Betäubungs­mittel Meldung

Heute treten Änderungen des Betäubungs­mittel­gesetzes in Kraft: Ärztinnen und Ärzte können jetzt neben bereits zugelassenen Fertigarznei­mitteln auf Cannabis-Basis auch getrock­nete Cannabisblüten und Cannabis­extrakte verschreiben. Die Patienten erhalten die Produkte dann in der Apotheke. Im Regelfall müssen die Krankenkassen die Kosten über­nehmen. Es gibt die Produkte aber nicht für jeden – Ärzte dürfen sie nur unter strengen Voraus­setzungen verschreiben.

Cannabis als Medizin, nicht als Droge

Im Januar 2017 hatte der Bundes­tag eine Änderung des Betäubungs­mittel­gesetzes beschlossen. Danach ist es Ärztinnen und Ärzten ab heute erlaubt, neben bereits zugelassenen Fertigarznei­mitteln auf Cannabis-Basis weitere Cannabis­produkte in medizi­nischer Form auf Rezept zu verschreiben. Darunter fallen getrock­nete Blüten oder Cannabis­extrakte und Arznei­mittel mit den Wirk­stoffen Dronabinol oder Nabilon. Patienten können solche Arzneien dann verschrieben bekommen, wenn der behandelnde Arzt über­zeugt ist, dass das Mittel einen positiven Einfluss auf den Krank­heits­verlauf hat oder schwere Symptome lindert, etwa in der Schmerz­therapie und bei bestimmten chro­nischen Erkrankungen.

Alte Ausnahme­regelungen laufen aus

Bislang gab es Ausnahme­erlaub­nisse des Bundes­instituts für Arznei­mittel und Medizin­produkte (BfArM) für den legalen Bezug von Cannabisblüten und Cannabis­extrakten für die medizi­nische Anwendung. 1 020 Menschen in Deutsch­land haben solche Genehmigungen. Sie sind nach Inkraft­treten der Gesetzes­änderungen noch drei Monate gültig. Die Lockerung betäubungs­mittel­recht­licher Vorschriften darf nicht täuschen: Die Droge Cannabis wird nicht legalisiert, auch wenn sie als Medizin anerkannt ist. Der Eigen­anbau durch Patienten bleibt ebenso verboten. Indem nur Ärzte Cannabis­mittel verschreiben dürfen, dabei Höchst­verschreibungs­mengen einzuhalten sind und nur Apotheken die Produkte abgeben dürfen, sollen Miss­brauch und Abhängig­keit so gut wie möglich verhindert werden.

Wann die Krankenkasse zahlen muss

Damit die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für Arznei­mittel auf Cannabisbasis über­nehmen, müssen folgende Voraus­setzungen erfüllt sein:

  • Der Patient muss an einer schwerwiegenden Erkrankung leiden.
  • Es steht zudem keine alternative Behand­lungs­methode zur Verfügung, etwa weil der Patient austherapiert ist und Stan­dard­behand­lungen nicht mehr in Frage kommen.
  • Der behandelnde Arzt erwartet darüber hinaus einen spür­bar positiven Einfluss auf den Krank­heits­verlauf oder auf schwerwiegende Symptome durch das Cannabis­mittel.
  • Und: Der Patient nimmt an einer anonymisierten Begleit­forschung teil. Die Erhebung führt das BfArM durch. Damit sollen weitere Erkennt­nisse über die Wirkung von Cannabis gewonnen werden. Dafür leiten Ärzte Patienten­daten wie Diagnose, Therapie, Dosis und Neben­wirkungen anonymisiert an das BfArM weiter. Die Erhebung ist auf fünf Jahre angelegt, danach wird sie als Voraus­setzung für die Erstattung entfallen.

Antrag bei der Krankenkasse erforderlich

Damit die Krankenkasse die Kosten für die Therapie mit Cannabis über­nimmt, ist vor Beginn der Behand­lung ein Antrag erforderlich. Darum müssen sich Patienten mit Unterstüt­zung ihres Arztes selbst kümmern. Über den Antrag muss die Krankenkasse inner­halb von drei Wochen entscheiden. Geht es um eine Therapie im Rahmen einer ambulanten Palliativ­versorgung, muss sie dies sogar inner­halb von drei Tagen erledigen. Zieht die Krankenkasse den medizi­nischen Dienst hinzu, gilt eine Frist von fünf Wochen. Eine Therapie sofort beginnen können Betroffene nur mit einem Privatrezept.

Cannabis wird für viele Krank­heits­bilder erforscht

Die medizi­nische Anwendung von Cannabis­produkten wird bislang vor allem im Zusammen­hang mit der Schmerz­therapie und chro­nischen Erkrankungen wie Multiple Sklerose diskutiert. Tatsäch­lich aber sind es rund 60 Diagnosen, für die das BfArM in der Vergangenheit Ausnahme­genehmigungen für die Therapie mit Cannabis erteilt hat. Es gibt welt­weit Studien und Fall­berichte zur medizi­nischen Wirkung von Cannabis auf eine Vielzahl von Erkrankungen und Symptome. Darunter sind die Aufmerk­samkeits-Defizit-Hyper­aktivitäts-Störung (ADHS), Schlaf- und Angst­störungen, das Tourette­syndrom, Krebs­erkrankungen, Depressionen, Parkinson, Appetitlosig­keit bei einer Erkrankung an Aids, Rheuma, grünem Star und Neuro­pathie.

Was man Cannabis nach­sagt

Den Cannabis­produkten werden entzündungs­hemmende, krampf­lösende und schmerzlindernde Effekte zuge­schrieben. Auch wenn die Daten­lage immer besser wird, mangelt es jedoch noch an hand­festen wissenschaftlichen Informationen. Auch muss Cannabis nicht für jeden Patienten geeignet sein. Der Deutsche Hanf­verband warnt: „Cannabis ist kein Wunder­mittel.“ Insbesondere Patienten mit einem hohen Risiko für Psycho­sen oder Vorerkrankungen am Herzen sollten beim Konsum von Cannabis vorsichtig sein.

So wird medizi­nisches Cannabis angewendet

Die Patienten erhalten entweder Cannabisblüten oder Cannabis­extrakt. Bei den Blüten handelt es sich um die blühenden, getrock­neten Triebspitzen der weiblichen Cannabis­pflanze. Cannabis­extrakt besteht aus Teilen der weiblichen Cannabis-Pflanze in pharmazeutischer Qualität. Apotheken verarbeiten es für die Einnahme zum Beispiel zu Kapseln oder Tropflösungen. Darüber hinaus können die Inhalts­stoffe der Cannabisblüten mithilfe spezieller Vaporisatoren inhaliert werden. Als weniger effizient beziehungs­weise steuer­bar wird die Zubereitung als Tee und das Verbacken in Gebäck angesehen. Vom Rauchen von Cannabis rät das BfArM generell ab. Grund: Dabei entstehen durch den Verbrennungs­prozess Gift­stoffe, die schädlich sein können.

Cannabis­agentur kontrolliert Anbau in Deutsch­land

In Zukunft wird es eine Cannabis­agentur beim BfArM geben. Sie wird den Anbau in Deutsch­land und die Auslieferung von Cannabis für medizi­nische Zwecke an Apotheken steuern und kontrollieren. Bis Patienten in Deutsch­land angebautes Cannabis in pharmazeutischer Qualität beziehen können, wird es aber noch etwas dauern. Das BfArM rechnet damit, dass von 2019 an Cannabis aus deutschem Anbau zur Verfügung stehen wird. Dafür wird die Cannabis­agentur nach eigenen Angaben ein Ausschreibungs­verfahren in der EU starten und anschließend Aufträge zum Anbau an geeignete Unternehmen vergeben. Bis es soweit ist, wird Cannabis weiterhin importiert, etwa aus den Nieder­landen und Kanada.

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