Interview: Sich von der Masse abzuheben, ist wichtig

Bewerbungskurse und -CDs Test

Rainer Schmidt-Rudloff, Experte für Personalpolitik bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, hat in der Industrie weit über 1 000 Einstellungsgespräche geführt und Tausende von Unterlagen gesichtet.

Trotzdem: „Praktikabilität geht in jedem Fall vor Originalität.“

test: Wie sieht die ideale Bewerbung aus?

Schmidt-Rudloff: Die gibt es nicht. Eine Bewerbung muss sich an den Voraussetzungen des Jobsuchenden und den Anforderungen der Stelle orientieren. Jede Branche, jedes Arbeitsfeld und jede Person erfordern unterschiedliche Bewerbungsarten. Eine Telefonistin, die sich gut ausdrücken kann, schriftlich aber Defizite hat, kann direkt beim Unternehmen anrufen, ein Tischler sein Meisterstück für sich sprechen lassen, ein Informatiker eine Online-Bewerbung schicken.

test: Keinerlei Standards?

Schmidt-Rudloff: Eine schriftliche Bewerbung sollte vollständig, übersichtlich und fehlerfrei sein. Standard sind nach wie vor Anschreiben, Lebenslauf, Foto und Zeugnisse. Aber heutzutage genügen die meisten Bewerbungen von Fachkräften den Standards. Deshalb sind Authentizität und Individualität wichtig, um sich von der Masse abzuheben.

test: Wie kann man sich positiv abheben?

Schmidt-Rudloff: Der Bewerber sollte möglichst viele Informationen über die Arbeitsstelle sammeln, im Zweifelsfall beim Unternehmen anrufen und nachfragen. So kann er Inhalt und auch Form (E-Mail oder Mappe, kurz oder ausführlich) auf die Erfordernisse des Arbeitgebers zuschneiden und im Vorstellungsgespräch mit gezielten (Nach-)Fragen glänzen.

test: Wie viel Originalität ist erlaubt?

Schmidt-Rudloff: Prinzipiell ist alles möglich, man muss nur ganz genau gucken, wo was passt. In einer kleinen Werbeagentur, in der sich die Entscheider gemeinsam vor den Fernseher setzen können, kommt ein originelles Video vielleicht gut an. In einem Großunternehmen wäre es fehl am Platze, weil nicht praktikabel. Praktikabilität geht in jedem Fall vor Originalität. Ich erinnere mich zum Beispiel heute noch an einen Physiker, der sich in Reimen beworben hat.

test: Gibt es K.-o.-Kriterien?

Schmidt-Rudloff: Orthografische und grammatikalische Fehler sollten nicht vorkommen. Im Vorstellungsgespräch zählt der erste Eindruck, das heißt Blickkontakt und Händedruck. Das Handy sollte auf keinen Fall klingeln.

test: Welche Trends gibt es?

Schmidt-Rudloff: Der Trend geht zur elektronischen Bewerbung. Je höher die Qualifikation und je verwandter die Branche mit den elektronischen Me­dien, desto eher ist eine Bewerbung per E-Mail angemessen oder sogar er­wünscht. Ein Indiz ist die Stellenausschreibung: Ist eine E-Mail-Adresse genannt, kann man die Bewerbung auch per E-Mail schicken. Auf keinen Fall aber E-Mail und schriftliche Bewerbung abschicken.

test: Wie kann sich der Bewerber sinnvoll vorbereiten?

Schmidt-Rudloff: Die Standards für die schriftliche Bewerbung kann man einem Buch oder dem Internet entnehmen. Für das Gespräch ist es besonders wichtig, sich auf die häufigsten Fragen einzustellen. Das heißt nicht, dass man die Antworten auswendig lernt! Ich halte es aber für sinnvoll, die Gesprächssituation vorher durchzuspielen, insbesondere wenn es sich um das erste Gespräch handelt.

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