Offene Immobilienfonds auch in London unterwegs

[14.7.2016] In Groß­britannien haben mehrere offene Immobilienfonds geschlossen und nehmen keine Anteile mehr zurück. Das weckt Erinnerungen an die Finanz­krise von 2007 und 2008, als mehrere deutsche Immobilienfonds schließen mussten – teils vorüber­gehend, teils für immer. Heute klären die Finanztest-Experten die Frage, ob Anleger in Deutsch­land vor einem ähnlichen Desaster stehen wie damals.

Viele Gründe sprechen gegen eine Krise

Mehrere Gründe sprechen dagegen, dass es in Deutsch­land erneut zu einer Krise bei den offenen Immobilienfonds kommt. Während die britischen Fonds fast nur in Immobilien aus Groß­britannien investiert haben, liegt der Anteil britischer Immobilien am gesamten Fonds­vermögen deutscher Fonds weit nied­riger. Am größten ist er mit 25 Prozent im Fonds Haus­invest (Commerz­bank), der Grund­besitz Europa (Deutsche Bank) hat 19,7 Prozent und der Deka-Immobilien Europa 18,1 Prozent. Die meisten Fonds haben noch weit weniger investiert (siehe Tabelle).

Die Tabelle zeigt den Anteil britischer Immobilien im Fonds­vermögen.

Fonds­name

Anteil (Prozent)

Haus­invest

25,0

Grund­besitz Europa

19,7

Deka-Immobilien­Europa

18,1

UniImmo: Global

11,6

Grund­besitz Global

9,7

Deka-ImmobilienGlobal

6,4

West­invest Interselect

5,9

UniImmo: Europa

4,8

UniImmo: Deutsch­land

3,0

Grund­besitz Fokus Deutsch­land

0,0

Lead­ing Cities Invest

0,0

    Stand: 31. Mai 2016

    Quelle: Anbieter

      Groß­britannien ist nicht gleich London

      Es ist möglich, dass der Wert britischer Immobilien fällt, es kommt aber darauf an, um was für Immobilien es sich handelt und wo sie stehen. London als Sitz vieler Banken könnte stärker betroffen sein als andere britische Städte, Büro­gebäude stärker als Einkaufs­zentren. Von den fünf britischen ­Immobilien des Grund­besitz Europa befinden sich nur drei in London, die beiden anderen in Glasgow und Edinburgh. Die größte britische Immobilie im Fonds Haus­invest ist das Shopping-Center West­field London. Nach Einschät­zung von Fonds­manager Mario Schüttauf dürfte der EU-Austritt Groß­britanniens keinen länger­fristigen Einfluss auf das Konsumverhalten der Menschen haben. „Groß­britannien – und hier insbesondere der Stand­ort London – wird trotz der Brexit-Entscheidung ein wichtiger globaler Immobilienmarkt bleiben“, sagt Schüttauf.

      Fonds fließt derzeit viel Geld zu

      Gegen hohe Mittel­abflüsse spricht auch, dass offene Immobilienfonds bei deutschen Anlegern derzeit hoch im Kurs stehen, weil sie eine rent­ablere Anlage versprechen als Tages­geld. Nach Angaben des Fonds­verbands BVI haben die Fonds in diesem Jahr 3,9 Milliarden Euro einge­sammelt, davon allein 1 Milliarde Euro im Mai. Einige Fonds nehmen wegen der hohen Nach­frage zurzeit sogar kein neues Geld mehr an.

      Neue Regeln sorgen für Ruhe

      Dass im Zuge der Finanz­krise so viele offene Immobilienfonds geschlossen werden mussten, lag über­wiegend an einigen Groß­investoren, die quasi über Nacht Millionensummen abzogen. Das ginge heute schon wegen der neuen Halte­fristen nicht mehr. Neuanleger müssen seit 2013 zwei Jahre warten, bis sie wieder an ihr Geld kommen, Altanleger dürfen 30 000 Euro pro Halb­jahr abheben. Die Fonds­anteile werden ohnehin meist von Privatkunden gehalten. Beim 13,8 Milliarden Euro schweren Deka-Immobilien Europa, dem zurzeit größten offenen Immobilienfonds am deutschen Markt, liegen 93 Prozent des Fonds­vermögens in der Hand von Anlegern, die weniger als 50 000 Euro investiert haben.

      Finanztest-Tipp für Anleger

      Für lang­fristig orientierte Anleger besteht nach unserer Ansicht keine Notwendig­keit, wegen des Brexits ihre Anteile an offenen Immobilienfonds zu verkaufen. Andere Stand­orte wie Frank­furt oder Paris könnten von den Abwan­derungen der Bankenbranche aus London profitieren und so die Abwertung Londoner Büroflächen wieder ausgleichen. Abge­sehen davon bleiben wir bei unserem bewährten Rat, offene Immobilienfonds nur zur Beimischung und nicht als Basis­anlage zu nutzen.

      Dieser Artikel ist hilfreich. 119 Nutzer finden das hilfreich.