Wenn es eine Konstante in der Geschichte der Bundes­republik gibt, dann ist es die Abzocke bei Kaffe­fahrten. Dubiose Veranstalter locken Senioren mit vermeintlich lukrativen Busreisen, die sich als reine Verkaufs­ver­anstaltungen entpuppen. Mit aggressiven Verkaufs­methoden werden Teilnehmer dazu gebracht, nutzlose oder stark über­teuerte Ware zu kaufen.

Lock­mittel: Fahrt ins Tropical Islands

Eigentlich sind Ursula und Joachim Czelusta Profis. Die 84-jährige Berlinerin und ihr 86 Jahre alter Mann halten dem Druck der Verkäufer immer stand und kaufen nichts, wenn sie bei Kaffee­fahrten mitfahren. Nur am 23. April 2014 klappt das nicht. Eine Fahrt in den Frei­zeit­park „Tropical Islands“ im Süden Berlins hatte das „TIB Infocenter Deutsch­land-Berlin“ versprochen. Doch diesen Ort sieht das Paar nie. Der Bus sammelt alle ein und fährt in eine Gast­stätte nach Velten, im Norden von Berlin. Der Frei­zeit­park kommt später, vertröstet der Fahrer.

Billiges Frühstück statt Frei­zeit­park

Nach einem billigen Frühstück präsentieren die Verkäufer die „PSP1“, eine Bestrahlungs­lampe der Firma Bio Tech aus Eschborn. Das Gerät ist laut Beizettel ein wahres Wunder­werk der Medizin. Denn der Licht­strahl der PSP1 hilft „bei Narben, Schnitt­wunden, Neuroder­mitis, Schuppenflechte, Brandwunden, Herpes oder sons­tigen Beschwerden“, heißt es. „Einfach 20 Minuten dort hinhalten, wo es wehtut.“ Das Gerät habe bei der Stiftung Warentest mit „sehr gut“ abge­schnitten, behaupten die Verkäufer von TIB. Das ist natürlich eine dreiste Lüge. Die von Arthrose geplagte Ursula Czelusta „darf“ das Gerät ausprobieren. Jemand reibt ihr Knie mit einer Diclofenac-Schmerzsalbe ein und bestrahlt es. Warum auch immer: Nach der Bestrahlung fühlt Czelusta sich im ersten Moment besser.

Widerruf geht ins Leere

Die Czelustas kaufen das Gerät. Zum „Aktions­preis“ von 1 800 Euro. Für das mit teurem Eintritt verbundene Tropical Islands ist anschließend angeblich keine Zeit mehr. Am Abend nach der Fahrt bringt ein Helfer die PSP1 vorbei. Joachim Czelusta muss in bar bezahlen. Ursula Czelusta benutzt die PSP1 einige Tage lang, aber die Beschwerden bleiben. Das Paar will das Gerät wieder loswerden und widerruft den Kauf. Das ist bei Kaffee­fahrten zwar möglich. Bei Betrügern bleibt das Widerrufs­recht aber wert­los. Joachim Czelusta bekommt sein Widerrufs­schreiben zurück. Das Post­fach existiert nicht. Auch der „Hersteller“ der PSP1 ist aus den Büros in Eschborn längst ausgezogen.

Tropical Islands distanziert sich

Die Masche des Veranstalters „TIB Infocenter“ zockt nicht nur Senioren ab. Sie bedient sich auch frech und unerlaubt bei fremden Marken. Natürlich hat die Stiftung Warentest die PSP1 nie gestest und auch nie erlaubt, dass solche Produkte in Verkaufs­ver­anstaltungen mit dem Stiftungs-Logo beworben werden. Auch der Name des Frei­zeit­parks Tropical Islands wurde als Lock­mittel miss­braucht. Auf der Einladung zur Kaffee­fahrt werde das Logo des Parks unerlaubt verwendet, heißt es in einer Stellung­nahme von Tropical Islands.

Unser Rat

Grund­sätzlich raten wir davon ab, an solchen Verkaufs­fahrten teil­zunehmen. Wer es dennoch tun will, sollte ein paar Tipps beherzigen:

  • Nehmen Sie keine größeren Bargeld­bestände mit auf die Fahrt. Am besten auch keine EC- oder Kreditkarten. So schützen Sie sich selbst vor unüber­legten Spontan­käufen.
  • Wenn Sie dennoch etwas bei einer Kaffee­fahrt kaufen: Lassen Sie sich vom Verkäufer der Waren den Personal­ausweis vorlegen. Schreiben Sie sich die Daten auf. Betrüger werden Ihnen den Ausweis nicht zeigen.
  • Notieren Sie den Namen des Busunter­nehmens und des Busfahrers. Der Fahrer kommt in einem möglichen Verfahren gegen die Kaffee­fahrt-Veranstalter als Zeuge in Betracht.
  • Notieren Sie Namen, Adressen und Telefon­nummern von Mitfahrern. Auch diese können später als Zeugen aussagen.
  • Nehmen Sie ein Handy mit auf die Fahrt. Dann können Sie notfalls noch während der Veranstaltung die Polizei rufen.

Dieser Artikel ist hilfreich. 36 Nutzer finden das hilfreich.