Bonitätsprüfung beim Zahnarzt Meldung

Beim Zahnarzt müssen Patienten immer mehr Leistungen aus der eigenen Tasche bezahlen. Vor kostspieligen Behandlungen wird deshalb ihre Zahlungsmoral überprüft. Patienten müssen in die Prüfung ihrer Kreditwürdigkeit einwilligen. Auskunfteien geben persönliche Daten von Patienten an Abrechnungs- und Inkassounternehmen weiter.

Fragen zur Finanzlage

Füllen Sie das doch bitte aus, sagte die Zahnarzthelferin zu Dirk Sattler und legt ihm einen Patientenbogen und eine Einverständniserklärung vor. Den Patientenbogen mit Fragen nach Vorerkrankungen und Allergien kennt er. Jetzt soll er aber auch noch der Prüfung seiner Kreditwürdigkeit, einer Bonitätsprüfung, zustimmen. Das ist ihm noch nie passiert. Er fragt nach, ob die Einverständniserklärung nur Kassenpatienten unterschreiben müssen. „Nein“, sagte die Zahnarzthelferin „das verlangt unser Abrechnungsservice von allen Patienten.“ Die ­Abrechnung der Kosten, die Sattler selbst tragen muss, übernimmt die MCC Medical Care Capital AG aus Krefeld.

Zahnarzt bekommt schnell sein Geld

MCC macht jedoch mehr als nur die Abrechnung für den Zahnarzt. Sie kauft ihm die Rechnungen der Patienten, also seine Forderungen, ab. Sollte ein Patient nicht oder erst sehr spät bezahlen, ist das nicht mehr das Problem des Arztes, sondern das von MCC. Der Arzt erhält im Gegenzug nicht die gesamte Rechnungssumme. „Wir ziehen für unsere Arbeit einen einstelligen Prozentbetrag ab“, sagt Thilo Wiers-Keiser, Geschäftsführer von MCC. Für den Zahnarzt hat die Zusammenarbeit Vorteile: Er erhält innerhalb von drei Tagen nach der Rechnungsstellung einen großen Teil seines Gelds. Das wirtschaftliche Risiko und das Mahnwesen übernimmt MCC.

Patienten stottern Kosten ab

Für den Patienten bedeutet dies jedoch: Er muss eine Bonitätsprüfung bei einer Auskunftei hinnehmen. Fällt die Prüfung schlecht aus, kauft MCC dem Zahnarzt die Rechnung nicht ab. Er muss in diesem Fall selbst entscheiden, ob er den Patienten auf Rechnung behandelt. „Wir kaufen über 90 Prozent der Rechnungen unser Vertragszahnärzte“, sagt Thilo Wiers-Keiser. Was mit den abgelehnten Patienten passiert, darüber reden die Zahnärzte nicht gerne. Dass sie nicht behandelt werden, kann Wiers-Keiser jedenfalls nicht bestätigen. „Die meisten Zahnärzte behandeln dann eben gegen Vorkasse oder empfehlen einen Ratenkredit“, hat er beobachtet.

Was wissen Auskunfteien?

MCC nutzt den Dienst der Informa Unternehmensberatung GmbH aus Baden- Baden, um zu entscheiden, welche Rechnung die Firma kauft und welche nicht. Informa sammelt und speichert Informationen von Firmen und Privatpersonen. Das Unternehmen berechnet für jeden ­Patienten, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass er seine Rechnung nicht ­bezahlt. Das Ergebnis wird in einem Scorewert ausgedrückt.

Statistischer Wert aus geheimen Kundendaten

Woher die Daten stammen, wollte uns Informa nur sehr vage mitteilen: aus öffentlichen Verzeichnissen, die Auskunft über eine Privatinsolvenz, ein gerichtliches Mahnverfahren oder einen Offenbarungseid liefern. Außerdem fließen in den Scorewert auch sogenannte mikrogeografische Daten über die Wohngegend des Patienten ein: Stehen im Wohnumfeld vor allem gutbürgerliche Eigenheime oder Plattenbauten? Wie viele Oberklassewagen sind hier registriert? Wie alt ist der Haushaltsvorstand? Über die genaue Gewichtung und die ­Kriterien der Score-Berechnung schweigt Informa.

Nicht jede Abfrage ist zulässig

Die neuen Sitten in der Zahnarztpraxis ­haben auch die Landesdatenschutzbeauftragten erreicht. „Wir haben seit kurzem erste Beschwerden“, sagt Bettina Gayk, Sprecherin der Datenschutzbeauftragten in Nordrhein-Westfalen. Bei Verstößen ­gegen das Datenschutzgesetz können sie Bußgelder bis zu 250 000 Euro verhängen. Doch so weit ist es noch nicht. Zurzeit prüfen sie die ersten Fälle.Ob ein Zahnarzt oder ein beauftragtes Unternehmen die Bonität eines Patienten checken darf, hängt auch davon ab, wann er abfragt und ob der Arzt den Patienten schon kennt. „Ist der Patient schon lange bei einem Arzt in Behandlung und hat er in der Vergangenheit immer pünktlich seine Rechnungen bezahlt, fehlt die gesetzliche Grundlage für eine Abfrage“, sagt Bettina Gayk. Selbst wenn der Arzt das Abrechnungsunternehmen wechselt, reicht dies nicht als Begründung.

Erst Finanzlage geprüft, dann in den Mund geschaut

Als Dirk Sattler die Einverständniserklärung unterschreiben sollte, hatte sich der Zahnarzt noch nicht einmal seine Zähne angesehen. „Das darf nicht sein“, sagt Thilo Weichert, Datenschutzbeauftragter von Schleswig-Holstein. „Bevor der Patient eine Einverständniserklärung zu einer Bonitätsabfrage unterschreibt, muss die Höhe der Zuzahlung absehbar sein.“

Jeder zweite Arzt kann selbst abfragen

Zahnärzte können die Bonität ihrer Patienten auch selbst überprüfen. Über einen Onlinezugang der telemed Online Service für Heilberufe GmbH ist ein Bonitätscheck direkt bei einer Auskunftei möglich. Der Zahnarzt muss nur seinen Nutzernamen und sein Passwort eingeben sowie Name, Anschrift und Geburtsdatum des Patienten. Dann erhält er eine Auskunft der Bürgel Wirtschaftsinformationen. Sie informiert unter anderem mit einer Ampel: Rot heißt, der Patient hat negative Merkmale, er hat zum Beispiel einen ­Offenbarungseid geleistet und ist nicht kreditwürdig. Gelb kann bedeuten, dass zurzeit gegen ihn ein Inkassoverfahren über einen geringen Betrag läuft oder in den vergangenen drei Jahren negative Merkmale wie eine Privatinsolvenz vorlagen. Bei Grün ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Patient nicht zahlt, eher gering.

Andere Dienstleister fragen auch Bonität ab

Der Zahnarzt muss dem Patienten vor der Abfrage eine Einverständniserklärung vorlegen. Ob der das tatsächlich macht, muss telemed als Datenübermittlerin aber nicht prüfen. Die telemed gehört zur Compu Group. Nach Angaben der Firma verwaltet nahezu jeder zweite deutsche Zahnarzt seine Praxis mit einer Software der Compu Group. Alle diese Zahnärzte haben die Möglichkeit, über telemed Bonitätsauskünfte einzuholen. Pro Auskunft bezahlen sie 3 Euro. Wie viele Zahnärzte diesen Dienst nutzen, wollte uns telemed nicht sagen. Bonitätsauskünfte holen auch andere Abrechnungsunternehmen wie die mediserv Abrechnung und Service für Heilberufe GmbH oder einige der 15 regional organisierten privatärztlichen Verrechnungsstellen ein (PVS). Dirk Sattler ärgert sich über das Misstrauen seines Zahnarztes und lässt sich inzwischen woanders behandeln. Doch ob der neue Zahnarzt nicht ebenfalls Bonitätsauskünfte einholt, kann er kaum kontrollieren.

Adressen der Datensammler

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