Brexit Special

[29. Juni 2016] Sollten die Wechselkurs-Schwankungen deutschen Anlegern Angst machen? Was bedeutet es, dass das britische Pfund gegen­über Euro und Dollar so stark an Wert verloren hat? In der zweiten Folge unserer kleinen Brexit-Serie beschäftigen wir uns mit dem Thema Währung.

Hohe Kurs­verluste binnen weniger Stunden

Als sich am Morgen des 24. Juni 2016 ein Vorsprung für die Brexit-Befür­worter abzeichnete, lief nahezu gleich­zeitig die Nach­richt vom Absturz des britischen Pfunds über den Ticker. Noch in der Nacht war ein Pfund 1,31 Euro wert. Am Morgen lag der Kurs zwischen­zeitlich bei nur noch bei gut 1,20 Euro, ein Minus von 8,4 Prozent in wenigen Stunden. test.de erklärt die Hintergründe.

Pfund gegen­über dem Dollar schwächer als gegen­über dem Euro

Brexit Special

Der Wert einer Währung bestimmt sich nach Angebot und Nach­frage. Je mehr Menschen verkaufen wollen, umso stärker fällt der Preis. Wie viel eine Währung wert ist, wird ermittelt, indem man sie ins Verhältnis zu einer anderen Währung setzt. Im Verhältnis zum Euro zum Beispiel hat das Pfund weniger verloren als im Verhältnis zum Dollar (siehe Grafik). Das lag daran, dass gleich­zeitig – wegen der unsicheren Zukunft von Euro­land – auch der Euro zum Dollar verlor. Am Montag nach dem Referendum fiel das Pfund abermals, zwischen­zeitlich lag es sogar leicht unter der Marke von 1,20 Euro.

Sekunden­schneller Handel

Am Devisenmarkt handeln verschiedene Gruppen von Akteuren. Sie lassen sich von unterschiedlichen Motiven leiten und haben andere zeitliche Horizonte. Die erste Gruppe sind die Devisenhändler der Banken, die Geschäfte für alle Bank­kunden abwi­ckeln – ange­fangen von Touristen, die Geld umtauschen wollen, bis hin zu Devisen­geschäften der Unternehmen. Außerdem betreiben die Banken Eigen­handel, indem sie kleinste Kursunterschiede ausnutzen. Wenn sie bei einem Händler Dollar, Pfund oder eine andere Währung billig kaufen und sie ein klitze­kleines biss­chen teurer bei einem anderen Händler wieder verkaufen können, dann schlagen sie sekunden­schnell zu. Am Ende des Tages schließen sie ihre offenen Positionen, über Nacht spekulieren sie meist nicht.

Vermögens­verwalter wägen ab

Die zweite Gruppe besteht aus Fonds­gesell­schaften und Vermögens­verwaltern, die in Aktien und Anleihen investieren. Wenn sie eine Nach­richt wie die vom Sieg der Brexit-Befür­worter hören, entscheiden sie, ob sie an ihren Portfolios etwas ändern. Mancher Vermögens­verwalter hat sich angesichts der unüber­sicht­lichen neuen Situation zum Verkauf seiner Aktien entschlossen. Den Verkaufs­erlös in Pfund – britische Aktien notieren in britischen Pfund – hat er dann in seine Heimatwährung getauscht, etwa in Euro oder Dollar. Das heißt: Euro oder Dollar waren nachgefragt, der Preis stieg, das Pfund hingegen fiel. Andere Fonds­manager haben sich womöglich über­legt, britische Aktien zu behalten, wollten aber das Währungs­risiko ausschalten. Das war auch nicht abwegig: Schließ­lich fiel der britische Aktien­index FTSE100 am Tag nach dem Brexit nur um rund 3 Prozent – in lokaler Währung, also britschen Pfund gerechnet. Aus Euro-Sicht betrug der Verlust allerdings dreimal so viel: 9 Prozent. Um das Währungs­risiko auszuschalten, können sich die Fonds­manager am Terminmarkt absichern. Allerdings wirkt sich das auf den Währungs­kurs nicht sofort, sondern erst drei Monate später aus. Wie die Absicherung funk­tioniert, können Sie im Special Währungsrisiken: Die oft überschätzte Gefahr nach­lesen. Und zu guter Letzt haben ein paar Manager nicht nur ihre Wert­papier­positionen über­dacht, sondern auch die (Pfund-)Barbestände vorsichts­halber in eine andere Währung getauscht. Auch das drückte den Preis des britischen Pfunds.

Unternehmen brauchen Planungs­sicherheit

Eine dritte Gruppe am Devisenmarkt bilden die Unternehmen, also zum Beispiel Auto­firmen, Maschinenbauer oder Chemiekonzerne. Alle, die Waren exportieren und den Preis für ihre Waren in einer fremden Währung bekommen, über­legen sich, ob sie die fremde Währung erst zu dem am künftigen Zahltag gültigen Kurs umtauschen – oder ob sie sich nicht lieber jetzt schon einen Preis für die Zukunft sichern: damit sie besser kalkulieren können und früh wissen, was sie an ihrem Geschäft verdienen. In beiden Fällen werfen sie die fremde Währung auf den Markt, während sie ihre eigene Währung nach­fragen. Diese Gruppe tätigt eher lang­fristige Geschäfte, häufig sichern sich die Unternehmen auf Ein- oder Zwei­jahres­sicht ab.

Spekuliert wird immer

Auf dem Devisenmarkt tummeln sich immer auch Spekulanten, die keinerlei Grund­geschäfte tätigen und auch nichts abzu­sichern haben. Ihnen geht es einfach um eine Wette auf fallende oder steigende Kurse. Als Gegen­part für all die Geschäfte der Banken, Vermögens­verwalter und Unternehmen sind sie freilich oft unver­zicht­bar. Das ist wie im wirk­lichen Leben: Wer sein Auto verkaufen will, braucht jemanden, der es ihm abkauft.

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