Interview: „Ein gewisses Maß an Hübschheit“

Brustvergrößerung Test

Professor Ada Borkenhagen ist psychologische Psychotherapeutin und Psychoanalytikerin. An der Universität Magdeburg untersucht die Wissenschaftlerin zur Zeit die Einstellung Jugendlicher zu ihrem Körper.

Gibt es auch in Deutschland einen Trend zu Schönheitsoperationen?

Die Zahl plastisch-chirurgischer Eingriffe, wie Fettabsaugen, Facelifting, Brustvergrößerungen oder Ohrenanlegen bleibt relativ konstant. Es gibt aber eine große Zunahme bei minimal-invasiven Verfahren mit Hyaluronsäure und Botox, um Alterserscheinungen weniger sichtbar zu machen.

Wie lässt sich dieser Trend erklären?

Die Bedeutung des körperlichen Aussehens hat in den letzten Jahrzehnten sehr stark zugenommen. Das hat wahrscheinlich damit zu tun, dass wir immer mehr aus traditionellen Bindungen herausfallen, die Berufsrolle oder die Stellung in der Gesellschaft nicht mehr von vornherein klar sind. Über die körperliche Erscheinung will man deshalb seine Identität ausdrücken.

Geht es bei Schönheitsoperationen nicht eher um standardisierte Schönheit?

Es handelt sich um eine gewisse Normierung der Körper, aber gleichzeitig wird sie vom einzelnen als individuelle Entscheidung erlebt. Man ist nicht mehr dem Schicksal unterworfen und kann etwas gegen das Altern tun. Es geht auch nicht um außergewöhnliche Schönheit, sondern eher darum, ein gewisses Maß an Hübschheit herzustellen, einen Durchschnitt, der aber für alle schon fast verbindlich ist.

Wer lässt sich operieren?

Es gibt vier verschiedene Typen – Menschen, die mit Faltenbehandlung, Faceliftung, Lidstraffung bestimmte Alterserscheinungen aufhalten wollen. Andere möchten ein einzelnes Körperteil verändern, eine krumme Nase zum Beispiel oder kleine Brüste. Dann gibt es viele junge Menschen, die sich von einer Schönheitsoperation eine neue Identität versprechen, nach dem Motto: Wenn ich aussehe wie Claudia Schiffer, dann lebe ich auch wie Claudia Schiffer. Außerdem gibt es Menschen mit einem gestörten Körperbild, die an einer Art Hässlichkeitswahn leiden.

Ist Schönheit denn wirklich der Schlüssel zu Glück und Erfolg?

Man ist nicht automatisch glücklicher, wenn man gut aussieht. Aber man hat vielleicht gewisse Vorteile, das zeigt sich immer wieder in Studien. Schönere Kinder bekommen zum Beispiel bessere Schulnoten oder man wird eher zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Aber das sollte man nicht überbewerten.

Sind Menschen nach einer Schönheitsoperation zufriedener?

Wenn es keine Komplikationen gegeben hat und wenn auch das ästhetische Ergebnis ansprechend ist, ist die Zufriedenheit mit diesem Eingriff relativ hoch. Allerdings gibt es auch einen bestimmten psychologischen Effekt, die Operation positiv zu sehen und zu erleben. Denn sonst würde man seine eigene Entscheidung in Frage stellen, so viel Geld dafür auszugeben.

Wie beeinflussen uns Werbung, Mode und Promipresse?

Ich denke, dass das einen großen Einfluss hat. Im Internet erfährt man täglich, welche Schauspielerin gerade wieder Botox gespritzt hat. Im Fernsehen sehen 50-jährige Schauspielerinnen meist mindestens zehn Jahre jünger aus, und die Spuren des Alters sind nicht sichtbar. Auch die Models, die die Zeitschrift Brigitte jetzt als normale Frauen präsentiert, sind ausnehmend schöne Frauen. Das macht einen enormen Druck, dass man das als normale Frau auch schaffen kann.

Kann man sich diesem Schönheitsdruck entziehen?

Dazu braucht es eine Auseinandersetzung damit, man muss quasi eine bewusste Entscheidung treffen. Es hilft wenig, das nur zu verteufeln, wenn diese Schönheitsnorm überall präsent ist. Wir sehen an jeder Bushaltestelle Werbung mit geschönten Körpern, das prägt natürlich sehr stark unser Bild.

Wie kann man lernen, den eigenen Körper zu akzeptieren, auch wenn er nicht perfekt ist?

Zum einen sollte man sich immer wieder klar machen, das sind geschönte Bilder, die nichts mit der Realität zu tun haben. Außerdem geht diese Körperakzeptanz nur über gelungene Beziehungen – dass ich so angenommen werde, wie ich bin. Das lässt sich natürlich nicht verordnen.

Kann man selbst einschätzen, wie realistisch die Erwartungen an eine Schönheitsoperation sind?

Wenn man eine Änderung seines Lebens erwartet, wenn man denkt, danach wird alles besser, ist das absolut unrealistisch. Das verweist eher auf ein seelisches Problem, das nach der Operation nicht besser werden wird. Wenn ich mir von einer Operation das bessere Aussehen meiner Nase oder meines Busens verspreche, aber nicht meine, dass mich dann irgendjemand mehr mag oder dass ich es leichter haben werde im Leben, ist das realistischer. Man sollte sich aber im klaren darüber sein, dass auch der Körper einer Mode unterliegt, nicht mehr nur die Kleidung. Gerade bei einer Brustvergrößerung kann sich das modisch wieder ändern. Da sollte man sich vielleicht überlegen, ob es nicht günstiger ist, einen gepolsterten BH zu tragen, den man dann auch wieder ablegen kann.

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