Traditions­unternehmen Hohner: Glänzende Instru­mente – aber Probleme im Bereich der Pensions­kasse.

Millionen Beschäftigte sparen fürs Alter mit Pensions­kassen. Doch fast jede vierte Kasse hat Finanz­probleme. Drei Pensions­kassen kürzen jetzt die Leistungen. Hier lesen Sie, warum manche Pensions­kassen Probleme haben, welchen Schutz es im Insolvenzfall gibt und was betroffene Mitarbeiter tun können.

Traditions­firma Hohner gab betriebliche Alters­vorsorge ab

Die Mund­harmonika ist ihr Markenzeichen: Schon seit 162 Jahren gibt es die Musik­instru­mentenfirma Hohner im baden-württem­bergischen Trossingen – heute Welt­markt­führer für Mund­harmonikas und Akkordeons. Vor fünf Jahren hat der Traditions­betrieb die betriebliche Alters­vorsorge für seine lang­jährigen Mitarbeiter und Betriebs­rentner in andere Hände gegeben. Die Kölner Pensions­kasse hat im Jahr 2014 den Bestand der Hohner-Firmenpensions­kasse, die schon damals keine Neumitglieder mehr aufnahm, über­nommen.

Jetzt sorgen sich die Hohner-Mitarbeiter

„Kölner Pensions­kasse auf Expansions­kurs“, frohlockte die Kölner Kasse damals. Damit ist es vorbei. Die Versicherten sorgen sich inzwischen um ihre Betriebs­rente. Im Früh­jahr 2019 bekam Hohner Post aus Köln. Die Kölner Pensions­kasse befinde sich „in einer schwierigen Lage“, lautete gleich der erste Satz des Briefes. Und weiter: „Eine Leistungs­kürzung ist notwendig geworden.“ Sie trifft nicht nur die Versicherten und Rentner der Kölner Pensions­kasse, sondern auch diejenigen der Caritas Pensions­kasse und Deutscher Steuerberater-Versicherung.

Unser Rat

Arbeitnehmer. Wenn Sie über eine Pensions­kasse fürs Alter sparen, lesen Sie immer die jähr­liche Stand­mitteilung. Wenn Sie von Kürzungen betroffen sind und den vollen Beitrag bisher selbst aus dem eigenen Brutto­lohn zahlen, können Sie erwägen, den Vertrag beitrags­frei zu stellen. Zahlt der Arbeit­geber den Beitrag ganz oder zum größten Teil, lassen Sie den Vertrag auf jeden Fall weiterlaufen.

Rentner. Wenn Ihre Betriebs­rente gekürzt wird, muss Ihr Arbeit­geber, der sie zugesagt hat, den fehlenden Betrag zuschießen. Das gilt auch, wenn Sie nicht bis zum Ruhe­stand dort gearbeitet haben. Fordern Sie Ihren Arbeit­geber auf, die Rente aufzufüllen.

Rente vorziehen. Wenn Sie anhand der letzten Stand­mitteilungen fest­stellen, dass zu Ihrem bisher erworbenen Renten­anspruch künftig nicht mehr viel hinzukommt, können Sie erwägen, die Rente vorzuziehen. Eine Betriebs­rente kann mit 62 Jahren ausgezahlt werden. Falls Sie die Betriebs­rente vorziehen, solange Sie noch berufs­tätig sind und Ihr Verdienst die Beitrags­bemessungs­grenze (derzeit 4 537,50 Euro im Monat) über­steigt, zahlen Sie wenigs­tens bis zum Ruhe­stand gar keine Kranken- und Pflege­versicherungs­beiträge auf Ihre Betriebs­rente. Prüfen Sie aber, ob höhere Steuern in der Zeit vor der Alters­rente diesen Vorteil wieder zunichte machen.

Informationen. Alles rund um die Betriebs­rente – über die Nöte von Pensions­kassen hinaus – lesen sie im großen Special Betriebsrente.

Hinweise oder Fragen zum Thema? Schreiben Sie uns bitte eine E-Mail an betriebsrente@stiftung-warentest.de.

Drei Pensions­kassen kürzen die Renten

Alle drei Kassen sind in finanzielle Schieflage geraten und nehmen keine neuen Kunden mehr an. Pensions­kassen sind Lebens­versicherer, die Betriebs­renten für Unternehmen organisieren. Damit stehen sie unter der Aufsicht der Bundes­anstalt für Finanz­dienst­leistungs­aufsicht (Bafin). Ihr mussten sie Sanierungs­pläne vorlegen, die Leistungs­kürzungen für die insgesamt 48 000 Renten­anwärter und mehr als 15 000 Rentner der drei Kassen zur Folge haben. Die Kürzungen sind nicht für jeden einheitlich, sondern „je nach Zeitraum des Vertrags­abschlusses und je nach Tarifgruppe“ unterschiedlich, so die Kölner Pensions­kasse.

Kürzungen von durch­schnitt­lich mehr als 7 Prozent

Rentner bekommen ab Januar 2020 weniger. Im Durch­schnitt wird die Rente um 7,54 Prozent gekürzt, so der Vorschlag des verantwort­lichen Versicherungs­mathematikers. Bei der Kölner Pensions­kasse sind Kürzungen von mindestens 48,3 Millionen Euro geplant. Bei der Caritas-Pensions­kasse sind es sogar 122,8 Millionen Euro. Die Deutsche Steuerberater-Versicherung muss ebenfalls ihre Leistungen für Versicherte und Rentner kürzen. Grund ist hier ein Fehl­betrag von 158 Millionen Euro in der Bilanz, der ebenfalls ausgeglichen werden muss.

Arbeit­geber in der Pflicht

Eine Lücke bei der Betriebs­rente muss der Arbeit­geber füllen. Er haftet für die zugesagte Leistung. Dies schreibt das Gesetz vor – und so hat es unter anderem das Hessische Landes­arbeits­gericht bestätigt (Az. 8 SA 187/09). Doch oft kommt das Geld nicht von allein. Klaus Stiefermann, Geschäfts­führer der Arbeits­gemeinschaft für betriebliche Alters­versorgung (Aba), rät: „Betriebs­rentner müssen sich an ihre Firma wenden und die Ausgleichs­zahlung ihrer Rente anfordern.“ Holschuld heißt dies im Fachjargon. Aktive Arbeitnehmer müssen sich erst dann an ihren Arbeit­geber wenden, wenn die Leistung fällig wird, also zu Beginn ihres Ruhe­stands oder im Falle einer Erwerbs­minderung – wenn ihre betriebliche Alters­vorsorge Leistungen für diesen Fall vorsieht. Kann auch der Arbeit­geber nicht zahlen, weil er insolvent ist, bleibt es bei der gekürzten Rente – wenn sich die Pensions­kasse nicht wieder erholt.

Aufsicht­amt hat einige Kassen „besonders im Blick“

Insgesamt knapp fünf Millionen Arbeitnehmer haben Renten­ansprüche von einer Pensions­kasse. Dies geht aus dem jüngsten Alters­sicherungs­bericht der Bundes­regierung hervor. 139 Kassen gibt es insgesamt, 31 stehen unter „einer intensi­vierten Aufsicht“ der Bundes­anstalt für Finanz­dienst­leistungs­aufsicht, fast ein Viertel aller Kassen. „Erhebliche Sorgen“ gebe es um eine „einstel­lige Zahl“ dieser Kassen, so ein Bafin-Sprecher. Sie habe die Aufsicht „besonders im Blick“. Darunter sind die drei Oben­genannten. Welche Kassen außerdem betroffen sind, sagt die Bafin nicht. Auch die Bundes­regierung hält diese Informationen unter Verschluss, weil eine Veröffent­lichung der Namen „deren Wett­bewerbs­fähig­keit schädigen wird“.

Nied­rige Zinsen, langes Leben

Für ihre Probleme machen die Kassen nied­rige Zinsen und die gestiegene Lebens­erwartung verantwort­lich. Mit ihren Kapital­anlagen erwirt­schaften sie nicht mehr genug für die garan­tierten Renten. Der Leiter der Aba-Fach­ver­einigung Pensions­kassen, Jürgen Rings, sagt: „Die Garan­tien für die lebens­langen Renten wurden einst in einem völlig anderen Zins­umfeld als jetzt zugesagt.“ Doch die Probleme sind auch hausgemacht. Die Fülle der Fehler der Kölner Pensions­kasse hat selbst Insider über­rascht. Vieles ist schief­gelaufen, bevor die Bafin die Reiß­leine zog und das Neugeschäft untersagte. Das Gutachten des verantwort­lichen Versicherungs­mathematikers, das Finanztest vorliegt, listet große Versäum­nisse der Kasse bei der Kalkulation auf. So wurde bei einem Teil des Bestands für die Hinterbliebenen­versorgung „fälsch­licher­weise“ mit unzu­treffenden Sterbewahr­scheinlich­keiten gerechnet.

Wie sieht der Insolvenz­schutz aus?

„Wie konnte das unter den Augen der Aufsicht passieren?“, fragt ein Insider, der seit Jahr­zehnten in der betrieblichen Alters­vorsorge tätig ist. Die Bafin habe bereits 2016 und 2018 gewarnt und „auf eine Kapital­zuführung“ durch die Betriebe „gedrängt“, sagt ein Bafin-Sprecher. Doch frisches Geld kam nicht. „Bei einer Kasse, die die betriebliche Alters­versorgung für viele Firmen leistet, ist es schwer, alle Unternehmen unter einen Hut zu bekommen. Man kann sie nicht zwingen, Geld nach­zuschießen“, sagt Rings. Bei der Kölner Pensions­kasse ist dies laut ihrer Satzung auch gar nicht möglich.

Im schlechtesten Fall gar kein Insolvenz­schutz

Wer springt dann in einem Ernst­fall ein? Pensions­kassen haben in der Regel die Rechts­form einer Aktiengesell­schaft oder eines Versicherungs­ver­eins. Doch nur erstere sind Mitglied der Sicherungs­einrichtung Protektor, die Gesell­schaften in Notlage auffangen soll. Und die Firmen selbst, die für ihre Mitarbeiter bei einer Pensions­kasse einen Vertrag abge­schlossen haben, müssen nicht Mitglied im Pensions-Sicherungs-Verein (PSV) sein. Der PSV zahlt die Rente, wenn die Firma pleite­geht. Im schlechtesten Fall gibt es also gar keinen Insolvenz­schutz. Die mit der Bafin abge­stimmten Sanierungs­pläne sollen eine Insolvenz verhindern.

Finanztest warnte früh

Zwar haben Versicherungs­ver­eine oft höhere Renten zugesagt als Aktiengesell­schaften, weil sie häufig kostengünstig arbeiten und güns­tigere Rechnungs­grund­lagen haben. Doch hohe Renten­zusagen sind nur gut, wenn sie gehalten werden. Dafür setzt sich die Bafin ein. Sie kontrolliert die Vereine und genehmigt die Tarife. Finanztest schrieb jedoch bereits 2008: Doch auch die Bafin „kann sich täuschen“. Wir warnten: „Kann eine Kasse ihre Zusagen nicht mehr voll erfüllen, muss sie sie vielleicht senken oder die Beiträge erhöhen, um die Renten zu sichern.“

Diese Meldung ist am 13. Januar 2019 auf test.de erschienen. Sie wurde seitdem mehr­fach aktualisiert, zuletzt am 15. Oktober 2019.

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