Blei im Trinkwasser Meldung

Alte Bleirohre belasten das Trinkwasser und gefährden die Gesundheit. Sie müssen schnellstmöglich raus. Aber einige Gesundheitsämter, Wasserversorger und Hausbesitzer tun sich schwer damit, unser Wasser überall bleifrei zu machen.

Henny M. aus Cuxhaven war beunruhigt. Ein Gesundheits-Check im Krankenhaus ergab deutlich erhöhte Blutbleiwerte. Auf der Suche nach möglichen Quellen fragte ihr Mann bei den Stadtwerken nach. Und tatsächlich: Die Anschlussleitung zum Haus entpuppte sich als Bleirohr. Das Ehepaar schickte eine Wasserprobe zur Analyse an die Stiftung Warentest. Wir bestätigten erhöhte Bleiwerte. Überraschend schnell klappte dann die Rohrsanierung: Ein Wasserrohrbruch in der Straße ließ die Stadtwerke ohnehin anrücken. Bei der Reparatur tauschten sie – auf eigene Kosten – auch gleich die alten Leitungen aus.

Während man im süddeutschen Raum bereits seit 1878 auf Bleileitungen zur Trinkwasserversorgung verzichtete, war im übrigen Deutschland mitunter erst seit 1973 endgültig Schluss mit dem Verlegen der gesundheitsgefährdenden Rohre. Das Problem: Die Aufnahme kleiner Bleimengen über längere Zeit hinweg beeinträchtigt die Blutbildung und Intelligenzentwicklung von Ungeborenen, Säuglingen und Kleinkindern. Zum Schutz dieser Risikogruppe wurde der Grenzwert für Blei im Trinkwasser stufenweise gesenkt. Galten vor dem 1. Dezember 2003 noch 40 Mikrogramm pro Liter, sind es heute nur noch 25 Mikrogramm. Ab 1. Januar 2013 sinkt der Wert weiter auf 10 Mikrogramm pro Liter. Einzig mögliche Konsequenz: Alte Bleirohre müssen raus.

Noch gibt es Zigtausende Bleirohre

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Wie groß der Handlungsbedarf ist, zeigt unsere test-Umweltkarte. Sie basiert auf 23 700 Wasserproben aus den letzten zehn Jahren. Die Karte stellt die besonders belasteten Regionen her­aus: Rot gekennzeichnet sind vor allem die nord- und ostdeutschen Ballungsgebiete. Mehr als fünf Prozent der eingesandten Proben überschritten dort den Wert von 25 Mikrogramm pro Liter. Innerhalb der Regionen ist das Risiko jedoch unterschiedlich: In Gegenden mit hohem Altbaubestand sind oft deutlich über fünf Prozent der Proben belastet, während Gemeinden mit überwiegender Neubaustruktur nicht betroffen sind. In Leipzig, Bremen und Hamburg lag der Anteil der bleihaltigen Proben bei über zehn Prozent.

Dass noch gravierende Probleme bestehen, bestätigten uns auch Gesundheitsämter und Wasserversorger. Allein von den Hausanschlussleitungen – sie führen von den unter der Straße verlegten Hauptwasserleitungen aus ins Haus – sind in Deutschland noch Zehntausende aus Blei: in Hamburg 28 000, in Leipzig 7 000, in Erfurt 5 750. Bis zum Jahr 2013 wollen alle Kommunen ihr öffentliches Netz saniert haben.

Erschreckend ist der Kenntnisstand über die Bleiinstallationen in den Altbauten. Die meisten der von uns befragten Gesundheitsämter und Wasserversorger mussten hier passen. In welcher Größenordnung noch Bleileitungen vorhanden sind, „wissen wir nicht“, verlautete es zum Beispiel aus dem Magdeburger Gesundheitsamt. Auch der Verweis an die dortigen Wasserwerke ergab nur die Auskunft, dass dazu „keine Angaben“ vorliegen.

Anderswo gibt es zumindest Schätzungen: Das Schweriner Gesundheitsamt hält etwa zehn Prozent der Hausinstallationen für bleihaltig, die Wasserwerke in Gera sechs Prozent. In Kiel geht man von fünf bis zehn Prozent aller vor 1950 errichteten Gebäude aus.

Frankfurt am Main geht offensiv vor

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Schwierige Diagnose: Oft erkennt man Bleirohre erst, wenn der Putz abgeschlagen wird. Vorsicht: Bei der Mischinstallation ragte nur das Kupferrohr aus der Wand, ...

Positiv: Frankfurt am Main verfügt über eine Erhebung der betroffenen Häuser. Nach der Devise: „Frankfurt trinkt bleifrei!“ wurde 1997 ein „Bleiprojekt“ ins Leben gerufen. Die Hausanschlussleitungen sind mittlerweile bleifrei. Wo es noch Blei in den Häusern gibt, werden die Eigentümer nach und nach vom Gesundheitsamt angeschrieben. Können diese den Austausch der Leitungen nicht nachweisen, muss das Trinkwasser untersucht werden. Bei überhöhten Werten heißt es: binnen eines Jahres sanieren. Der Druck hat Erfolg. Auch bei den von uns untersuchten Proben aus dem Frankfurter Raum hat der Anteil belasteter Wässer merklich abgenommen.

Andere leiden unter leeren Kassen

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...und das Bleirohr war unterm Putz verborgen.

Andere Kommunen tun sich da schwerer. Viele prüfen allenfalls auf Anfrage und bei angezeigten Mängeln. Oft hapert es an der Zusammenarbeit zwischen Wasserwerk und Gesundheitsamt. So werden in Hamburg aus datenschutzrechtlichen Gründen bislang keine Adressen an das Gesundheitsamt weitergegeben.

Ursache für die bescheidenen Fortschritte bei der Sanierung sind selten mangelndes Problembewusstsein und fehlendes Engagement. Im Gegenteil: Wer bei den Ämtern oder Versorgern anfragt, trifft oft auf hilfsbereite Mitarbeiter. Aber häufig fehlt es an Geld und Personal. Hier und da gibt es Faltblätter, aber selten ein offensives Vorgehen. Gesundheitsämter finanzschwacher Landkreise und Städte können regelmäßige Trinkwasseruntersuchungen nicht einmal für alle Krankenhäuser, Kinderbetreuungsstätten und Altenheime gewährleisten, klagte der Amtsleiter einer mittelgroßen Stadt. Andere Insider bedauern, dass bei Auseinandersetzungen oft aufwendige Analysen nötig seien und kein generelles Verbot den Austausch alter Rohre vereinfache.

Für Betroffene gibt es oft nur einen Weg: Selbst aktiv werden. Dass auch Hausbe­sitzer häufig positiv reagieren, zeigt das Beispiel von Angelika S. aus Berlin: Nachdem unsere Analyse den hohen Bleigehalt ihres Trinkwassers bestätigt hatte, übermittelte sie den Befund an den Vermieter. Wenige Monate später rückten die Handwerker an. Unsere Fotos stammen aus diesem Haus. Sie haben jetzt nur noch dokumentarischen Wert.

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