FAQ: Welche Auswirkungen hat die Brexit-Entscheidung für mich?

Brexit Special

Castle Stalker in den schottischen High­lands.

[19.7.2016] Der Brexit beein­flusst viele Lebens­bereiche. Finanztest beant­wortet Fragen von Renten- und Kranken­versicherten, Anlegern und Steuerzah­lern.

Geld­anlage

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Ich will nächstes Jahr nach Groß­britannien fahren. Soll ich jetzt schon Pfund kaufen?

Wenn Sie sich den güns­tigen Kurs von heute sichern wollen, können Sie das machen. Allerdings könnte das Pfund noch weiter fallen. Denken Sie auch daran, dass Sie aus Sicher­heits­gründen nicht so viel Bargeld zu Hause lagern sollten.

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Wäre jetzt nicht ein guter Zeit­punkt für Gold?

Nach dem über­raschenden Ausgang des Referendums stieg der Gold­preis, weil Anleger nach einem sicheren Hafen für ihr Geld suchten. Wir raten: Investieren Sie in Gold nicht mehr als 10 Prozent Ihres Geldes. Gold wird zwar wohl niemals wert­los werden, sein Preis schwankt aber oft stärker als der des Welt­aktien­indexes MSCI World.

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Sollte ich meine iShares-Fonds nun besser verkaufen? Die kommen doch auch von der Insel.

Nein. Die Fonds von iShares werden von der US-Fonds­gesell­schaft Black­rock angeboten, die in Europa mehrere Nieder­lassungen hat. Die Fonds sind in Irland, Luxemburg oder Deutsch­land aufgelegt. Ihre interna­tionalen Wert­papierkenn­nummern Isin beginnen mit IE, LU oder DE.

In Groß­britannien aufgelegte Fonds erkennen Sie am Kürzel GB. Sie werden zum Beispiel von M&G angeboten, von Columbia Threadneedle oder von Barings. Solange Groß­britannien EU-Mitglied ist, können GB-Fonds über­all in der EU vertrieben werden. Wie es danach ist, muss man abwarten.

Sie können die Fonds aber behalten: Auf unsere Nach­frage haben alle drei Anbieter bekräftigt, dass sie ihre Produkte weiterhin in Deutsch­land vertreiben wollen. Dazu können sie die Fonds zum Beispiel in Irland oder Luxemburg auflegen. Die britischen Gesell­schaften Aberdeen, Henderson, Schroders oder HSBC machen das jetzt schon so: Ihre in Deutsch­land angebotenen Fonds kommen aus Luxemburg.

Tipp: Aktuelle Daten zu rund 18 000 Investmentfonds, fast 4 000 davon mit Finanztest-Bewertung, zeigt der Produktfinder Fonds.

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Ich habe meinen ETF mit einem Stop-Loss abge­sichert, aber hohe Verluste erlitten. Wie kann das sein?

Das Problem bei einer Stop-Loss-Order ist: Fällt Ihr ETF auf einen bestimmten Wert, löst die Stop-Loss-Order einen Verkaufs­auftrag aus. Ihr ETF wird aber nicht zu diesem Wert verkauft, sondern zum nächsten Preis, der an der Börse ermittelt wird.

An Tagen wie nach dem Brexit-Votum kann dieser Preis deutlich unter dem Stop-Loss-Kurs liegen. Kombinieren Sie Ihre Stop-Loss-Order mit einem limitierten Verkaufs­auftrag. Dann wird nur zu dem von Ihnen gewünschten Preis verkauft oder gar nicht.

Tipp: Besser als ein Stop-Loss ist aus unserer Sicht ein breit gestreutes Depot. Dass es an den Aktienmärkten zwischen­zeitlich abwärts­geht, damit müssen Sie immer rechnen. Wenn Sie breit aufgestellt sind, ist dieses Risiko aber über­schaubar.

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Soll ich mir eine Immobilie in Frank­furt am Main kaufen und auf höhere Preise spekulieren?

Wie Sie schon sagen, das ist Spekulation. Ob die Finanzmetro­pole Frank­furt von einem Brexit tatsäch­lich so profitiert, wie viele schon im Vorfeld des Referendums angenommen haben, ist ungewiss. Einige Beob­achter vermuten, dass amerikanische Geldhäuser ihren Sitz nach Dublin statt Frank­furt verlagern könnten, auch Paris und Luxemburg sind im Gespräch – dann ziehen weniger Menschen an den Main.

Kranken- und Renten­versicherung

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Gilt der Schutz meiner gesetzlichen Kranken­versicherung weiterhin auf Reisen in Groß­britannien?

Ja. Alle gesetzlich Versicherten aus Deutsch­land oder einem anderen Land der Europäischen Union werden weiter mit ihrer Krankenkassenkarte behandelt. Erst wenn die Austritts­verhand­lungen abge­schlossen sind, endet der EU-Gesund­heits­schutz. Womöglich schließt das Vereinigte Königreich dann aber mit der Europäischen Union ein Sozial­versicherungs­abkommen, das auch die gesundheitliche Versorgung von EU-Bürgern in Groß­britannien und von Briten in EU-Ländern einschließt.

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Ich habe eine Zeit lang in Groß­britannien gearbeitet. Hat ein Brexit Auswirkungen auf meine Renten­ansprüche von dort?

Die Auswirkungen werden wohl nicht allzu groß sein. Selbst wenn das Europarecht, das die Renten­systeme der EU, Islands, Norwegens, Liechten­steins und der Schweiz koor­diniert, dort nicht mehr angewendet würde, gäbe es wohl ein Abkommen mit Deutsch­land. Rentenrecht­liche Zeiten würden dann immer noch gegen­seitig anerkannt.

Nachteile könnten aber Menschen haben, die nicht nur in Deutsch­land und Groß­britannien, sondern auch in anderen Ländern des Europäischen Wirt­schafts­raums gearbeitet haben. Für sie werden nicht mehr alle Zeiten zusammenge­rechnet, wenn es um die Mindest­versicherungs­zeit für einen Renten­anspruch geht. Das kann zum Beispiel wichtig sein, wenn Sie in Deutsch­land mit 63 Jahren in Rente gehen wollen. Dafür brauchen Sie mindestens 35 Versicherungs­jahre. Mehr dazu in unserem Special Auslandsrente.

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Soll ich meine britische Lebens­versicherung jetzt kündigen?

Nein – zumindest nicht ohne weitere Informationen von Ihrem Versicherer. Zwar kann sich die unsichere Wirt­schafts­lage negativ auf die Wert­entwick­lung der stark aktien­orientierten britischen Versicherungen auswirken. Die Kündigung bei Anbietern wie Stan­dard Life, Clerical Medical (seit 2016 Scottish Widows) und Legal & General führt aber voraus­sicht­lich zu großen Verlusten. Lassen Sie sich in einer Verbraucherzentrale helfen. Fragen Sie Ihren Anbieter vorher, was Sie nach einer Kündigung von Ihren Einzahlungen noch heraus­bekämen. Erkundigen Sie sich auch, welche Auswirkungen es hat, wenn Sie nicht kündigen, aber auch nicht weiter einzahlen.

Für die Über­wachung der meisten hier vertriebenen Lebens­versicherungen sind die Behörden Financial Conduct Authority und Prudential Regulation Authority zuständig, für den Insolvenz­schutz der Financial Services Compensation Scheme.

Steuern

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Wirkt sich ein Brexit auf das Doppel­besteuerungs­abkommen von Groß­britannien und Deutsch­land aus?

Wohl nicht. Das Doppel­besteuerungs­abkommen besteht seit 1967, wurde also vor Groß­britanniens Beitritt zur Europäischen Wirt­schafts­gemeinschaft geschlossen. Es gibt sogar Vereinbarungen aus den 50er-Jahren. Das Abkommen wurde immer wieder erneuert. Es handelt sich um bilaterale Verträge, weshalb ein Brexit keine direkten recht­lichen Auswirkungen haben dürfte.

Aber Achtung: Wer ein Ferien­haus in Groß­britannien hat, kann nach voll­zogenem Brexit keine Kosten für haus­halts­nahe Dienst­leistungen oder Hand­werk­erleistungen mehr absetzen. Denn das geht nur für Haushalte in der EU und im Europäischen Wirt­schafts­raum.

Brexit-Fahr­plan

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Wie geht es jetzt eigentlich weiter nach dem Referendum? Was ist der Fahr­plan?

Das Referendum ist recht­lich nicht bindend und führt nicht auto­matisch zum EU-Austritt Groß­britanniens. Das britische Parlament könnte sich dagegen entscheiden. Um die Verhand­lungen in Gang zu setzen, muss die Regierung den Austritt nach Artikel 50 des EU-Vertrags beantragen. Die Verhand­lungen dürfen bis zu zwei Jahre dauern. Wie die neuen Beziehungen aussehen, ist unklar. Womöglich stoßen die Briten zum Europäischen Wirt­schafts­raum, der Frei­handels­zone zwischen EU, Norwegen, Island und Liechten­stein. Ein weiteres Szenario wären bilaterale Verträge, wie sie die Schweiz mit der EU ausgehandelt hat.

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