verträge als verlust­bringende Kapital­anlagen dargestellt und die Investition bei der Cis AG als die Lösung aller Probleme angepriesen. Teilnehmer des Seminars könnten viel Geld verdienen, wenn sie Verwandten, Freunden und Bekannten ihr neu gewonnenes Wissen weitergeben würden. Dazu werden sie bei der FGP aufgefordert, einen Assistenz­vertrag unter­schreiben. Sie verpflichten sich sodann, am darauf folgenden Montag am Kundenwork­shop teil­zunehmen.

Neue Vermittler müssen Vertrauen in Betrieb beweisen

Zu dem Kundenwork­shop sollen alle neuen Mitarbeiter ihre alten Verträge mitbringen, damit diese von Carpediem gekündigt werden können. Auf dem Work­shop selbst müssen die „Neuen“ einen Garantie Hebel Plan zeichnen, um ihr Vertrauen in den Vertrieb unter Beweis zu stellen. Dabei werden die Summen, die der Einzelne in den Vertrag einzahlen soll, von einem Carpediem-Mitarbeiter berechnet. „Der geht spät­abends herum und rechnet jedem Einzelnen seine Rentenlücke aus. Entsprechend der berechneten Summe wird dann ein monatlicher Betrag von meist 150 bis 250 Euro in den über zehn bis 30 Jahre laufenden Vertrag einge­setzt. Bei Leuten mit Spargeld wird zusätzlich eine Einmal­anlage vereinbart,“ berichtet ein Carpediem-Mitarbeiter. Wer Zweifel habe, ob er die monatliche Rate auch zahlen könne, werde auf seine tollen Verdienst­möglich­keiten bei Carpediem hingewiesen. Nach der Unter­schrift werden die Mitarbeiter für den kommenden Mitt­woch zu einem Erfolgs­training (ET) verpflichtet.

Vermittler geben Adressen von Bekannten preis

Beim Erfolgs­training müssen neue Mitarbeiter Namen und Hand­ynummern von Verwandten, Freunden und Bekannten aufschreiben. Anschließend müssen sie diese anrufen und sie fragen, ob sie nicht auch mal Geld verdienen wollen. Um die Neugier der Angerufenen zu wecken, darf der Anrufer nicht sagen, wie das geht. Vielmehr muss er sagen: „Das darf ich Dir nicht erklären, da musst Du mit meinem Chef sprechen“. Beim darauf statt­findenden „Chef­gespräch“ wird dem Interes­senten erklärt, dass er die Verdienst­möglich­keiten nur auf einer FGP kennen­lernen könne. Da diese hoch frequentiert sei, müsse er 50 Euro Kaution zahlen. Dafür könne man ihm dann einen Platz frei halten. Erscheint der Interes­sent auf der FGP beginnt das Programm von vorn.

Ohne jedes Fachwissen ganz nach oben

Carpediem ist stolz auf sein System der Kundengewinnung, das wie ein Schnee­ball­system funk­tioniert. Jeder kann hier die Karriereleiter „bis ganz nach oben ohne jedes Fachwissen erklimmen“, heißt es in einem Carpediem-Newsletter. Bei Carpediem gibt es keine Beratungs- und Verkaufs­gespräche. Interes­senten werden auf Seminaren informiert und sollen dann erst mal zur „Eigen­versorgung“ selbst einen Vertrag abschließen. Fachwissen braucht ein Interes­sent dafür nicht, „weil er lediglich mit seiner Gruppe quasi als Promoter Menschen auf Seminare bewegt.“ Damit sei ein expansiver Organisations­auf- und -ausbau möglich. Das einzig­artige System erfordere keine Zulassung, keine Prüfung und kein Fachwissen von Neueinsteigern. Dennoch erhielten Mitarbeiter Einnahmen wie Vermittler, schreibt Carpediem. Mitarbeiter, die sich bei Finanztest melden, bestreiten das. Sie behaupten, dass von ihnen verdiente Provisionen mit faden­scheinigen Begründungen vorenthalten werden. Das habe zur Folge, dass sie ihren Garantie Hebel Plan nicht mehr bedienen könnten und sie Ärger mit der Cis AG bekämen (Insiderberichte).

Film zur Verkaufs­unterstüt­zung

Anstelle einer Beratung wird Seminar­teilnehmern ein Aufklärungs­film von Carpediem und der Zeit­schrift „Der Freie Berater“ vorgespielt. „Der Aufklärungs­film ist das High­light und Kern­stück des Vertriebs­alltages. Ziel eines jeden Vertriebs­part­ners muss es sein, so viele Film­vorführungen wie möglich zu praktizieren. Denn je mehr Menschen aufgeklärt werden, umso mehr Kunden und infolge auch umso mehr Mitarbeiter entstehen“, heißt es dazu in einem Carpediem- Ausbildungs­leitfaden. Zusätzlich zum Film sollen Carpediem-Vermittler Kunden das Vertriebs­blatt „Der Freie Berater“ kostenlos über­lassen. Sie selbst müssen pro Blatt 1,50 Euro zahlen.

Inflation wird nach Gefühl berechnet

Im Film wird möglichen Kunden erklärt, dass einzig der Finanz­vertrieb Carpediem in Zusammen­arbeit mit der Zeit­schrift „Der Freie Berater“ weiß, wie man wirk­lich zu einem Vermögen kommt. Als erstes wird Zuschauern erklärt, dass konventionelle Spar­anlagen wie etwa Lebens­versicherungen, Spar­verträge oder Renten­versicherungen nichts taugen. Anders­lautende Informationen seien auf die jahr­zehnte­lange Manipulation der Verbraucher durch Anbieter und Medien sowie Vater Staat zurück­zuführen. Auch die vom Statistischen Bundes­amt anhand eines fest­gelegten Warenkorbs berechneten Inflations­raten (Januar 2011 = 1,9 Prozent) seien manipuliert. Der Film rechnet Zuschauern eine gefühlte Inflations­rate von 3 Prozent vor. Dabei wird der Preis­anstieg von Waren wie Benzin oder Pizza verglichen, deren Preis in den letzten Jahren besonders gestiegen ist. Dass Preis­erhöhungen bei einem Posten wie zum Beispiel der Gastronomie beispiels­weise durch gesunkene Preise etwa für Kleidung teil­weise oder ganz ausgeglichen werden, spielt für Carpediem keine Rolle.

Stellung­nahme der Carpediem

Carpediem-Geschäfts­führer Daniel Shahin findet, dass Finanztest die Kosten der Anlage falsch berechnet. Er spricht von „Weich­kosten“ von nur 5 Prozent und betont, dass der Garantie Hebel Plan damit das güns­tigste Produkt am Markt sei. Bezüglich der Inflations­raten vertraue man auf den gesunden Menschen­verstand und die Fähig­keit, selbst nach­rechnen zu können. Andere Angaben zur Inflations­rate - etwa von Finanztest - seien manipuliert und führten in die Irre. Finanztest hatte die vom Statistischen Bundes­amt ermittelte Inflations­rate genannt.

Zahlen­spielereien der Cis AG

Laut Cis AG funk­tioniert die Hebel­wirkung wie folgt: Bei einem „Einfachhebel“ erhält der Anleger mit Eigen­kapital von 10 000 Euro noch 10 000 Euro Fremd­kapital. Für diesen Kredit zahlt er 4 Prozent Zinsen jähr­lich. Die 20 000 Euro werden angelegt. Bei einer angenom­menen Rendite der Ziel­anlagen von 8 Prozent würde der Anleger einen Zins­differenzgewinn in Höhe von 4 Prozent erzielen. Nach Abzug der Kreditzinsen blieben hier von der Anlagerendite die 4 Prozent übrig. Die Cis AG schlägt diese 4 Prozent auf die 8 Prozent Anlagerendite des Kunden drauf und kommt so auf 12 Prozent des Eigen­kapitals.

Was Anbieter verschweigen

Anbieter und Vermittler verschweigen Anlegern, dass der Hebel auch kräftig nach unten ziehen kann. Das passiert, wenn die Rendite der eigentlichen Anlage unter den Kreditzins fällt. Bereits bei einer Anlagerendite von 2 Prozent und einem gleich hohen Kreditzins von 4 Prozent rutscht die Anle­gerrendite ins Minus. Wird nur gerade einmal das Anlagekapital erhalten, kommt sogar eine Minusrendite von 4 Prozent heraus.

Warn­liste der Stiftung Warentest

Finanztest setzt den Finanz­vertrieb Carpediem wegen seiner unseriösen Vertriebs­methoden auf die Warn­liste. Ebenfalls auf die Warn­liste kommt die Cis Deutsch­land AG, die den Garantie Hebel Plan ´08 Premium anbietet. Dort steht auch schon das Vorprodukt, der Garantie Hebel Plan ´09 der Cis AG. Beide Angebote sind zur Alters­vorsorge wegen hoher Risiken und Kosten unge­eignet. Aus Sicht von Finanztest sind die Rendite­prognosen gewagt. Auch stehen die Unternehmen, in die das Anlegergeld investiert werden soll, zu Beginn der Anlage nicht fest. Die Gefahr für Anleger, dass hier vieles schief­gehen könnte und die prognostizierten Renditen nicht erzielt werden, ist hoch. Anleger können mit der Anlage sogar einen Total­verlust erleiden.

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