Blutzuckermessgeräte Test

Vor dem Essen, vorm Schlafen, vorm Sport: Viele Diabetiker müssen den Blutzucker laufend kontrollieren. Die meisten Geräte im Test messen genau – eines ist mangelhaft.

Blutzuckermessgeräte Test

Mit dem Rad in die Alpen und weiter nach Venedig: Für Bernhard Gehr ist das trotz Diabetes möglich. Aber er muss den Blutzucker überwachen.

Seine längste Radtour führte von München quer über die Alpen nach Gibraltar – 4 300 Kilometer. Er liebt Ausdauersport, auf Skiern und zu Fuß, inklusive Marathon. „Solche Ambitionen stehen derzeit wegen meiner drei kleinen Kinder etwas im Hintergrund“, sagt Bernhard Gehr, 37, Mediziner aus dem bayerischen Traunstein. Was ihn aber nie abhielt: sein Typ-1-Diabetes. „Kurz nach der Diagnose mit 17 habe ich mich langsam wieder an Sport herangewagt, obwohl alle Angst hatten, besonders meine Eltern.“ Beim Sport kann der Blutzucker von Typ-1-Diabetikern gefährlich entgleisen. Sie brauchen genaue Kontrollen. 12 der 16 Geräte, die wir mit mehr als 50 Diabetikern prüften, bieten eine gute oder sehr gute Messgenauigkeit. Drei messen nur befriedigend, eines mangelhaft: Mit dem Aktivmed GlucoCheck XL schwanken die Messwerte sehr stark.

Auch günstige Modelle messen genau

Alle Geräte im Test lassen sich leicht bedienen, keine Stechhilfe tut beim Piksen unnötig weh. Gut zu wissen. Viele Diabetiker müssen wie Gehr mehrmals am Tag den Blutzucker messen, vorm Essen etwa, vorm Schlafen und vorm Sport. Nur so können sie ihr Insulin richtig dosieren.

Unter den guten sind viele „B-Geräte“ – auch wenn sich drei „A-Geräte“ den ersten Platz teilen. Die Teststreifen für B-Geräte kosten meist weniger als für A-Geräte: So sind 50 Streifen für viele B-Geräte im Test schon für 20 Euro oder weniger zu haben. Bei vier der sechs A-Geräte kosten sie über 24 Euro – ein Preisvergleich lohnt sich also. Die Messgeräte selbst geben die Anbieter dagegen oft günstig oder gratis ab. Dadurch möchten sie unter den etwa acht Millionen deutschen Diabetikern neue Kunden für ihre Teststreifen gewinnen. Dem Marktforschungsunternehmen Insight Health zufolge verordneten Ärzte in den vergangenen Jahren immer mehr Streifen. 2010 waren es mehr als 1,2 Milliarden, im Schnitt zu jeweils 73 Cent.

Das kostet viel Geld. Die Krankenkassen wollen mit Verträgen gegensteuern: Apotheken sollen möglichst viele B-Geräte abgeben, um zu sparen. Als wegweisend gilt eine bundesweite Vereinbarung der Ersatzkassen mit dem Deutschen Apothekerverband von 2010. „Es gibt aber weit mehr Verträge, mit Unterschieden von Bundesland zu Bundesland und Kasse zu Kasse“, sagt Manfred Krüger. Der niedergelassene Apotheker aus Krefeld betreut Diabetiker und engagiert sich bei diabetesDE, einer Organisation von Patienten und Behandlern. „Es kann passieren, dass Diabetiker in Arztpraxen oder Apotheken einen Wechsel auf ein B-Gerät vorgeschlagen bekommen.“

Typ-1-Diabetiker müssen messen

Bernhard Gehr hat das noch nicht erlebt. „Ich war lange Jahre treuer Nutzer meines ersten Geräts und seines Nachfolgemodells. Dann wechselte ich von mir aus, unter anderem, weil das neue Gerät schneller maß.“ Gehr bekam in der Arztpraxis eine Einweisung und fand die Umgewöhnung „ziemlich einfach“. Vor jeder Mahlzeit heißt es für ihn: den Blutzucker kontrollieren.

Bei Typ-1-Diabetes erzeugt die Bauchspeicheldrüse das zuständige Hormon Insulin nicht mehr. Abhängig vom Messergebnis und dem Essen auf seinem Teller, vor allem den Kohlenhydraten, also Zucker und -Ausgangstoffen, spritzt sich Gehr etwas Insulin. Auch vor dem Sport muss er den Blutzucker kontrollieren und abwägen: „Brauche ich noch etwas Zucker auf die Schnelle, Cola zum Beispiel? Muss ich Insulin nachspritzen oder verringern? Oder darf ich jetzt keinen Sport machen?“

Viele Typ-2-Diabetiker zahlen selbst

Bei der anderen Form, dem Typ-2-Diabetes, bildet die Bauchspeicheldrüse meist noch Insulin, aber die Zellen reagieren nicht mehr richtig darauf. Die Ursachen liegen in den Genen und im Lebensstil. Weniger Kilos auf der Waage wirken oft Wunder. Viele Patienten brauchen Tabletten. Andere müssen Insulin spritzen – und dann wie bei Typ-1-Diabetes mehrfach täglich den Blutzucker messen. Sie bekommen die Teststreifen wie Typ-1-Diabetiker von der Krankenkasse erstattet. Das gilt für andere Typ-2-Diabetiker seit 2011 nur noch in Ausnahmefällen – bei akuten Krankheiten, häufigem Unterzuckern oder neuen Medikamenten. Die Begründung: Die Patienten müssen ihre Arzneimittel nicht selbst anhand vom Blutzucker dosieren, brauchen also dafür keine Messwerte. „Manche fühlen sich damit aber sicherer“, sagt Krüger. Andere wollen lernen, wie ihr Stoffwechsel auf Bewegung und Essen reagiert.

Tipp: Um als Typ-2-Diabetiker den Stoffwechsel zu überblicken, genügt etwa alle zwei Wochen ein „großes Blutzuckerprofil“. Messen Sie vor und etwa 90 Minuten nach jeder Mahlzeit sowie vorm Schlafen. Dokumentieren Sie alles im Diabetes-Tagebuch.

Regelmäßig zum Arzt gehen

Ob Selbstmesser oder nicht: Diabetiker brauchen regelmäßig ärztliche Kontrollen. Etwa alle drei Monate lässt Gehr seinen Langzeitblutzucker (HbA1c) sowie Blutdruck- und Blutfettwerte überwachen. Einmal jährlich muss er die Augen, Nieren, Nerven und Füße kontrollieren lassen. Auf Dauer kann das süße Gift die Gefäße schwer schädigen. Gefürchtete Folgen sind Herz­infarkt, Schlaganfall, Nierenversagen, Erblindung, Nervenleiden, Amputationen.

Tipp: Diabetes bleibt oft lange unbemerkt. Gehen Sie alle zwei Jahre zum Check-up 35, den die Kassen allen Versicherten über 35 Jahren bezahlen. Der Arzt überprüft dabei auch Ihren Blutzuckerwert.

Der Diabetes kam mit Wucht

Gewichtsverlust, Dauerdurst, Kreislaufzusammenbrüche: Ins Leben des damals 17-jährigen Gehr trat der Typ-1-Diabetes mit Wucht. „Am Arzt führte nichts vorbei.“ Der maß den Blutzucker – der etwa viermal so hoch lag wie normal. „Ich fand das erstmal surreal. Der Arzt war viel erschütterter als ich. Er schickte mich in die Klinik, wo ich eine Insulinpumpe und mein erstes Messgerät bekam.“ Und eine Schulung. Die hält Gehr für das A und O. „Diabetiker müssen lernen, wie sie richtig essen, richtig spritzen, richtig messen – und was sie mit den Werten anfangen sollen.“ Das sei entscheidend für die Therapie, aber nicht einfach.

Viele „Minilabore“ bieten Extras

Das Messen kommt ihm aber leichter vor als früher. Die Minilabore im Test arbeiten alle ähnlich: Teststreifen einschieben, in den Finger piksen, Blutstropfen an den Streifen halten. Eine chemische Reaktion startet. Das Gerät berechnet daraus den Blutzucker. Nach wenigen Sekunden leuchtet der Wert im Display auf. Alle im Test speichern die Werte automatisch mit Datum und Uhrzeit – unbedingt richtig einstellen –, zeigen sie nacheinander und als Durchschnittswerte an. Meist gibt es Auswerteprogramme für den Computer, aber nicht im Lieferumfang. Manche Geräte bieten Extras (siehe Kommentare zu den einzelnen Produkten in der Tabelle). Wichtig ist, dass Nutzer markieren können, ob sie vor oder nach dem Essen gemessen haben.

Tipp: Egal ob im Rechner, Gerätespeicher oder Blutzuckertagebuch – dokumentieren Sie die Werte und ihre Umstände. Nehmen Sie Daten und Messgerät mit zum Arzt. So kann er einschätzen, ob der Zucker oft aus der Reihe tanzt, und die Therapie anpassen.

Fehlerquellen mittlerweile beseitigt

Viele Geräte beugen Anwendungsfehlern vor. So müssen Nutzer beim Öffnen neuer Teststreifendosen meist nicht mehr kodieren, also das Gerät auf herstellungsbedingte Unterschiede der Streifen einstellen. Die Messgenauigkeit hängt auch immer von der Qualität der Streifen ab.

Auch Verwechslungsgefahren fallen weg, weil Nutzer die Blutzucker-Maßeinheit meist nicht mehr selber umstellen können (siehe „Blutzucker - Das sagen die Werte“). Zudem sind die Geräte in der Regel „plasmakalibriert“, also eng an Labormethoden angepasst. Dabei liegen Messwerte etwa 10 Prozent höher als bei der früher auch üblichen „Vollblutkalibrierung“.

Tipp: Besprechen Sie mit Ihrem Arzt genau, welche Zielwerte bei Ihrer Therapie und Ihrem Gerät gelten – in der passenden Einheit. Rechnen Sie nicht allein um.

Persönliche Einweisung ist wichtig

Trotz dieser Vereinfachungen – beim Bedienen kann einiges schief gehen. „Das kann die beste Messgenauigkeit zunichte machen und Patienten gefährden, wenn sie etwa Insulin falsch dosieren oder riskanten Unterzucker nicht erkennen“, warnt Krüger.

Tipp: Zum Üben, bei Anbruch neuer Teststreifen oder Verdacht auf einen Gerätefehler empfiehlt sich ein Test mit Kontrolllösung. Beachten Sie die Haltbarkeitsdauer der Lösung – und der Teststreifen. Lagern und transportieren Sie das Gerät mit der Teststreifendose und Kontrolllösung geschützt vor Hitze, Kälte und Feuchte. Daher sind Bad, Auto, Kühlschrank und direkte Sonne tabu. Viele Geräte messen bei etwa 5 bis 35 °C zuverlässig. Details stehen in der Anleitung – nehmen Sie sich Zeit dafür.

„Am besten ist eine persönliche Einweisung ins neue Gerät, selbst bei geschulten Diabetikern“, sagt Krüger. Die gebe es bei Diabetologen und in spezialisierten Apotheken. „Etwa in jeder vierten trifft man auf Apothekerinnen und Apotheker mit einer passenden Fortbildung der Deutschen Diabetes-Gesellschaft und Bundesapothekerkammer. Fragen Sie nach.“ Oft könnten Patienten Geräte sogar ausprobieren, wenn sie ihr Modell wechseln wollen.

Gehr hat sich im Alltag mit dem Diabetes eingerichtet. „Ich kann alles machen, nur nicht ganz so spontan.“ Diabetiker, die Sport treiben wollen, sollten sich gut vorbereiten, so sein Rat. Infos dazu bietet die deutsche Sektion der International diabetic athletes association (www.idaa.de), wo Gehr mitwirkt. Bald berät er noch mehr Patienten. Er bildet sich an der Fachklinik Bad Heilbrunn zum Diabetologen weiter.

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