Jetzt müssen auch die Finanzämter auf die Krise am ­Arbeitsmarkt reagieren und Kosten für die berufliche ­Bildung im großen Stil anerkennen.

Die Finanzverwaltung erkennt bisher viel zu wenig für Umschulungen und neue Berufsausbildungen an. Das hat der Bundesfinanzhof (BFH) ihr gleich in zwei Urteilen bescheinigt.

Das Machtwort beschert nicht nur den beiden Frauen, die in München gewonnen haben, mehr Geld. Es ist für alle, die mit neuen Berufsausbildungen ihren Arbeitsplatz sichern oder wieder ins Berufsleben einsteigen wollen, der Schlüssel zum Steuernsparen.

Auch die Kläger in den über 20 Musterverfahren, über die Finanztest im Test „Weiterbildung im Beruf“ im vergangenen Jahr berichtete, haben jetzt gute Chancen, ihre Prozesse beim BFH zu gewinnen.

Alte Höchstbeträge sehr niedrig

Der Richtungswechsel ist längst überfällig. Alle, die durch eine neue Berufsausbildung ihre Stelle sichern, im Beruf weiterkommen oder wieder ins Arbeitsleben einsteigen wollen, konnten bisher nämlich von ihren Ausgaben höchstens 920 Euro im Jahr absetzen.

Selbst wenn sie für die Berufsausbildung auswärts übernachten mussten, waren es maximal 1 227 Euro im Jahr. Das Finanzamt ließ generell nur den Abzug als Sonderausgaben zu.

Viele wollten ihre Bildungsausgaben aber lieber voll als Werbungskosten absetzen, weil sie damit ohne Ende Steuern sparen können. Das war bisher nur für Weiterbildungen im erlernten und ausgeübten Beruf möglich.

Die Finanzgerichte überrollte eine Klagewelle, die bis zum Bundesfinanzhof schwappte. Dort haben die beiden Frauen jetzt als Erste erreicht, dass sie für ihre neuen Berufsausbildungen zigtausend Euro als Werbungskosten in der Steuererklärung auf der Anlage N in den Zeilen 45 bis 47 abrechnen können.

Die neue Rechtsprechung

Eine der Klägerinnen ist gelernte Industriekauffrau. Sie hat nach langer Arbeitslosigkeit 1995 eine Umschulung zur Fahrlehrerin gemacht und dafür 23 240 Mark ausgegeben.

Der Bundesfinanzhof erkannte die Ausgaben voll als Werbungskosten an, weil die Frau durch die Umschulung wieder Einnahmen erzielen wollte. Dass sie ihr auch neue Berufsfelder öffnete und den Wechsel in andere Berufe ermöglichte, war für die Richter kein Gegenargument (Az. VI R 120/01).

Die andere Klägerin ist gelernte Rechtsanwalts- und Notargehilfin und hat neben der Arbeit als Personalreferentin bei einer Bank 1997 ein Studium der Betriebswirtschaft absolviert. Da für die endgültige Besetzung ihrer Stelle ein akademischer Studienabschluss erforderlich war, absolvierte sie nebenbei ein Fernstudium mit dem Schwerpunkt Personalwesen und machte Examen als Diplom-Betriebswirtin.

Der Bundesfinanzhof akzeptierte die Studienausgaben von 7 544 Mark als Werbungskosten. Denn die Frau wollte durch das Studium im Beruf vorankommen, ihre Kenntnisse erweitern, die Stellung in der Firma und ihre Einnahmen sichern (Az. VI R 137/01).

Rechnung für Arbeitnehmer

Das Urteil bringt der Bankangestellten viel Geld zurück. Denn von den 7 544 Mark erkennt das Finanzamt – selbst wenn noch der Arbeitnehmerpauschbetrag von damals 2 000 Mark (heute 1 044 Euro) abgeht – 5 544 Mark an. Das sind umgerechnet rund 2 835 Euro.

Zahlt sie dafür 35 Prozent Steuern, spart sie über 992 Euro. Beim Abzug als Sonderausgaben wären es bestenfalls rund 429 Euro gewesen (ohne Solidaritätszuschlag und Kirchensteuer).

Rechnung für Arbeitslose

Auch für die gelernte Industriekauffrau, die eine Umschulung zur Fahrlehrerin absolviert hat, macht sich der Abzug der Bildungsausgaben als Werbungskosten bezahlt. Die Abrechnung beim Finanzamt hängt bei ihr davon ab, ob sie in den Kalenderjahren der Umschulung auch Arbeitslohn hatte.

Ist das nicht der Fall, kann sie trotzdem eine Steuererklärung abgeben und so wie Arbeitnehmer ihre Bildungsausgaben voll auf der Anlage N zur Steuererklärung geltend machen – selbst wenn sie niedriger als der Arbeitnehmerpauschbetrag von 1 044 Euro sind.

Das Finanzamt erkennt alle Ausgaben vom ersten bis zum letzten Cent als vorab entstandene Werbungskosten an und zieht sie von den im selben Jahr erzielten Einkünften ab – gegebenenfalls auch von denen des Mannes.

Gibt es keine oder nicht genug Einkünfte zum Verrechnen, kann die Industriekauffrau in der Steuererklärung für ihre Bildungsausgaben den Abzug von Einkünften aus dem vergangenen Jahr (Mantelbogen, Seite 3, Zeile 93) oder aus künftigen Jahren beantragen.

Hat sie nach langer Arbeitslosigkeit im Jahr 2002 die Umschulung für rund 11 882 Euro (23 240 Mark) gemacht und dann 2003 eine Stelle als Fahrlehrerin gefunden, zieht das Finanzamt die Ausgaben komplett von den Einkünften im Jahr 2003 ab. Die Umschülerin muss nur auf Seite 3 der Einkommensteuererklärung für 2002 in Zeile 93 eine Null eintragen.

Die Verrechnung der geltend gemachten Ausgaben beantragt sie dann erst in der Steuererklärung für das Jahr 2003 auf Seite 3 in Zeile 92. Mit 35 ­Prozent persönlichem Spitzensteuersatz sinkt ihre Steuerschuld für 2003 dadurch um über 4 158 Euro.

Hat die Fahrlehrerin dagegen 2002 zeitweise auch Arbeitslohn verdient, sieht die Rechnung anders aus. Dann zieht das Finanzamt ihre Bildungsausgaben so wie bei voll beschäftigten Arbeitnehmern ab.

Es kann allerdings passieren, dass die Werbungskosten der Frau höher als der im selben Jahr verdiente Arbeitslohn sind. Hat sie 2002 zum Beispiel nur 6 000 Euro verdient, bleiben 5 882 Euro übrig (11 882 ­ 6 000 Euro).

Diesen Rest kann die gelernte Industriekauffrau wiederum vom Finanzamt mit anderen Einkünften aus 2002 verrechnen lassen, aufs vergangene Jahr zurücktragen oder auf künftige Jahre vortragen – so wie Umschüler, die das ganze Jahr arbeitslos waren.

Viele Posten

Ausgaben für die berufliche Bildung summieren sich schnell auf zigtausend Euro. Am meisten bezahlen Teilnehmer oft für Gebühren und Honorare – und das oft über Jahre.

Das Finanzamt erkennt aber viel mehr an. Es rechnet nach bisheriger Rechtslage in den ersten drei Monaten jede Hin- und Rückfahrt zwischen Wohnung oder Arbeitsplatz und Bildungsort wie eine Dienstreise ab. Arbeitnehmer oder Umschüler, die von Januar bis einschließlich März mit dem eigenen Wagen zwei- mal die Woche 30 Kilometer zu Seminaren hin- und zurückgefahren sind, haben also bereits Fahrtkosten von 234 Euro (30 × 0,30 Euro × 26 Fahrten).

Haben die Unterrichtstage so lange gedauert, dass sie an jedem Tag mindestens acht Stunden von der Wohnung oder Arbeit abwesend waren, können sie auch Verpflegungspauschalen absetzen. Bei acht Stunden Abwesenheit gibt es bereits 6 Euro am Tag. Das sind für 26 Unterrichtstage 156 Euro.

Dazu kommt das Geld für Arbeitsmittel wie Fachbücher oder Schreibpapier, Plastikhüllen, Ordner und Kugelschreiber. Selbst bei Kurzausbildungen von maximal drei Monaten sind dafür leicht 350 Euro fällig.

Kostet dann die Aus- oder Weiterbildung selbst noch 1 000 Euro, muss das Finanzamt bereits 1 740  Euro als Werbungskosten anerkennen:

Lehrgangsgebühren: 1 000 Euro
Fahrtkosten: 234 Euro
Verpflegungspauschalen: 156 Euro
Ausgaben für Arbeitsmittel: 350 Euro
Werbungskosten: 1 740 Euro

Längere Ausbildungen rechnet das Finanzamt dann allerdings weniger großzügig ab. Nach drei Monaten fallen die Pauschalen für die Verpflegung weg.

Beim Abrechnen der Fahrten zum Studienort differenziert das Finanzamt ab dem vierten Monat. Wer wie Umschüler eine Ausbildung in Zeiten ohne Arbeit macht, kann seine Fahrten nach bisheriger Rechtslage weiter wie in den ersten drei Monaten abrechnen. Das gilt auch für Arbeitnehmer, die sich auf eigene Initiative und Kosten außerhalb der regulären Arbeitszeit bilden.

Findet die Ausbildung dagegen im Rahmen eines Arbeitsverhältnisses mit Einwilligung oder auf Weisung des Arbeitgebers und in der Arbeitszeit statt, ist die Abrechnung nach drei Monaten anders. Dann müssen Arbeitnehmer Fahrten zur beruflichen Bildung wie ihren Weg zur Arbeit abrechnen.

Fahren sie noch mal 26 mal 30 Kilometer mit dem Wagen hin und zurück, können sie für jede Fahrt 15 Kilometer abrechnen: die ersten 10 mit jeweils 0,36 Euro und die restlichen 5 Kilometer mit 0,40 Euro. Das sind 5,60 Euro pro Fahrt und zusammen nur noch 145,60 Euro für 26 Fahrten.

Manchmal ist aber selbst nach drei Monaten noch mehr drin. Besteht eine Ausbildung aus mehreren Etappen, die im Abstand von mindestens vier Wochen oder jedes Mal an einem anderen Ort stattfinden, können Teilnehmer in den ersten drei Monaten jeder Etappe wieder Verpflegungskosten und höhere Fahrtkosten abrechnen.

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