Billig-Airlines Test

Fliegen zum Taxipreis: Billig-Airlines machen der Bahn, dem Auto und den „alten“ Fluggesellschaften Konkurrenz. Was erwartet die Fluggäste? Und was müssen sie wirklich zahlen?

Verkehrte Welt: Wer auf einem Flug mit Ryanair von Frankfurt-Hahn nach London auf die Bordverpflegung verzichtet, kann vom gesparten Geld glatt den Rückflug finanzieren. Für ein Sandwich und einen Kaffee kassieren die Flugbegleiter der irischen Billig-Airline fast neun Euro – genauso viel kostet der Flug inklusive Steuern und Gebühren, wenn frühzeitig gebucht wird. Für die Kreditkartenzahlung kommt noch ein Aufschlag von sechs Euro hinzu.

Seit Michael O'Leary, der Chef von Ryanair, im Jahre 1992 rigoros die Kosten senkte und alles strich, was über den eigentlichen Flug hinausging, befinden sich die Flugpreise in einem rasanten Sturzflug. Auch abgesehen von den äußerst begrenzt zur Verfügung stehenden Lockvogelangeboten von 19,9 oder gar 0 Euro war Fliegen auf vielen Strecken noch nie so billig wie heute. Und da Ryan­air im Gegensatz zu vielen traditionellen Fluggesellschaften auch noch ansehnliche Gewinne einfliegt, gibt es in Europa seit ein paar Jahren eine wahre Gründerwelle so genannter Low-cost- (ge­ringe Kosten) beziehungsweise No-frills- (keine Extras) Airlines.

Neben Billigtöchtern seriöser Unternehmen wie Germanwings (Eurowings, Lufthansa) oder Hapag Lloyd Express (Tui) wollten auch etliche Glücksritter vom Boom profitieren. Und stürzten oft ganz schnell wieder ab. So segelte beispielsweise Berlinjet schon nach zehn Tagen in die Pleite, wobei etliche geprellte Kunden auf den Flughäfen zurückblieben. Andere Möchtegern-Billigflieger wie Otte Air oder Lowfarejet kamen über großspurige Ankündigungen nie hinaus. Wieder andere haben den Preiskampf nicht überlebt. So wurden die Fluggesellschaften Go und Buzz von Easyjet beziehungsweise Ryanair geschluckt.

Um zu erfahren, was man für die kleinen Preise geboten bekommt, sind wir mit den Billig-Airlines kreuz und quer durch Europa geflogen und haben außerdem alle wichtigen Konditionen und Zusatzkosten erfragt. Schließ­lich wollten wir noch wissen, was die Flüge je nach Buchungszeitpunkt tatsächlich kosten. Dafür haben wir Anfang Juni knapp 500 Flugpreise abgefragt, für jede Airline 45.

Das Sparen perfektioniert

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Wer billig fliegen will, darf außer dem reinen Transport nicht viel erwarten. Und er sollte sich darüber im Klaren sein, dass Fliegen nicht gerade umweltfreundlich ist. Um die Kosten so niedrig wie möglich zu halten, verzichten die Gesellschaften auf alles, was nicht unbedingt notwendig ist. Ryanair hat das Sparen geradezu perfektioniert. Das fängt schon bei den Flughäfen an. Traditionelle Airports sucht man bei der irischen Fluggesellschaft vergeblich. Sie fliegt sie nicht an. Um teure Flughafengebühren zu sparen, nutzt O'Leary beispielsweise statt London-Heathrow den etwas abgelegeneren Airport Stansted, statt Paris Charle de Gaulle fliegt er ins rund 50 Kilometer nördlich gelegene Beauvais und statt in Frankfurt/Main hat Ryanair seine Zelte in Deutschland auf dem ehemaligen Militärflughafen Hahn im Hunsrück aufgeschlagen. Der führt zwar auch Frankfurt im Namen, liegt von der hessischen Metropole aber rund 125 Kilometer entfernt.

Freie Platzwahl an Bord

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Tickets und Bordkarten mit Sitzplatzzuweisung haben die meisten Billigflieger ebenso gestrichen wie den bequemen Zugang zum Flugzeug über eine Flugbrücke („Finger“). Gegen die freie Platzwahl an Bord ist eigentlich nichts einzuwenden. Sie klappte aber nicht immer reibungslos. Wirklich billig: Während meist ein Bustransfer zum Flugzeug angeboten wird, mussten wir bei Easyjet und Ryanair über das Flugfeld laufen. Bei Regen ist das kein Vergnügen.

Besonders bequem sind die Flugzeuge nicht. Wer lange Beine hat, den wird schnell ein Sardinenbüchsengefühl beschleichen. Denn um die Kapazität voll auszunutzen, schrauben Billig-Airlines die Sitze äußerst eng hintereinander. Auch hier kennt Ryanair keine Kompromisse. In eine Boeing 737-800 beispielsweise zwängen die Iren 33 Sitzreihen. Bei Air Berlin sind es dagegen nur 31.

Das Bordpersonal verdient bestimmt nicht üppig, hat dafür aber ordentlich zu tun, zum Beispiel mit der Kabinenreinigung. Etwas befremdlich fanden wir, wenn das Personal schon gegen Ende des Fluges damit begann und große Mülltüten durch das Flugzeug schleppte (Bmibaby, Easyjet). Auf einem Flug von Germanwings wurden die Gäste sogar aufgefordert, bei der Reinigung zu helfen, damit die kurze Aufenthaltszeit in Köln/Bonn gehalten werden könne.

Die Toiletten sind noch gratis

Neben dem Reinigen ist das Personal aber vor allem mit Verkaufen beschäftigt. Zunächst müssen die meist nicht gerade billigen Getränke und Snacks an die Gäste gebracht werden. Danach sind Parfüms, Kosmetika, Sonnenbrillen und Ähnliches im Angebot. Mancher Billigflug verströmt so einen gewissen Hauch von Kaffeefahrt. Es erübrigt sich fast zu erwähnen, dass Ryanair auch hier keine halben Sachen macht. Das Bordmagazin der Iren ist, von zwei Seiten mit Sicherheitshinweisen abgesehen, konsequenterweise ein reiner Verkaufskatalog. Bei all den Extrakosten ist es geradezu erstaunlich, dass die Toiletten an Bord noch gratis sind.

Um wirtschaftlich zu arbeiten, müssen die Flugzeuge so lange wie möglich in der Luft sein. Das heißt, die Standzeiten auf den Airports werden auf ein Minimum reduziert. Dennoch kamen alle Testflüge pünktlich an. Zwei Verbindungen wurden zwar gestrichen (HL Express, Dba), konnten aber kurzfristig ersetzt werden.

Ryanair am billigsten

Ein Preisvergleich von Billigairlines ist nicht ganz einfach, da es kaum vergleichbare Strecken gibt. Wenn man sich jedoch die Werbung und die Preisstruktur der Airlines ansieht, scheint die Flugstrecke bei der Kalkulation kaum eine Rolle zu spielen. Wir haben deshalb 15 Strecken für jeden Anbieter ausgewählt und je drei Flugpreise mit unterschiedlichen Vorausbuchungsfristen ermittelt. Daraus wurde ein Mittelwert gebildet.

Ergebnis: Nicht ganz unerwartet hat Ryanair die niedrigsten Preise. Daran ändert sich auch nichts, wenn die sechs Euro für die Kreditkartenabbuchung, die praktisch jeder Kunde zahlen muss, addiert werden. Mit rund dem doppelten Durchschnittspreis folgen Hapag Lloyd Express und Easyjet. Die Schweizer Airline Intersky und Sky Europe aus der Slowakei können dagegen nur gelegentlich mit besonders günstigen Preisen locken.

Air Berlin ist oft ebenfalls etwas teurer, dafür bietet die ehemalige Charterairline nahezu den vollen Service. Bordkarten mit Sitzplatz, Zeitungen und Zeitschriften, alkoholfreie Getränke, Sandwich oder komplettes Essen, Bordunterhaltung – alles im Preis enthalten.

Nicht vergessen darf man die Nebenkosten. Wer per Telefon oder im Reisebüro bucht, zahlt oft mehr. Und neben Ryanair berechnen auch andere für die Kreditkartenabrechnung mitunter fünf bis sechs Euro. Auch der Transfer vom und zum Flughafen kann teuer werden. Beispielsweise in London. Die Bahnfahrt von Stansted zur Liverpool Station kostet rund 19 Euro. Der Flughafen Frankfurt/Hahn ist von elf Städten mit dem Bus zu erreichen. Von Köln dauert die Fahrt zwei Stunden und 15 Minuten (15 Euro), von Frankfurt/Main eine Stunde und 45 Minuten (12 Euro). Wer von weither kommt, sollte hart im Nehmen sein. Gegenüber dem Transfer im stickigen und eng bestuhlten Bus erschien sogar der Ryanair-Flug als Wohltat. Michael O'Leary, der immer für einen spektakulären Spruch gut ist, sieht sich mittelfristig als alleinigen Billiganbieter in Europa. Gegenüber dem „Handelsblatt“ sagte er über seine Konkurrenten: „Keiner dieser Möchtegern-Billigflieger wird in seiner jetzigen Form die nächsten fünf Jahre überleben: Entweder sie gehen pleite oder sie werden verkauft, weil sie alle nur Verluste machen.“ Ob man mit einem Monopolisten noch für neun Euro nach London fliegen kann, dürfte fraglich sein.

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