Dr. Elisabeth M. Krekel: „Weiterbildungstests im Kontext der Qualitätsdiskussion – Die Sicht der beratenden Expertenrunde“

Vortrag von Dr. Elisabeth M. Krekel vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) auf der „Bilanztagung Bildungstests“ der Stiftung Warentest am 4. November 2005 in Berlin.

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Vortrag:

Vielen Dank, dass ich heute als stellvertretendes Mitglied der Expertenrunde bei der Stiftung Warentest zu Ihnen sprechen darf. Ich werde in meinen Ausführungen nicht nur auf die Expertenrunde eingehen, sondern auch auf die allgemeine Qualitätsdiskussion, weil ich der Überzeugung bin, dass Bildungstests ein Spiegel dieser Diskussion sind. Daher sollten unsere Beratungen darum bemüht sein, an diese Qualitätsdiskussion und an die Entwicklungen in der beruflichen Bildung anzuknüpfen. Dies möchte ich zunächst mit einem kleinen Überblick auf die Qualitätsdiskussion tun. In einem weiteren Schritt werde ich Ihnen kurz den Diskussionsstand in der Expertenrunde referieren.

Die Qualitätsdiskussion im Überblick

Bis 1970 war die Qualitätsdiskussion in der beruflichen Bildung eher auf Ausbildung ausgerichtet. Dies fand seinen Niederschlag in den Empfehlungen des Deutschen Bildungsrates zur Verbesserung der Lehrlingsausbildung, in der 1969 eingerichteten Sachverständigenkommission zu Kosten und Finanzierung der beruflichen Ausbildung und im Berufsbildungsgesetz. In Bezug auf die Ausbildung war man bis zum Jahr 2000 davon ausgegangen, dass die Gesetze zur Ausbildungsordnung und Ordnungsstruktur auch qualitätssichernde Wirkungen hätten. Das reformierte Berufsbildungsgesetz von 2005 enthält nun auch ein umfassendes Instrumentarium zur Sicherung der Qualität beruflicher Bildung und zur Stärkung der Qualitätspraxis; dezidiert verstanden als Aus- und Weiterbildung.

Qualitätssicherung in Aus- und Weiterbildung

Denn es heißt in dem Entschließungsantrag zum Berufsbildungsgesetz unter anderem, dass Verfahren zur externen Evaluation der Qualitätssicherungspraxis in beruflicher Aus- und Weiterbildung zu erarbeiten sind. Zudem ist die Praxis der Qualitätssicherung weiter zu entwickeln, indem geeignete und praktische Instrumente zur fortlaufenden Qualitätssicherung und zum Qualitätsmanagement an die Hand gegeben werden. Die Qualitätssicherung in Aus- und Weiterbildung spielt also eine große Rolle. Hier können wir die Bildungstests und andere Initiativen einordnen. Eine geringere Rolle spielen die Qualitätssicherung, externe Qualitätssicherung oder Evaluation in der betrieblichen Ausbildung. Hierzu gibt es allerdings mittlerweile verschiedene Initiativen, die Ausbildungsqualität in den Blick zu nehmen. Das ist zwar nicht unser Thema, aber das sind Ansatzpunkte, die wir mitbedenken sollten, wenn wir über Aus- und Weiterbildung sprechen.

Impulse mit großer Wirkung in der Weiterbildung

Die Entwicklungen und Impulse, die damals von der Sachverständigenkommission „Kosten und Finanzierung der beruflichen Ausbildung“ ausgegangen sind, z. B. das sogenannte Output- und Input-Modell der Qualität, haben große Wirkung in der Weiterbildung gehabt, weniger jedoch in der Ausbildung. In den 80er Jahren führte das Bundesinstitut für Berufsbildung eine Untersuchung zur betrieblichen Ausbildung durch, bei der vor allem die Kosten im Zentrum der Betrachtung standen und weniger die betriebliche Ausbildungsqualität. In der Weiterbildung sind die Maßnahmen, die damals entwickelt wurden, eingeflossen in das Instrument zur Begutachtung der beruflichen Erwachsenenbildung sowie in das Fernunterrichtsschutzgesetz und den Anforderungskatalog der Bundesanstalt für Arbeit.

Die Weiterbildung selber ist heute geprägt durch die Neuausrichtung in der im SGB III geförderten Weiterbildung, durch verschiedene Qualitätssicherungsansätze, die weiter entwickelt wurden und in verschiedene Qualitätssicherungssysteme aufgegangen sind. In diesem Zusammenhang stehen auch die Weiterbildungstests.

Bildungsprozess im Blick haben

Die verschiedenen Ansätze kann man der Übersichtlichkeit halber in einem Qualitätswürfel bündeln, und zeigen, dass es verschiedene Elemente und Strukturen innerhalb der Qualitätsdiskussion zu berücksichtigen gilt – und wir, wenn wir über Weiterbildung oder Ausbildung sprechen, jeweils nur ganz bestimmte Aspekte herausgreifen bzw. Schwerpunkte setzen. Wenn wir über Qualitätssicherung sprechen, haben wir immer auch den so genannten Bildungsproduktionsprozess oder den Prozess im Blick, vom Input bis zum Outcome bzw. Transfer. Wir haben einzelne Akteure in der Bildungslandschaft und Qualitätssicherungssysteme, die gewissermaßen quer dazu liegen. Bei der Betrachtung der Ausbildung haben wir vor allem die Ausbildungsordnung bzw. die entsprechenden Paragraphen aus dem Berufsbildungsgesetz im Blick, die sich auf Input und Durchführung der Ausbildung beziehen. Das sind Anhaltspunkte dafür, wo qualitätssichernde Elemente zu finden sind.

Bildungsträger und Weiterbildungswillige im Fokus

Wenn wir hier über Weiterbildung sprechen, stehen im Fokus vor allem die Bildungsträger auf der einen Seite und die Individuen, die sich weiterbilden wollen, auf der anderen. In der Weiterbildung haben wir auch Qualitätssicherungssysteme wie ISO, EFQM u.a., die im Würfel dahinter liegen und ebenfalls diesen Prozess steuern sollen.

Welche Elemente stellen wir jetzt in den Vordergrund? Warum tun wir dies und wie können wir den Systemcharakter dieser Elemente unterstreichen? Wenn wir über den Bereich der Weiterbildung sprechen, wollen wir vor allem die individuelle Sicht einnehmen. In der Machbarkeitsstudie der Stiftung Warentest ist nachzulesen, dass die qualitätsfördernden Elemente noch implementiert oder gestützt werden müssen und davon auszugehen ist, dass in der nächsten Zeit – die Studie datiert aus dem Jahr 2001 – die Individuen mehr in ihre eigene berufliche Weiterbildung investieren und diese Investitionen ein hohes Volumen ausmachen würden.

Investitionen in die eigene berufliche Weiterbildung

Hier nun einige Ergebnisse des Bundesinstituts für Berufsbildung, die zeigen, dass die Individuen tatsächlich viel in ihre eigene berufliche Weiterbildung investieren. Im Jahre 2002 hat jeder/jede Weiterbildungsteilnehmer(in) aus eigener Tasche 502 Euro in die eigene berufliche Weiterbildung investiert. Die Kosten setzen sich zusammen aus direkten und indirekten Kosten, d. h. neben Teilnahmegebühren wurden auch diejenigen Kosten einberechnet, die zum Beispiel durch reduzierte Arbeitszeit angefallen sind. Wir haben hier erwerbstätige bzw. erwerbsnahe Personen befragt. Erwerbsnah ist dabei auch jede Person, die beabsichtigt, in den nächsten zwei Jahren eine Erwerbstätigkeit aufzunehmen. Die Teilnahmequote an beruflicher Weiterbildung liegt bei 68 Prozent, das sind etwa 27,4 Millionen Personen. Insgesamt investierten sie die beachtliche Summe von 13,8 Millarden Euro in die eigene berufliche Weiterbildung.

Was nützt individuelle Weiterbildung?

Es ist aber nicht sinnvoll, nur die Kosten zu betrachten, ohne den Nutzen von Weiterbildung zu berücksichtigen. Wir können also davon ausgehen, dass, wenn jemand bereit ist, in die eigene berufliche Weiterbildung zu investieren, damit auch ganz bestimmte Ziele verbunden sind. Die Ziele sind natürlich abhängig davon, ob es kürzere oder größere Weiterbildungsmaßnahmen sind. Folgendes ergab die BIBB-Studie dazu: Die Ziele liegen sehr stark in den eher weichen Bereichen, was vielleicht auch daran liegt, dass viele Weiterbildungsmaßnahmen kürzer sind. Persönliche Weiterentwicklung wurde an erster Stelle genannt, dies ist für 90 Prozent der Befragten wichtig. Es folgt die Verbesserung der beruflichen Leistungsfähigkeit (89 Prozent) und die Anpassung an neue Tätigkeitsanforderungen (82 Prozent). Beruflicher Aufstieg (40 Prozent) oder die Aussicht auf einen höheren Verdienst (44 Prozent) spielten dagegen eine eher nachgeordnete Rolle.

Ziel der persönlichen Weiterentwicklung erreicht?

Aber werden diese Ziele auch erreicht? Da sehen Sie ein umgekehrtes Bild. Wir haben nämlich weiter diejenigen analysiert, die gesagt haben: „Ich möchte mich gerne persönlich weiterentwickeln.“ Diese haben ihr Ziel tatsächlich erreicht, was bei der persönlichen Weiterentwicklung ja auch relativ einfach ist. Mit dieser so genannten negativen Nutzen-Ziel-Relation haben wir das Verhältnis von Zielen und Nutzen analysiert. Interessant ist, dass diejenigen, die sich bessere Chancen auf einen Arbeitsplatz oder Aussicht auf einen höheren Verdienst ausrechnen, ein großes Problem für sich selber darin sehen, ihre mit der Weiterbildung verbundenen Erwartungen, auch tatsächlich zu erreichen.

Paradigmenwechsel in der Weiterbildung

Die Ergebnisse zeigen, wie Weiterbildungsteilnehmer auf dem Markt agieren bzw. wie sie investieren, und stehen im Kontext dessen, was im Gutachten der Hans-Böckler-Stiftung von 1998 unter anderem auch angesprochen wurde. Es geht darum, das Nachfrageverhalten der Teilnehmer auf dem Weiterbildungsmarkt zu stärken. Das können wir nur tun, wenn die Angebote auch da ansetzen, wo die Weiterbildungsteilnehmer ihre eigenen Ziele sehen und ihre Investitionsbereitschaft ansetzt. Hierzu dienen auch Weiterbildungstests. Wir können seit dem Ende der 90er Jahre einen Paradigmenwechsel von der Angebots- zur Nachfrageorientierung feststellen. Es ist selbstverständlicher geworden, dass auf der Anbieterseite Qualitätssysteme eine wichtige Rolle spielen. Diese werden auch eingesetzt, um zur Stärkung des Nachfrageverhaltens beizutragen. Daher muss der Nachfrager aber eben selber in die Lage versetzt werden, mit Hilfe von Qualitätssicherungssystemen aus diesen Angeboten eine passende Auswahl zu treffen.

Weiterbildungstests – Eine Maßnahme von vielen

Manchmal wird der Weiterbildungsteilnehmer selbst gar nicht merken, dass er ein qualitativ gutes Angebot bekommen hat. Die Instrumente wie zum Beispiel die Weiterbildungstests stehen aus meiner Sicht in einer Reihe mit anderen Maßnahmen zur Stärkung des Nachfrageverhaltens, wie die Weiterbildungsdatenbanken oder Informationssysteme zur Auswahl der jeweiligen Weiterbildung. Weitere Beratungsleistungen müssen notwendig hinzukommen, sei es von den Anbietern selbst, die die Nachfragenden bei ihren eigenen Bedürfnissen und Zielen abholen, sei es durch Beratungsstellen, die neutral sind. Weiterbildungstests müssen in diesem Kontext stehen, um über dieses Gesamtnetzwerk von Systemen eine breite Wirkung erzielen zu können.

Schon Anfang der 90er Jahre wurden im Auftrag des BMBF erste Modellversuche durchgeführt und die ersten methodischen Grundlagen für Weiterbildungstests gelegt. Ausgehend von diesen Ergebnissen hat das BIBB in einem Aufsatz in der BWP (3/2001) erste Konturen einer Stiftung Bildungstest gezeichnet und gefragt, wie so eine Stiftung aussehen könnte. Bildungstests sollen danach vergleichend angelegt werden und auch Kriterien für Anbieter und Nachfrager entwickeln, um daraus Zertifizierungs- und Akkreditierungskriterien abzuleiten. Die Frage ist, wie die Arbeit der Stiftung Warentest auch im Rahmen von vergleichenden Bildungstests noch stärker an die Akkreditierung und Zertifizierung von Bildungsträgern und Maßnahmen herangeführt werden kann.

Transparenz und Qualitätsbewusstsein schaffen

Ziel und Funktion ist es, Transparenz und Qualitätsbewusstsein auf der Nachfragerseite zu schaffen. Ich bin der Auffassung, dass dieses Ergebnis schon erzielt wurde. Im Rahmen der Bildungstests steht auch immer eine so genannte marktbereinigende Wirkung im Vordergrund. Es sollen die schlechten und guten Anbieter anhand von Kriterien unterscheidbar werden. Weitere Vorschläge sind: Ein unabhängiger Träger, was bei der Stiftung Warentest gegeben ist und eine Bund-Länder-Finanzierung.

Durchaus legitim ist die Frage, ob solche Tests auch auf andere Bildungsbereiche ausgedehnt werden können oder welche Streuwirkung von ihnen ausgeht. Aus diesem Komplex von Problemstellungen leitet sich die Aufgabe der beratenden Expertenrunde ab.

Diskussion der Tests mit Experten

In der Expertenrunde wird der Bilanzbericht der Weiterbildungstests durchgesprochen. Es werden die Themen diskutiert, die in nächster Zeit getestet werden sollen und Problembereiche von Weiterbildungstests angesprochen. Wir hatten zum Beispiel eine Diskussion darüber, wie weit man ein negatives Testurteil vertreten kann, wenn es sich um einen Bildungsanbieter handelt, der sein Qualitätssicherungssystem nachgewiesen hat und im Rahmen der SGB III geförderten Weiterbildung Bildungsgutscheine empfangen kann.

Wir diskutieren zudem den Einsatz von Methoden, die Verbreitung der Ergebnisse sowie ihre Wirkung. Eine wichtige Rolle hat die Zusammensetzung der Fachbeiräte. Für jeden Test wird ein eigener Fachbeirat benannt, in dem Experten und Expertinnen sitzen, die in dieser Sache entsprechend beraten können. Kontrovers haben wir auch diskutiert, ob und wie die Stiftung Qualitätssicherungssysteme unter die Lupe nehmen soll und welche Verbraucherwirkungen von diesen Qualitätssicherungssystemen ausgehen.

Im Namen der Expertengruppe danke ich Ihnen herzlich für Ihre Aufmerksamkeit.

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