Brexit Special

[30. Juni 2016] Eine Woche nach dem Referendum haben sich die Gemüter ein wenig beruhigt. Der erste Schock ist vorbei, doch die Unruhe an den Kapitalmärkten noch nicht ausgestanden. Das zeigt sich daran, dass Anleger immer noch versuchen, ihr Geld in Sicherheit zu bringen – und zum Beispiel Bundes­anleihen kaufen. Für Sparer bedeutet das: noch nied­rigere Zinsen. test.de erläutert das Geschehen an den Anleihemärkten.

Bundes­anleihen als sicherer Hafen gefragt

Vor noch nicht allzu kurzer Zeit, am 14. Juni, war es die Nach­richt des Tages: die Renditen für zehnjäh­rige Bundes­anleihen fielen erst­mals unter Null und lagen kurz­zeitig bei minus 0,01 Prozent pro Jahr (siehe unsere Meldung Minusrendite für zehnjährige Papiere). Danach ging es wieder für ein paar Tage ins Plus. Nach dem Brexit haben die Anleiherenditen das Minus jedoch ausgebaut, auf knapp minus 0,13 Prozent pro Jahr. Das heißt: Investoren, die Deutsch­land Geld leihen wollen, bekommen keine Zinsen dafür, sondern müssen welche zahlen. Weil sie jedoch die deutsche Kreditwürdig­keit und eine sichere Anlage in unsicheren Zeiten so sehr schätzen, sind sie bereit dazu. Ebenfalls negative Zinsen für zehnjäh­rige Anleihen gibt es in der Schweiz. Dort sind sie sogar noch nied­riger als in Deutsch­land, zuletzt minus 0,5 Prozent pro Jahr. Zehnjäh­rige US-Anleihen bringen immerhin noch knapp 1,5 Prozent pro Jahr (siehe Grafik).

Brexit Special

Nach dem Brexit-Votum suchten Anleger einen sicheren Hafen für ihr Geld. Beliebt waren zum Beispiel Bundes­anleihen.

Groß­britannien auf AA herab­gestuft

In Groß­britannien voll­zieht sich die Entwick­lung erstaunlicher­weise in dieselbe Richtung. Die Renditen für zehnjäh­rige Gilts, die britischen Staats­anleihen, sind nach dem Brexit-Entscheid binnen weniger Tage von 1,5 Prozent auf weniger als 1,1 Prozent pro Jahr gesunken. Selbst als die Rating­agentur Stan­dard & Poor‘s die Kreditwürdig­keit Groß­britanniens von der Bestnote AAA um zwei Stufen auf AA gesenkt hat, sind die Renditen nicht gestiegen. Normaler­weise gilt: Je geringer die Kreditwürdig­keit, desto mehr Zinsen muss ein Land zahlen. Doch in diesem Fall war die Nach­frage nach den Anleihen so hoch, dass die Renditen weiter fielen.

Abklingende Sorgen um Euroländer

Der Zusammen­hang zwischen Kreditwürdig­keit und Zinsen zeigte sich allerdings in den Krisen­staaten des Euroraums. In Griechen­land, Spanien und Italien sind die Renditen nach dem Referendum kurz­zeitig angestiegen – aus Sorge, dass die ungewisse wirt­schaftliche Zukunft das Staats­schulden­problem dieser Länder wieder verschärfen könnte. Doch mitt­lerweile hat sich auch dort die Lage wieder beruhigt: Die Renditen sinken wieder, teil­weise sind sie geringer als noch Anfang Juni. In Griechen­land liegen sie allerdings immer noch über dem Vor-Brexit-Niveau.

Nied­rigzins­phase noch nicht beendet

Sparer, die seit geraumer Zeit auf ein baldiges Ende der Nied­rigzins-Ära hoffen, müssen wohl weiter warten. „Insgesamt wird das Nied­rigzins­umfeld hier­zulande durch den Brexit mani­festiert“, schreibt die Helaba. Und der Vermögens­verwalter Pimco analysiert: „Wir gehen davon aus, dass die Bank of England ihren offiziellen Leitzins relativ zügig von 0,5 Prozent auf null Prozent reduzieren wird, und, falls nötig, auch das Quantitative-Easing-Programm neu auflegen wird.“ Mit Quantitative Easing, deutsch quantitative Lockerung, ist eine unkonventionelle expansive Geld­politik gemeint, zu der zum Beispiel solche Anleihekauf­programme gehören, wie sie die EZB Anfang 2015 aufgelegt und seither noch ausgeweitet hat. Einzel­heiten finden Sie im Beitrag Anleihekaufprogramm der EZB: Die große Geldflut und die Folgen. Und auch in den USA sei eine Leitzins­erhöhung im Juli nun wohl vom Tisch, meint Pimco.

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