Betreuung und Pflege Test

Wohin mit den Kleinen? Viele Paare und Alleinerziehende sind auf die Hilfe einer Tagesmutter angewiesen, um Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen.

Tagesmutter konnte bisher jede werden – unabhängig von ihrer Ausbildung. Doch nun werden zumindest Einführungskurse Pflicht. Wir wollten wissen, wie gut diese Qualifizierungen sind und haben acht getestet.

„Tagesmutter betäubt Bub: 18 neue Fälle gemeldet“, berichtete eine Münchner Tageszeitung im März 2005. Monatelang soll die Französin Claudie H., die teilweise bis zu 21 Kinder statt der sechs vom Jugendamt erlaubten betreut hatte, ihren Schützlingen Antidepressiva verabreicht haben. Nachdem der Skandal aufflog, beging die Frau Selbstmord.

Ein Einzelfall, sicherlich. Doch anhand des Skandals wird überdeutlich, wie sensibel das Gefüge aus Tagespflegeperson, meist einer Tagesmutter, betreutem Kind und Eltern ist. Er rückt auch eine Tätigkeit ins Licht, die bisher vorwiegend in einer Grauzone ausgeübt wurde. Denn Tagesmutter ist kein anerkannter Beruf, es gibt keine Berufsausbildung. Jeder kann sich selbstständig machen und bisher ohne besondere Erlaubnis in der Regel bis zu drei Kinder betreuen. Das Deutsche Jugendinstitut (DJI) in München geht davon aus, dass etwa drei Viertel der schätzungsweise 190  000 Betreuungsverhältnisse über Privatkontakte laufen.

Die Preise für eine Betreuungsstunde variieren von Region zu Region. Für Hessen etwa nennt das regionale Tagespflegebüro Stundensätze zwischen drei und sieben Euro. Der Tagesmütter Bundesverband für Kinderbetreuung in Tagespflege geht für das Bundesgebiet von durchschnittlichen Sätzen zwischen drei und vier Euro aus. Nur etwa in einem Viertel aller Fälle vermitteln Jugendämter die Tagesmütter. Und nur wenige Ämter bestehen bisher darauf, dass die Tagesmütter vorab an einer Weiterbildung teilnehmen.

Doch das wird sich ändern. Denn nach dem seit 2005 gültigen Tagesbetreuungsausbaugesetz sollen bis zum Jahr 2010 Länder und Kommunen 230 000 neue Plätze in Krippen und Tagespflege einrichten. Dafür würden bis zu 48 000 zusätzliche Tagesmütter und -väter benötigt. Besser gerüstet für ihren Job sollen diese dann sein und deshalb vorher einen Lehrgang besuchen.

In der Frage der künftigen Qualifizierung von Tageseltern spielt auch das Gesetz zur Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe (KICK) eine große Rolle, dessen Änderungen der Bundesrat im Juli 2005 zugestimmt hat. Denn es sieht nun vor, dass Tagespflegepersonen, die Kinder außerhalb ihres Haushalts mehr als 15 Stunden wöchentlich und länger als drei Monate gegen Entgelt betreuen, einer Pflegeerlaubnis bedürfen. Außerdem müssen sie eine Qualifizierung nachweisen. Jutta Hinke-Ruhnau vom Tagesmütter Bundesverband betont: „Noch sind viele Fragen zur Finanzierung und Qualifizierung offen. Doch spätestens ab 2006 wird klar sein, wer sich wie qualifizieren muss und wann er eine Pflegeerlaubnis braucht. Insgesamt holen die neuen Gesetze die Tagespflege endlich aus einer Grauzone heraus.“

Zwei Kurse waren viel zu kurz

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230 000 neue Plätze in Krippen und Tagespflege sollen bis zum Jahr 2010 entstehen – so will es der Gesetzgeber. Bis zu 48 000 zusätzliche Tagesmütter bzw. -väter werden dafür benötigt.

Die Stiftung Warentest wollte wissen, ob und wie gut die derzeit angebotenen Einführungskurse tatsächlich auf den Job vorbereiten. Deshalb haben wir acht Lehrgänge bei acht Anbietern in sieben Bundesländern verdeckt besucht. Wichtig war: Sie sollten jedem Interessierten offen stehen.

Der Test zeigt, wie unterschiedlich das Angebot an Einstiegskursen bundesweit ist. Lehrpläne und Stundenumfang variieren. Die Bandbreite der Anbieter reicht von Kirchen über Tagesmüttervereine bis hin zu Privatanbietern. In Brandenburg gibt es einen einheitlichen Lehrplan für die 24 Stunden umfassenden Pflichtkurse. Unser Fazit: Längst nicht alle Lehrgänge bereiten ausreichend auf den verantwortungsvollen Job vor. Die nur sechs und zehn Unterrichtsstunden dauernden Kurse von pme und des Vereins Tagesmütter und Pflegeeltern Stuttgart waren eindeutig zu kurz. Zwar kamen auch dort die wesentlichen Inhalte zur Sprache. Doch für wichtige Rollenspiele – wie verhalte ich mich zum Beispiel beim ersten Kontaktgespräch mit den Eltern – war keine Zeit.

Viele Unentschlossene in Kursen

Betreuung und Pflege Test

Arbeit und Aufgaben der Tagesmutter sind vielschichtig: Da gilt es, kühlen Kopf bewahren.

Die übrigen sechs Kurse über mindestens 24 Unterrichtsstunden waren dagegen lang genug, um die wichtigsten Grundlagen (siehe Checkliste) nicht nur anzusprechen, sondern auch durch Übungen zu vertiefen. Besonders wichtig ist eine Mindestlänge auch deshalb, weil die überwiegende Mehrheit der Teilnehmer noch gar nicht genau wusste, ob sie den Beruf tatsächlich ausüben wollte. Im Kurs waren Arbeitslose ebenso wie Berufstätige, die umsatteln wollten, auch aus inhaltlich so entfernten Bereichen wie Friseurhandwerk und Bürobereich. Außerdem nahmen kinderliebe Rentnerinnen teil sowie Ehemänner, die vielleicht ihre als Tagesmutter tätigen Frauen unterstützen wollten. Groß war die Zahl junger Mütter, die überlegten, ob sie neben ihren eigenen noch fremde Kinder betreuen könnten, und sich ein genaues Bild des Berufes machen wollten. Ihnen waren Themen wie „Aufgaben und Alltag der Tagesmutter“ oder „Erwartungen an die Tagespflege“ sehr wichtig.

Die dritte Gruppe stellten bereits tätige Tagesmütter, die sich im Nachhinein qualifizieren wollten, weil das für sie zuständige Jugendamt dieses jetzt fordert. Gerade für diese Frauen eignen sich längere Kurse, wie die der Agentur für Familie und Beruf und der Evangelischen Familienbildungsstätte Elly Heuss-Knapp. Für Unentschiedene könnte die IHK-Prüfung bei der Evangelischen Familienbildungsstätte zu aufwändig sein. Alle anderen Anbieter händigten nur eine Teilnahmebescheinigung aus.

Inhaltliche Schwächen

Das wichtige Thema rechtliche und finanzielle Grundlagen kam zwar überall zur Sprache, jedoch unterschiedlich gewichtet. So fühlten sich beim Sozialdienst katholischer Frauen die Teilnehmer in Bezug auf rechtliche Fragen noch unsicher, während die Agentur für Familie und Beruf diesem Thema sehr viel Zeit widmete. Inhaltliche Schwächen fanden wir auch beim Anbieter bbw: Obwohl auch hier Unentschlossene im Kurs saßen, kam die Frage „Möchte ich in der Tagespflege arbeiten?“ zu kurz.

Große Unterschiede stellten wir bei dem Kursmaterial fest. Der Kinderförderverein Wir lieferte neben gutem Material auch Checklisten und einen Mustervertrag. Bei Familien für Kinder waren die Kursinformationen so detailliert, dass sich das Mitschreiben erübrigte. Eine übersichtliche und gut strukturierte Beratungsmappe inklusive Betreuungsvertrag verteilte der Anbieter Tagesmütter und Pflegeeltern Stuttgart. Bei bbw dagegen bekamen die Teilnehmer eine unübersichtliche Loseblattsammlung.

Auch die Qualität des Anmeldeverfahrens überzeugte nicht bei jedem Anbieter. Einen Infoabend vor der Anmeldung offerierte Familien für Kinder, sodass die Interessenten hier auch auf Fragen zu Voraussetzungen, Recht und Steuern Antwort erhielten. In Bochum konnten die Interessenten alle Fragen ausführlich am Telefon klären.

160 Stunden optimal

Erst nach 160 Unterrichtsstunden hat eine Tagesmutter die nötigen Grundlagen, betonen die Fachleute des Bundesverbandes für Kinderbetreuung in Tagespflege und des Deutschen Jugendinstituts (DJI). Das DJI hat vor drei Jahren ein Curriculum für einen 160 Stunden-Kurs entwickelt, an den sich zum Beispiel der Sozialdienst Katholischer Frauen in seinem Grund- und Aufbaukurs hält. Tagesmütter mit jahrelanger Berufserfahrung bilden sich anschließend oft noch weiter und spezialisieren sich zum Beispiel auf Bewegungspädagogik.

Wer also von der Tagespflege überzeugt ist, sollte auch einen Aufbaukurs besuchen. Wer anschließend die Prüfung des Bundesverbandes besteht, erhält das bundesweit anerkannte Zertifikat „Qualifizierte Tagespflegeperson“. Zwischen Januar 2004 und Juli 2005 bekamen immerhin mehr als 1 100 Personen diese Bescheinigung. Ein Lichtblick in einer Grauzone!

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