Biene Special

Markierte Honigbiene. Mithilfe der Nummer können Forscher Bienen identifizieren, die fähig sind, Varroa-Milben zu riechen und sich gegen sie zu wehren.

Jeden Winter sterben in Deutsch­land im Schnitt 5 bis 15 Prozent der Honigbienenvölker. Eine zentrale Ursache: Die Varroa-Milbe – ein aus Asien einge­schleppter Parasit, der Viren über­trägt. Forscher wollen das Wintersterben stoppen – mit einem aufwendigen Zucht­programm. test.de hat das Länder­institut für Bienen­kunde in Hohen Neuen­dorf besucht und stellt die Arbeit der Forscher vor. Unsere Audio-Slide­show zeigt, wie Forscher Honigbienen identifizieren, die als Milben-Schnüff­ler taugen.

Begabte Tiere identifizieren

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Markieren. Mit Nagellack fixieren Forscher Nummern auf den Rücken von Babybienen.

Biene Nummer 21 hat eine seltene Begabung: Sie kann Milben riechen. Noch weiß das niemand. Bald aber werden Wissenschaftler ihr Talent erkennen. Möglich macht das ein kleiner Klecks Nagellack. Er dient als Klebstoff für ein winziges Nummern­schild, das Forscher auf dem Rücken der Biene befestigen. Die Markierung hilft, begabte Tiere zu identifizieren. Am Länder­institut für Bienen­kunde in Hohen Neuen­dorf bei Berlin mussten im Sommer rund 50 000 Babybienen diese Prozedur über sich ergehen lassen. Es geht um Leben und Tod: Die Forscher suchen jene Tiere, die sich gegen ihren größten Feind, die Varroa-Milbe, am besten zur Wehr setzen können.

Blutsaugender Parasit über­trägt Viren

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Varroa-Milbe. Der Blutsauger über­trägt Viren – und gefährdet so ganze Bienenvölker.

Jahr für Jahr sterben in der kalten Jahres­zeit im Schnitt 5 bis 15 Prozent der deutschen Honigbienenvölker, im Rekord­winter 2002/2003 traf es sogar jedes dritte Volk. 2009 zählte der Deutsche Imkerbund bei seinen Mitgliedern nur noch rund 610 000 Völker. Zwar steigt die Zahl seitdem wieder. Bestände von etwa einer Million, wie sie bis Mitte der 1990er Jahre üblich waren, sind aber erst einmal passee. Eine zentrale Ursache für den Rück­gang ist Varroa destructor. Die aus Asien einge­schleppte Milbe vermehrt sich in der Brut von Bienen, saugt deren Blut und über­trägt dabei oft gefähr­liche Viren. Die Folge: Der Bienen­nach­wuchs ist kleiner, kann verkrüppelte Flügel haben und stirbt früher.

Hilfe zur Selbst­hilfe

Um ihnen dieses Schick­sal zu ersparen, behandeln Imker ihre Völker mit organischen Substanzen wie Ameisensäure. Doch hundert­prozentig wirk­sam sind solche Mittel nicht. „Vor allem in milden Wintern können sich Milben trotzdem gut vermehren“, sagt Instituts­leiter Kaspar Biene­feld. Erklärtes Ziel des promovierten Genetikersist es daher, Hilfe zur Selbst­hilfe zu leisten und Bienen zu züchten, die die Parasiten selbst aus dem Stock werfen können.

Audio-Slide­show: So werden Milben-Schnüff­ler gesucht

Wenn Sie auf das weiße Dreieck klicken, sehen Sie eine dreiminütige Audio-Slide­show. Sie zeigt, wie Forscher Honigbienen identifizieren, die sich selbst gegen die Varroa-Milbe wehren können.

Europäische Bienen sollen von den asiatischen lernen

Auf dem Gelände des Bienen­instituts summt und brummt es. Bunte Bienenkästen stehen unter Bäumen und an Büschen. Der vielleicht interes­santeste Kasten ist in einem Gewächs­haus unterge­bracht. Hier lebt Nummer 21 mit rund 2 000 weiteren markierten Arbeits­bienen in einer Beob­achtungs­wabe – über­wacht von einer Infrarotkamera. Derzeit halten sich die Jung­bienen über­wiegend im Stock auf. Sie wärmen die Larven und putzen leere Waben. Einige dieser Brut­zellen haben die Forscher mit Varroa-Milben präpariert. Per Video fahnden sie nun nach Talenten: Gesucht werden Arbeite­rinnen, die die Parasiten erkennen und entfernen können. „Bei der Asiatischen Honigbiene sind diese Fähig­keiten sehr verbreitet“, weiß Biene­feld. Europäische Honigbienen riechen die Milben bislang nur sehr selten. Das soll sich ändern.

Monate­lange Video­auswertung

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Genau hinsehen. Die grün eingekreisten Zellen der Wabe sind mit Milben präpariert. Video­aufnahmen zeigen, welche Biene die befallenen Zellen zuerst erkennt und putzt.

Eine Mitarbeiterin des Bienen­instituts blickt konzentriert auf den Monitor vor ihr – da wuselt und wimmelt es. Sie zoomt ins Bild: Die markierten Bienen krabbeln auf den verschlossenen Brut­zellen der Wabe. Nummer 21 kreist immer wieder um eines der präparierten Sechs­ecke und bewegt den Kopf hin und her – so, als ob sie sich vergewissern will, dass wirk­lich dieses und nicht das daneben befallen ist. „Um diejenige Biene zu erkennen, die eine präparierte Zelle als erste öffnet, muss man ein gut geschultes Auge haben“, erklärt der Instituts­leiter. Zudem braucht es Ausdauer: Hunderte Stunden Video­material gilt es zu sichten – Arbeit für Wochen und Monate. Doch die Mühe lohnt sich.

Zucht­auslese lohnt sich

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Treffer. Biene Nr. 21 hat die infizierte Zelle 119 entdeckt.

Etliche der identifizierten Talente haben die Forscher schon zur Zucht einge­setzt. Mit Erfolg: Inzwischen beob­achten sie bei vielen Völkern eine höhere Zahl wehr­hafter Putzbienen, die die von Parasiten befallene Brut ausräumen. Damit leisten sie mehr, als von der Europäischen Honigbiene normaler­weise zu erwarten wäre.

Pestizide schwächen Bienen

Dass die Varroa-Milbe eine Gefahr darstellt, ist unum­stritten. Imkerin Corinna Hölzel vom Bund für Umwelt und Natur­schutz Deutsch­land (BUND) warnt jedoch davor, andere Ursachen des Bienen­sterbens zu verharmlosen. „Die Milbe dient vielen – auch der Politik – als Verantwort­liche für Probleme, von denen man sonst ablenken will.“ So wirken etwa Pestizide aus der Gruppe der Neonikotinoide wie Nervengift auf die Bienen. Sie schwächen den Orientierungs­sinn und das Immun­system der Tiere. Zwar ist in der EU der Einsatz von drei Neonikotinoiden zunächst bis Ende des Jahres stark einge­schränkt. Deutsch­land hat zudem Einfuhr und Aussaat von damit behandelten Winter­getreide-Samen untersagt. Der BUND fordert aber ein zeitlich unbe­grenztes Verbot aller Neonikotinoide. „Das würde den Bienen deutlich schneller helfen als aufwendige Zucht­programme“, so Hölzel.

Forscher lesen im Bienen-Erbgut

Doch auch die Wissenschaft drückt aufs Tempo. Die Forscher arbeiten an einer Art Schnell­test für talentierte Bienen. Sie suchen im Erbgut der Insekten nach jenen Genen, die das besondere Putz­verhalten vererben können. Dafür bringen sie DNA aus Bienenmuskeln auf kleine Plätt­chen auf, Genchips genannt. Mit ihnen lassen sich Unterschiede in den Erbinformationen sicht­bar machen. „Ziel ist es, den Zucht­wert künftig allein auf Basis der DNA zu schätzen“, sagt Biene­feld. Er hofft, dass Imker in drei Jahren – so lange läuft das vom Bundes­land­wirt­schafts­ministerium geförderte Projekt – Bienenbrut ans Institut schi­cken können, um heraus­zufinden, welche Bienen sie vermehren sollten. Denn je mehr abwehr­fähige Tiere es gibt, desto weniger Bienen müssen jeden Winter sterben.

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