Brexit Special

Auf den Schock folgt die Analyse. In der neuesten Folge unserer Brexit-Serie zeigen die Finanztest-Experten, wie Aktienfonds den Crash nach der Volks­abstimmung über­standen haben, und erläutern die Folgen für Anleger.

Die Ruhe war von kurzer Dauer

Brexit Special

Schwer vorstell­bar, dass Groß­britannien bald nicht mehr zur EU gehören soll. Jahre­lange Gewohn­heiten wie ungehindertes Reisen, die freie Wahl des Studien- oder Wohn­orts oder unkomplizierte Wirt­schafts­beziehungen ändern sich dann. An der Börse sah es dennoch erst so aus, als wäre der Brexit nur ein kleiner Einschnitt: An den ersten beiden Handels­tagen nach dem über­raschenden Votum fiel der deutsche Aktienmarkt, gemessen am Index MSCI Deutsch­land, um 9,4 Prozent. Den britischen Markt hat es – in Euro gerechnet – stärker erwischt: um 13,3 Prozent brachen die Kurse ein. Europa insgesamt lag zunächst mit 10,5 Prozent im Minus. Wenige Tage später hatten die Börsen die anfäng­lichen Verluste zu einem großen Teil wieder aufgeholt (siehe Grafik). Doch die Ruhe war von kurzer Dauer, dann ging es wieder abwärts. Analysten sind sich einig, dass das Hin und Her noch Monate, wenn nicht Jahre weitergeht.

Top-Europafonds im Brexit-Test

Finanztest hat untersucht, wie sich die mit der Bestbewertung von fünf Punkten ausgezeichneten Aktienfonds Europa rund um das EU-Austritts­referendum am 23. Juni geschlagen haben. Verluste haben alle gemacht. Zehn von 22 Fonds haben es aber geschafft, im Juni besser abzu­schneiden als der Index MSCI Europe. Der hat vom 31. Mai bis zum 30. Juni 4,2 Prozent verloren. Einige Fonds haben sich teils erheblich schlechter als der Index entwickelt (siehe Tabelle).

Fonds

Verlust im Juni (Prozent)

Comgest Growth Europe

-1,2

MFS Meridian European Value

-1,3

Invesco Europa Core Aktienfonds

-3,2

J O Hambro European Select Values

-3,2

Vontobel European Equity

-3,5

JPM Europe Strategic Growth

-3,6

Robeco European Conservative Equities

-3,8

Uni-Global Equities Europe

-3,9

Spängler Iqam Quality Equity Europe

-4,0

LO Europe High Conviction

-4,1

Vergleichs­index MSCI Europe

-4,2

Digital Stars Europe

-4,2

Fidelity European Dynamic Growth

-4,2

Threadneedle Pan European Equity Dividend

-4,3

Comgest Growth Greater Europe Opportunities

-4,6

Allianz Europe Equity Growth

-4,9

Jupiter European Growth

-5,2

Invesco Pan European Structured Equity

-5,9

Black­Rock European Equity Inc.

-6,7

DNCA Value Europe

-7,2

Black­Rock European Special Situations

-7,3

Invesco Pan European Equity Inc.

-8,4

GAM Star European Equity

-9,7

    Quelle: Thomson Reuters

    Zeitraum: 31. Mai bis 30. Juni 2016

      Comgest vorn

      Am besten abge­schnitten hat der Fonds Comgest Growth Europe. Sein Minus beträgt nur 1,2 Prozent. Im Vergleich zum Index hat der Fonds einen recht hohen Anteil französischer Aktien und relativ wenige britische Titel. Doch das ist eher ein Neben­effekt als Absicht. „Makro­ökonomische Analyse spielt keine Rolle“, beschreibt Wolfgang Fickus von Comgest die Strategie. Es finde keine gezielte Länder- und Branchengewichtung statt. Das Fonds­management kauft Aktien rent­abler Unternehmen, die weit­gehend unabhängig von Konjunktur profitabel sind. Sie sollten über eine starke Markt­stellung verfügen, die sie vor Konkurrenten schützt.

      Keine Bank­aktien im Portfolio

      Ein Grund, warum der Fonds den Brexit-Crash so gut über­standen hat, könnte aber sein, dass er keine Bank­aktien hat – die es nach dem Referendum besonders übel erwischt hat. „In der Vergangenheit haben wir nie in Banken oder Versicherungen investiert“, sagt Fickus. Unter den größten Positionen des Fonds sind mit der Textilfirma Inditex, in Deutsch­land mit der Marke Zara bekannt, und dem Reisesoftwarespezialisten Amadeus gleich zwei spanische Werte.

      Ölwerte kamen gut davon

      Erstaunlicher­weise sieht der Fonds, der am schlechtesten abge­schnitten hat, der GAM Star European Equity, auf den ersten Blick ähnlich aus wie der beste. Auch er hat im Vergleich zum MSCI Europe mehr französische und weniger britische Aktien. Die Ende Mai größte Position im Fonds, der französische Ölkonzern Total, ist dabei noch glimpf­lich durch die Krise gekommen. Ölwerte haben in diesem Jahr generell ganz gut abge­schnitten (siehe Öl lief super, Banken mies). Auch sind recht wenig Finanz­titel im Portfolio.

      Baubranche rutscht ab

      Trotzdem hat der Fonds im Vergleich zum Index im Juni um 5,5 Prozent­punkte schlechter abge­schnitten. Das liegt unter anderem an Firmen wie King­span und Grafton Group, die in der Baubranche tätig sind. Der Baustoff­hersteller King­span sitzt in Irland und ist nach Angaben von Manager Niall Gallagher stark in seinem Heimatmarkt vertreten. Den Iren macht der Brexit wegen der engen Verbindungen zu Groß­britannien schwer zu schaffen. Gemessen am Index MSCI Ireland hat der Aktienmarkt im Juni 11,4 Prozent einge­büßt, etwa doppelt so viel wie der deutsche und der französische Markt. Die Aktie von King­span hat 22,7 Prozent verloren.

      Nicht auf Brexit spekuliert

      Ein weiterer irischer Wert im Portfolio ist der Billigflieger Ryanair, der nach dem Referendum ebenfalls abge­stürzt ist: Minus 19,7 Prozent. „Wenn wir darauf spekuliert hätten, dass es zum Brexit kommt, hätten wir das Portfolio anders zusammen­gestellt“, sagt Gallagher. An den Positionen will er voraus­sicht­lich jedoch nichts ändern. Ryanair und King­span seien gut aufgestellt, die irische Wirt­schaft stark. „Wir warten ab, bis sich die Lage wieder beruhigt hat“, sagt Gallagher.

      Nicht nur Minus bei den Briten

      Der zweit­platzierte MFS Meridian European Value Fonds hat besser abge­schnitten als der Index, obwohl seine Länder­aufteilung der des Index MSCI Europe recht ähnlich ist. 27,5 Prozent britische Aktien hat der Fonds Ende Mai im Portfolio, dazu je 17,8 Prozent aus Deutsch­land und der Schweiz. Ein Blick auf die größten Positionen deckt die Unterschiede auf. Von den Top-Werten des Index ist nur Nestlé auch unter den Top-Ten-Werten des Fonds. Aus Groß­britannien ist zum Beispiel Reckitt Benckiser im Fonds, Hersteller von Haus­halts­waren, außerdem die Cateringfirma Compass. Beide sind in der Woche nach der Abstimmung um 1 Prozent gestiegen (Stichtag 30. Juni 2016).

      Der Brexit ist nicht alles

      Reckitt Benckiser ist auch die Top-Position im Fonds Allianz Europe Equity Growth. Der Fonds hat im Juni 4,9 Prozent verloren, leicht mehr als der Index MSCI Europe. Matthias Born, Co-Manager des Fonds, sagt: „Es ist schwierig, sich auf ein politisches Ereignis hin auszurichten. Das haben wir im Vorfeld des Referendums auch nicht getan.“ Bei Banken zum Beispiel sei der Fonds schon seit Jahren nicht so stark investiert gewesen. „Aber das hat mit dem Brexit nichts zu tun, das hat andere Gründe“, sagt Born. Zum Beispiel machten die nied­rigen Zinsen den Banken zu schaffen, nun komme noch die Konkurrenz durch die Fintechs hinzu, Finanz­dienst­leister im Internet.

      Schlechte Zeiten für Banken

      Europäische Banken liegen gegen­über dem Jahres­beginn mit 28,7 Prozent im Minus (Stichtag 30. Juni 2016). Besonders schwer getroffen hat es die britischen Banken. Die Royal Bank of Scot­land hat im selben Zeitraum 49,6 Prozent einge­büßt und ist damit der größte Verlierer im britischen Leit­index FTSE 100. Auch die Kurse von Groß­banken anderer Länder sind einge­brochen. Die Aktie der Deutschen Bank hat seit Jahres­beginn 44,7 Prozent verloren. Sie ist der schlechteste Wert im deutschen Leit­index Dax.

      Italienische Geld­institute leiden unter faulen Krediten

      Zur unsicheren Lage am Finanz­platz London kam die wackelige Zukunft der italienischen Banken, die unter einem Berg fauler Kredite leiden und auf ein neuerliches Rettungs­paket hoffen. Die italienische Unicredit hat bis Ende Juni 60 Prozent an der Börse verloren. In den USA sieht es besser aus. Zwar ist auch im Dow Jones Index der schlechteste Wert eine Bank: Gold­man Sachs liegt aber nur mit 18,7 Prozent im Minus.

      Steigende Rohstoff­preise sorgen für Zuwachs

      Der beste Wert im FTSE 100 ist die Aktie des Berg­baukonzerns Anglo American: Sie legte dieses Jahr um 115 Prozent zu. Die Rohstoff­branche im Stoxx Europe 600 verzeichnet mit einem Plus von 20,6 Prozent den höchsten Zuwachs in diesem Jahr. Grund sind steigende Rohstoff­preise. Allerdings handelt es sich dabei gewissermaßen um die Korrektur einer Korrektur. Die Abwärts­bewegung zuvor war so stark, dass die Aktien­kurse schon etwa auf dem Niveau der Finanz­krise im Jahr 2009 lagen – angesichts der Welt­lage dann doch zu nied­rig. Nach dem Austritts­votum ging es zunächst wieder leicht abwärts.

      Starker Dollar-Kurs hilft Ölaktien

      Auch der Ölpreis ging in die Höhe. Doch nicht nur deshalb sind Ölaktien gestiegen. Der Brexit wirkte wie ein Turbo. Die großen Konzerne wie BP und Royal Dutch Shell verdienen ihr Geld in harten Dollar: Die amerikanische Währung hat zuletzt zugelegt.

      Konjunktur­unabhängige Branchen laufen am besten

      In Krisen­zeiten laufen die nicht­zyklischen, von der Konjunktur weit­gehend unabhängigen Branchen wie Nahrungs­mittel oder Gesundheit am besten. Essen und Medikamente brauchen die Menschen immer. Aktien dieser Branchen sind seit dem Referendum gestiegen. In Deutsch­land, dessen Unternehmen vom Brexit zumindest zum Teil auch getroffen werden, lag in der Woche nach der Entscheidung die Aktie von Beiers­dorf vorn, auch Henkel lief gut.

      DWS Deutsch­land defensiver aufgestellt als früher

      Der Fonds DWS Deutsch­land hat sich der Markt­lage angepasst. „Der Fonds ist deutlich defensiver aufgestellt als früher“, sagt Manager Tim Albrecht. Beispiels­weise hat er Banken-Titel verkauft, Auto-Werte und andere export­abhängige Firmen reduziert und statt dessen die Gesund­heits­branche verstärkt. „Teil­weise haben wir damit schon vor dem Referendum ange­fangen, als Reaktion auf die Kurs­rallye, die kurz vor der Abstimmung statt­gefunden hat“, sagt Christoph Ohme aus dem DWS-Team für deutsche Aktien. Ohme geht davon aus, dass der Brexit nicht alles durch­einander­wirbelt. „Schwerer wiegt die globale Wachs­tums­schwäche“, sagt er. „Einiges davon ist aber seit der Korrektur zu Jahres­beginn schon einge­preist.“

      Turbulente Zeiten

      „Politische Börsen haben kurze Beine“, lautet eine alte Börsen­weisheit. Ob sie beim Brexit auch gilt, wird sich zeigen. Solange Unsicherheit über das künftige Verhältnis von Briten und EU besteht, kann das Auf und Ab jedoch noch weitergehen.

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      Dieses Special wurde am 28. Juni 2016 erst­mals veröffent­licht und seitdem regel­mäßig ergänzt. Am 19. Juli 2016 haben wir das PDF zum Brexit-Dossier aus Finanztest 8/2016 hinzugefügt. Es bleibt unver­ändert. Das Online-Special werden wir weiterhin aktualisieren.

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