Bienen­sterben Special

Welt­weit sterben massen­weise Bienen. Für ihren Tod ist vor allem der Mensch verantwort­lich. Die lang­fristigen Folgen sind dramatisch: Nicht nur die Arten­vielfalt ist bedroht, auch die Ernteerträge sind in Gefahr. Wenn Äpfel, Gurken und Nüsse rar würden, könnten den Menschen am Ende viele wichtige Nähr­stoffe fehlen. Das Special von test zeigt, wie wichtig Bienen sind und was sie leisten.

Nicht nur ein Problem für Imker

Sie sind winzig, doch sie leisten Großes. Bienen bestäuben Wild- und Nutz­pflanzen, sichern so die Arten­vielfalt in der Natur und den Menschen das Über­leben. Bienen sind unver­zicht­bar. Aber der Bestand vieler Bienenvölker ist bedroht. Was zunächst nur Imkern und Bienen­experten Sorgen bereitete, beschäftigt inzwischen auch Politiker, Land­wirte und Laien. Das massen­weise Bienen­sterben könnte dramatische Folgen für alle haben.

Pestizide wirken wie Nervengift

Die Gründe, warum ganze Bienenvölker in Europa, Nord­amerika und Asien schwinden, sind vielschichtig. Zum Groß­teil sind sie menschen­gemacht. Mono­kulturen in der industrialisierten Land­wirt­schaft bieten den Insekten nicht genug Nahrung. „Den Bienen geht es wie uns Menschen. Eine vielfältige Ernährung trägt zur Gesundheit bei, einseitige Ernährung schwächt und macht krank“, sagt Professor Jürgen Tautz, Leiter der BeeGroup am Biozentrum der Universität Würzburg. Auch zeitlich ist das Nahrungs­angebot stark begrenzt. „Im Spätsommer, wenn die Bienen Vorräte und Kraft für die Wintermonate sammeln, sind viele Felder bereits abge­mäht. Bienenfreundliche Wiesen mit nektarreichen Blumen fehlen“, erklärt Jürgen Tautz.

Verbotene Schädlings­bekämpfungs­mittel gefährden Bienen

Was auf den Feldern wächst, wird zudem reichlich gedüngt und mit Pestiziden behandelt. „Voll­ständig verzichten können die Land­wirte darauf nicht, sonst fressen ihnen Schädlinge die Ernten weg“, sagt Professor Tautz. Dass die Europäische Kommis­sion im Mai dieses Jahres den Einsatz von drei Pestiziden aus der Gruppe der Neonikotinoide untersagt hat, hält der Experte aber für einen Schritt in die richtige Richtung. Die verbotenen Pestizide wirken auf Bienen wie Nervengift, nehmen ihnen den Orientierungs­sinn, das Kommunikations­vermögen und die Kraft, sich um den Nach­wuchs zu kümmern. Das Verbot gilt zunächst für zwei Jahre. Danach will die EU unter­suchen, wie es die Bienenpopulation beein­flusst hat.

Bienen­sterben Special

Parasit saugt Blut aus

Sind die Bienen durch Nahrungs­mangel und Pestizide erst einmal geschwächt, kommt ihr Immun­system nicht mehr an gegen Viren, Pilze, Bakterien und Parasiten. „Seit etwa 2002 sorgt eine Kombination dieser Faktoren für das massen­weise Sterben der Bienen in Deutsch­land“, erklärt Tautz. Die aus Asien einge­schleppte Varroa-Milbe gilt derzeit als das größte Problem vieler Imker. Dieser Parasit schwächt die Bienen, saugt den Puppen das Blut aus und verbreitet sich rasant. Greifen die Imker nicht ein, sind schnell ganze Völker tot.

Äpfel und Gurken wären Mangelware

Welche Folgen das Bienen­sterben für die Menschen haben kann, wird anhand weniger Zahlen deutlich: Etwa 35 Prozent der essbaren Pflanzen sind auf Bestäubung durch Insekten wie die Honigbiene angewiesen. Ernteerträge könnten um bis zu 90 Prozent schrumpfen, wenn die Bienen die Blüten­pollen nicht mehr in ausreichendem Maße von Pflanze zu Pflanze tragen. Verhungern wird die Menschheit deswegen dennoch nicht. Etwa 60 Prozent der essbaren Pflanzen sind auf Bienen­bestäubung nicht angewiesen. Weizen, Reis, Mais, Trauben und Oliven beispiels­weise wachsen auch ohne das Zutun der fleißigen Insekten. Unsere Ernährung wäre aber deutlich eintöniger und nähr­stoffärmer, wenn etwa Äpfel, Gurken, Melonen oder Nüsse zu Mangelware würden.

Mobile Bienenvölker im Dauer­stress

Um die flächen­deckende Bestäubung und die Ernten zu sichern, bezahlen Land­wirte inzwischen sogar für den Dienst der Bienen. In die Nähe ihrer Felder bestellen sie Imker mit Bienen­stöcken. Dafür legen einige Imker mit ihren Tieren weite Stre­cken zurück. Sie trans­portieren ihre Völker zu den großen Plan­tagen, lassen sie dort tage­weise ausschwärmen und kassieren dafür Geld. Doch es ist ein Teufels­kreis. Für die Bienen bedeutet das Reisen Dauer­stress. Das schwächt die Tiere zusätzlich.

Jeder kann zur Rettung beitragen

„Wir dürfen das Problem nicht länger verdrängen“, fordert Bienen­experte Jürgen Tautz. „Zur Rettung der Bienen kann jeder etwas beitragen.“ Schon kleine Maßnahmen helfen, auf dem Land wie in der Stadt. Land­wirte sollten an den Rändern ihrer Felder Wild­blumen stehen lassen. Städter könnten auf ihren Balkonen, in Gärten und Stadt­parks nektarreiche Blumen pflanzen, um die Bienen zu unterstützen. Auch wer Honig direkt beim Imker vor Ort kauft statt im Supermarkt, fördert den regionalen Bienen­bestand.

Übrigens: 1,5 Kilo Honig verbraucht jeder Deutsche im Jahr. Das ist Welt­spitze. Im Heft 02/2009 testete die Stiftung Warentest 35 Markenhonige

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