Daunen: Aus der Traum

Tierschützer werfen der Daunen­industrie Tierquälerei vor. Die Anbieter können die Vorwürfe nicht entkräften: Keiner belegt die Herkunft seiner Daunen.

Bett­decken im Test Test

Die Vorwürfe. Tierschützer prangern seit Jahren an, dass Mäster ihre Gänse lebend rupfen und dabei verletzen. Das Foto von Soko Tier­schutz soll eine lebend gerupfte Gans in Polen zeigen.

„Die Situation in Polen eskaliert zurzeit wieder“, sagt Friedrich Mülln. „In zwei besuchten Dörfern haben wir an einem Tag sieben Farmen mit lebend gerupften Gänsen gesehen.“ Der Gründer des Vereins Soko Tier­schutz ist auf der Rück­reise von einer Recherche nahe Wrocław, als wir Ende September telefonieren.

Seit Jahren dokumentiert Mülln Tierquälerei auf Gänsefarmen. Seine Filme und Fotos zeigen, wie Arbeiter den schreienden Tieren brutal das Gefieder heraus­reißen, wie Maschinen zum Einsatz kommen, die eigentlich für das Entfedern toter Vögel gedacht sind, wie den Gänsen abge­rissene Hautfetzen ohne Betäubung wieder angenäht werden. Auch andere Tier­schutz­organisationen zeigen im Internet eine Vielzahl solcher Dokumente. Kann es sein, dass die Daunen der getesteten Decken (siehe Test Bettdecken) von diesen Farmen stammen?

Anbieter reden von Einzel­fällen

Die Anbieter wiegeln ab, reden von Einzel­fällen, schwarzen Schafen. Seit Jahren erklären sie unisono, dass ihre Daunen nur von geschlachteten, toten Tieren stammen – als Neben­produkt der Geflügel­industrie. „Die ganze Aufregung um Lebendrupf ist völlig über­zogen“, sagt Juliane Hedderich, Geschäfts­führerin des Verbands der Deutschen Daunen- und Federn­industrie (VDFI). „Nur schät­zungs­weise zwei Prozent des Welt­aufkommens von Federn und Daunen werden von lebenden Gänsen gewonnen.“ Tierschützer Mülln dagegen schätzt, dass allein in Polen von etwa drei Millionen gehaltenen Gänsen rund eine halbe Million Tiere lebend gerupft werden.

Wir wollten uns ein eigenes Bild machen und haben zehn Anbieter aus dem Warentest gebeten, die Herkunft und Wege ihrer Daunen offen­zulegen. Auf welcher Farm haben die Tiere gelebt? Wo wurden sie geschlachtet? Wo wurden die Daunen weiterver­arbeitet? Wie steht es um den Tier­schutz, den Umwelt­schutz und die sozialen Belange der Mitarbeiter?

Siegel erweisen sich als wert­los

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Die Versprechen. Die meisten Anbieter der Bett­decken sagen auf den Etiketten ihrer Decken, anhand von Gütesiegeln oder auf ihren Websites zu, keine Daunen von lebenden Tieren zu verwenden.

Seit zehn Jahren macht die Stiftung Warentest solche Studien zur Unter­nehmens­ver­antwortung (Corporate Social Responsibility, CSR). So zäh wie diesmal war es noch nie. Trotz monate­langen Nach­fragens kamen Belege nur zögernd, spärlich und oft gar nicht. Kein einziger Anbieter hat uns belegt, von welchen Höfen seine Daunen kommen – nicht einmal jene, die dem Verbraucher mit Brief und Siegel garan­tieren, dass die verwendeten Daunen und Federn nicht von lebenden Tieren stammen (siehe Tabelle und Kommentare).

Nur zwei der zehn Anbieter haben uns die Tore zu den Schlacht­höfen geöffnet – Kauff­mann in Polen und Wasch­bär in Ungarn. Beide sind beim Tier- und Umwelt­schutz nur ausreichend. Der polnische Schlacht­hof etwa lässt den Tieren keine fest­gelegte Ruhe­pause nach der Anlieferung, der ungarische Betrieb nur eine kurze. Das polnische Schlacht­haus hat immerhin eine eigene Klär­anlage. Kauff­mann, mit insgesamt befriedigendem CSR-Engagement der beste Anbieter, versucht nach eigener Auskunft, lang­fristige Geschäfts­beziehungen zu Schlacht­höfen aufzubauen, um das Verarbeiten lebend gerupfter Daunen auszuschließen.

Mehr Trans­parenz als in den Mast- und Schlacht­betrieben zeigten die Anbieter erst, als es ums Nähen und Befüllen der Decken mit sauberen Daunen ging. Da waren die meisten bereit, uns ihre Betriebe zu zeigen. Matratzen Concord hat sich jedoch komplett verweigert.

Werbe­versprechen als Wort­hülsen

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Gänsemast. Kein Unternehmen hat uns belegt, wo die Gänse und Enten gelebt haben, deren Daunen sie verarbeiten.

Das ist ein Armuts­zeugnis. Nicht nur, weil sich all die voll­mundigen Werbe­versprechen und Selbst­verpflichtungen der Branche so als leere Wort­hülsen entpuppen. Auch das vom Verband VDFI immer wieder hoch­gehaltene Kontroll­siegel, der „Traumpass“, erweist sich als wert­los. Das Zertifikat, ausgestellt von DIN Certco, verspricht neben einer hohen Produktqualität den Verzicht auf Lebendrupf. Mehrere Anbieter oder deren Produzenten lassen sich nach Traumpass-Vorgaben zertifizieren. Trotzdem bleiben sie den Beleg schuldig, woher ihre Daunen stammen – können also Lebendrupf nicht ausschließen.

In der EU ist es aus Tier­schutz­gründen verboten, Gänse lebend zu rupfen. Das Gesetz lässt allerdings ein Schlupf­loch: Es erlaubt am lebendigen Tier das traditionelle Mauserraufen. Wasser­geflügel wie Gänse und Enten kommen regel­mäßig in die Mauser: Ihr Gefieder erneuert sich immer wieder auf natürliche Weise, indem die Daunen von allein abfallen – ein großer Gefieder­wechsel im Herbst und mehrere kleine im Jahr. Ist ein Tier in der Mauser, so die EU-Vorgabe, dürfen lose Daunen per Hand aus dem Gefieder gestrichen werden.

„Der traditionelle Mauserrauf ist in der Praxis kaum zu realisieren“, sagt Stefan Johnigk vom Verein gegen tierquälerische Massentierhaltung Provieh. „In der Intensivmast mit Herden von mehr als tausend Gänsen kommen nicht alle Tiere gleich­zeitig in die Mauser, das zieht sich über Tage hin.“ Dagegen würden die oft im Akkord arbeitenden Rupfb­rigaden an einem bestimmten Termin erscheinen und die Herde in wenigen Stunden durch­rupfen. „Auf den Mauser­stand einzelner Tiere wird dabei keine Rück­sicht genommen“, sagt Johnigk. „Auch Tiere, die nicht in der Mauser sind, werden dann lebend gerupft.“

Werden die Gänse außer­halb der Mauser gerupft, sitzen Daunen und Federn teil­weise so fest, dass sie mitsamt der Haut heraus­gerissen werden, so der Tierschützer.„Manche Gänse erleiden bei der Prozedur Knochenbrüche“, sagt Johnigk. „Einige Tiere verenden daran.“

Enten werden in der Regel nicht lebend gerupft. Der Grund: Da viel mehr Ente als Gans gegessen wird, gibt es auch viel mehr Schlacht­rupf. Besser geht es Enten deshalb nicht, sie leiden oft an den Bedingungen in der Intensivmast (siehe Tabelle).

An der fertigen Bett­decke lässt sich nicht mehr erkennen, ob Daunen und Federn von lebenden Tieren stammen. Einmal gewaschen, sind sie nicht mehr von Schlacht­rupf zu unterscheiden. Das macht es einfach, das EU-Gesetz zu umgehen. Zumal die gesamte Branche sehr unüber­sicht­lich ist. Rück­verfolgungs­systeme, wie in anderen Branchen üblich, gibt es offen­bar nicht. Beim CSR-Test von Funk­tions­jacken (test 8/2012) etwa konnten viele Anbieter die Herkunft von jedem einzelnen Knopf und Reiß­verschluss in der Firmenzentrale abrufen.

Schlachtung nach 9 bis 22 Wochen

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Schlacht­haus. Nur zwei der zehn Anbieter haben uns den Schlacht­hof gezeigt, der ihnen Daunen liefert. Die Gänse fahren am Haken baumelnd zu einem Elektrobad. Dort werden sie betäubt und mit einem Kehl­schnitt getötet.

Etliche Anbieter sagen, ihre Daunen kommen aus Osteuropa, insbesondere Polen und Ungarn. Belege haben sie nicht. Auch in Russ­land und China werden Daunen in großem Maßstab produziert. Nach Ansicht von Tierschützern sind die Bedingungen für die Tiere dort noch viel schlimmer als in Europa. Die Mäster, sowohl Kleinst­bauern als auch große Farmen, verkaufen ihre Tiere in der Regel nach 9 bis 22 Wochen Mast an einen Schlacht­hof.

Die Daunen der Schlacht­tiere werden im Schlacht­haus vorgewaschen und in weiterver­arbeitenden Betrieben gereinigt, desinfiziert, getrocknet, entstaubt und sortiert. Oft sind hier bereits Zwischenhändler im Spiel. Sie kaufen die gereinigten Daunen oder die Rohware direkt beim Schlachter, mischen sie und verkaufen sie den Konfektionären – in unserem Test sind das Betriebe in Deutsch­land, Ungarn oder Österreich. Der Konfektionär befüllt die Decken, näht sie zusammen und liefert sie an den Händler, der sie in die Regale legt.

Auf welchen Wegen die von der Branche einge­räumten zwei Prozent Daunen aus Lebendrupf gehandelt werden, bleibt unklar. „Die Vertriebs­kanäle sind mir unbe­kannt“, sagt Juliane Hedderich vom Herstel­lerverband VDFI. Auch Tierschützer Friedrich Mülln kann nicht sagen, an wen die von ihm im September besuchten Gänsefarmen nahe Wrocław ihre Daunen liefern.

Begehrt sind Daunen von Brutgänsen

Daunen aus Lebendrupf sind wegen ihrer hohen Qualität begehrt, insbesondere von Brutgänsen. Die Daunen der erwachsenen Eltern­tiere sind reifer als die junger Mastgänse und haben dadurch bessere Klima­eigenschaften (siehe test Bettdecken). Das legen auch Briefe und Videos nahe, die uns Friedrich Mülln geschickt hat. Da teilt ein Bett­waren­hersteller 2010 mit, aus Qualitäts­gründen keinen Todrupf zu verwenden, sondern nur Lebendrupf – „der 2. und 3. Rupf ist perfekt“.

Ein verdeckt gefilmtes Video, das die Tier­schutz­stiftung Vier Pfoten 2010 veröffent­lichte, zeigt einen Hersteller, der im Verkaufs­gespräch mit einer ungarischen Firma erklärt: Den angebotenen Lebendrupf würde er gern kaufen, dieser müsse aber unbe­dingt als Schlacht­rupf deklariert werden, um Probleme zu vermeiden.

Der Preis für Daunen ist gestiegen

Die Branche steht unter Druck. Der Preis für Daunen ist in den vergangenen drei Jahren drastisch gestiegen. Die Gründe: Es werden weniger Gänse gegessen, zugleich werden die Tiere oft so früh geschlachtet, dass die Daunen noch nicht ausgereift sind. Hinzu kommt, dass die Nach­frage in China stark steigt. Immer mehr Chinesen kaufen Luxus­produkte wie Daunenja­cken. Gleich­zeitig ist der Preis für Fleisch im Keller. In dieser Gemengelage spricht viel dafür, dass ein Mäster für die Daunen seiner Gänse gern mehr­mals kassiert – nicht nur einmal nach dem Schlachten. Entkräften konnte die Branche diesen Vorwurf nicht.

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