
Bald gehen die Sportler auf Rekordjagd, Anleger sind es schon länger.
In den kommenden Wochen wird die Welt auf Brasilien schauen und mit den olympischen Athleten um Medaillen fiebern. Anleger haben das Land am Zuckerhut schon länger im Blick. Seit Jahresbeginn ist der Aktienindex MSCI Brasilien um 31,7 Prozent gestiegen. Aus Sicht deutscher Anleger, die in Euro investieren, steht sogar ein Plus von 56,5 Prozent zu Buche. Grund für das zusätzliche Plus ist der Anstieg des brasilianischen Real.
Börsenaufschwung trotz Wirtschaftskrise
Der Börsenaufschwung kam für viele überraschend, steckt das Land doch in ernsten wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Berechnungen der Weltbank zufolge ist das brasilianische Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Jahr 2015 um 3,8 Prozent geschrumpft. Die Arbeitslosigkeit ist nach Angaben von Franklin Templeton Investments binnen zwei Jahren von unter 7 Prozent auf mehr als 10 Prozent gestiegen. Trotzdem liegt der Aktienmarkt auf ein Jahr gesehen mit 16,7 Prozent im Plus (Stichtag 30. Juni 2016, in Euro). Im Jahr 2015 gab es aber noch ein kräftiges Minus von 34 Prozent.
Erst Boom, dann Niedergang
Kurz nach dem Jahrtausendwechsel begann in Brasilien der Aufschwung – nicht zuletzt getrieben vom Rohstoffhunger in der Welt. „Abgesehen von der Wirtschafts- und Finanzkrise im Jahre 2008 war das internationale und nationale wirtschaftliche Klima bis 2010 für die Wirtschaft Brasiliens günstig“, erläutert Christoph Witte vom belgischen Kreditversicherer Credimundi. Günstig wirkte sich außerdem die Politik der Einkommensumverteilung aus, die die Konsumfreude der Menschen förderte. Als sich 2011 der Rohstoffboom dem Ende neigte, verlangsamte sich auch der wirtschaftliche Aufschwung in Brasilien. Hinzu kamen in der jüngsten Vergangenheit auch politische Unsicherheiten und zahlreiche Korruptionsskandale. Zuletzt schrumpfte die Wirtschaft fünf Quartale in Folge, „allerdings fiel der Rückgang der Wirtschaftsleistung geringer aus als erwartet“, analysiert die österreichische Kapitalanlagegesellschaft Raiffeisen Capital Management. Mancher Marktteilnehmer hoffe daher wohl, dass das Land den Tiefpunkt bald hinter sich gelassen haben könnte.
Die Hoffnung nährt die Hausse
Die Aktienmärkte reagierten bereits vor der Suspendierung der brasilianischen Präsidentin Dilma Rousseff euphorisch auf den bevorstehenden Regierungswechsel. Hinzu kamen die nach jahrelanger Durststrecke wieder zeitweilig anziehenden Rohstoffpreise. Das Fondsmanagement des Deutsche Invest Brazilian Equities stellt fest, dass trotz des BIP-Rückgangs im ersten Quartal 2016 das Verbraucher- und Geschäftsvertrauen erneut anstieg, „was die Hoffnung auf eine Konjunkturerholung nährte“. Auch Zinssenkungen würden erwartet. Das Management des Fonds HSBC Brazil Equity konstatiert, dass die wirtschafts- und fiskalpolitischen Initiativen des neuen Präsidenten Michel Temer, der unter anderem das Staatsdefizit senken will, vom Markt positiv aufgenommen wurden. Die DZ Bank rät indes zur Vorsicht: Die Hoffnungen könnten sich als völlig überzogen erweisen, „viele Risiken bleiben vorerst bestehen“, warnen die Analysten der Researchabteilung.
Brasilien im BRIC-Wettkampf auf Goldkurs
Im Wettbewerb mit den anderen drei bedeutenden Schwellenländern Russland, Indien und China, die sich hinter dem bekannten Kürzel BRIC verbergen, hat Brasilien mit seinem Jahresplus von 16,7 Prozent jedenfalls die Goldmedaille gewonnen. Russland liegt auf Jahressicht mit einem Plus von 5,6 Prozent auf Silberkurs. Indien hat 4,1 Prozent verloren und Bronze erreicht, China liegt mit 12 Prozent in den Miesen. Zieht man die vier Länder im Index MSCI BRIC zusammen, kommen minus 5,4 Prozent heraus. Das liegt vor allem an China: Das Reich der Mitte hat im Index mit Abstand das größte Gewicht.
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Diese Meldung ist erstmals am 19. Juli 2016 auf test.de erschienen. Sie wurde am 4. August 2016 erweitert und aktualisiert.



