Berufsfindungskurse Test

Hilfe bei der Standortsuche und Neuorientierung wollen Kurse für Berufsfindung und Karriereplanung geben. Fünf von 14 Kursen im Test lösten ihr Versprechen sehr gut ein.

Im Backsteinbau der Heidelberger Volkshochschule bringen sieben Frauen mit Wachskreiden ihre Zukunft auf DIN-A3-Format. Jüngere malen Einfamilienhäuser mit Gärten und Kindern. Eine Innenarchitektin entwirft ihr Traumhaus, in dem Theater, Menschen und ein Hund zu sehen sind. Auf dem Bild einer Marketing-Mitarbeiterin, Ende 30, gibt es ein Dachgeschoss, ein Auto, ein Opernhaus, Teller mit leckeren Gerichten und ein Glas Wein.

Später, als die Innenarchitektin vor der Gruppe ihr Bild und ihre Ziele erklärt, wird klar: Momentan kommt sie mit ihrem Chef nicht zurecht und will deshalb kurzfristig den Job wechseln. Langfristig aber träumt sie von einer anderen Arbeit und einem großen Haus mit viel Raum für Kreativität. Die Marketing-Fachfrau überlegt schon seit einiger Zeit, beruflich noch einmal ganz von vorne anzufangen. Sie würde sich mit ihrem Hobby, der Gastronomie, am liebsten selbstständig machen.

Erster Tag beim Wochenendseminar „Persönliche Standort- und Zielbestimmung“ an der Volkshochschule (VHS) Heidelberg. Zwei Tage lang sind die Teilnehmer in Aktion. Sie nehmen an Rollenspielen teil, präsentieren sich immer wieder vor der Gruppe, bekommen Rückmeldung von der Dozentin und diskutieren ihre beruflichen und persönlichen Ziele. Am Sonntagabend sind alle ein Stück weiter. Die Marketing-Fachfrau beschließt, endlich Kontakte in die Gastronomie zu knüpfen. Eine Lehrerin will nach 30 Jahren Schuldienst den Beamtenstatus aufgeben und eine Privatschule gründen. Eine Controllerin, mit ihren beiden Chefs unzufrieden, weiß nun, dass sie sich endlich selbst auf eine Führungsposition bewerben wird.

Fünf Kurse sehr überzeugend

Noch vor wenigen Jahrzehnten waren Berufsfindung und Karriereplanung eine Frage des Jugendalters. Heute müssen sich immer mehr Menschen immer wieder neu auf dem Arbeitsmarkt orientieren (siehe Interview S. 19). Die Stiftung Warentest wollte deshalb wissen, ob und welche Kurse bei dieser beruflichen Umorientierung weiterhelfen und ob sie das Geld, die Zeit und das Engagement wert sind. Schließlich ist Berufsfindung eine sehr persönliche Sache, bei der man viel von sich preisgibt.

Für die Untersuchung haben wir unsere Tester verdeckt in 14 Kurse geschickt, die im Frühsommer 2008 in größeren Städten angeboten wurden. In Ostdeutschland haben wir, mit Ausnahme von Berlin, keine Kurse getestet, weil das Angebot sehr klein ist. Außerdem fielen hier und in den alten Bundesländern viele Kurse aus.

Unser Ergebnis: Fünf von 14 Kursen haben sowohl inhaltlich als auch vom Unterrichtsstil her auf ganzer Linie überzeugt. Sie boten eine „sehr hohe“ Qualität, sowohl fachlich-inhaltlich als auch methodisch-didaktisch (siehe Tabelle S. 16/17). Wie bei dem oben beschriebenen Kurs der VHS Heidelberg fußte der Unterricht in diesen Fällen auf einem klaren inhaltlichen Konzept, das durch passende praktische Übungen ergänzt wurde. Die Konzepte passten jeweils zur Zielgruppe, alle Teilnehmer machten eine individuelle Bestandsaufnahme und nahmen im besten Fall konkrete Handlungsstrategien mit nach Hause. Außerdem gingen die Dozenten auf die Wünsche der Teilnehmer ein.

Preise zwischen 40 und 1 610 Euro

Die Qualität eines Berufsfindungskurses hängt nicht von der Art des Anbieters oder dem Preis ab: Die fünf besten Kurse fanden sowohl an einer Volkshochschule (Heidelberg) statt als auch bei gemeinnützigen Vereinen (KWB Koordinierungsstelle Weiterbildung und Beschäftigung, Wissenschaftsladen Bonn) sowie bei privaten Anbietern (Integrata, Team Schuster Consulting). Ein guter Kurs kann, muss aber nicht teuer sein: Der Kurs „Selbstmarketing“ von Integrata ist zum stolzen Preis von 1  610 Euro der teuerste, der Kurs „Berufsorientierung für Berufsrückkehrer/innen“ bei der KWB Koordinierungsstelle Weiterbildung und Beschäftigung mit 40 Euro der günstigste im Test. Auffällig: Alle Kurse mit „hoher“ und „sehr hoher“ fachlich-inhaltlicher Qualität dauerten mindestens 16 Unterrichtseinheiten.

Ganz unterschiedliche Konzepte

Überraschendstes Testergebnis ist die große Vielfalt an ganz unterschiedlichen inhaltlichen Konzepten und Konzeptmixen, die den Kursen zugrunde lagen. Drei Kurse orientierten sich durchgängig an je einem einzigen Konzept, was schon die Kursankündigungen deutlich machten: „Finde den Job, der Dich glücklich macht!“ der VHS Wiesbaden fußt auf dem „Karriere-Navigator“ der Autorin Angelika Gulder. Nachteilig war hier, dass nicht alle zwölf Berufsfindungsschritte des Gulder-Konzepts auch umgesetzt wurden.

Im Seminar „Kursbestimmung mit dem persönlichen Karriereanker – Workshop für Frauen“ bei Kobi war das gleichnamige Konzept von Edgar H. Schein Grundlage. Dieses ist jedoch für einen kurzen Gruppenkurs nur bedingt geeignet (siehe Tabellen-Kommentar S. 17).

Weniger für die Entwicklung beruflicher Strategien als für die Lösung aktueller Probleme eignet sich das Konzept der systemischen Organisationsaufstellung im Seminar der VHS Frankfurt am Main.

Die Dozenten aller übrigen elf Kurse arbeiteten mit einem Mix ganz unterschiedlicher Ansätze und teilweise auch Testverfahren. Nur bedingt geeignet für berufliche „Neuorientierer“ sind psychoanalytische Theorien, wie sie beim Anbieter „Neues lernen“ zum Einsatz kamen. Wer sich dort mit der eigenen Persönlichkeit auseinandersetzen wollte, mag von dem Seminar zwar profitiert haben. Die konkrete berufliche Zielplanung kam hier allerdings eindeutig zu kurz.

Besonders oft kamen so genannte Fähigkeitenlisten zum Einsatz, die meistens nicht wissenschaftlich fundiert sind, aber zum Nachdenken anregen sollen. So war unsere Testerin in dem Kurs „Der Job, der zu mir passt – Das Seminar zur Potenzialanalyse und Karriereplanung“ aufgefordert, aus hunderten von alphabetisch sortierten Verben 20 auszuwählen, die auf sie zutreffen. Eine für sie wenig hilfreiche und sehr theoretische Übung.

Tipp: Erkundigen Sie sich beim Anbieter detailliert nach dem Kurskonzept, seinen theoretischen Ansätzen und möglichen Testverfahren, und überlegen Sie dann, ob dieser Kurs Sie weiterbringen könnte.

Handlungsstrategien sehr wichtig

Gerade bei Berufsfindung und Karriereplanung ist es nicht mit einem Zwei- oder Drei-Tages-Kurs getan. Das Erarbeiten von Zielen und Handlungsstrategien im Kurs ist nur der erste Schritt. Anschließend muss ja noch der Transfer in die Praxis gelingen. Dafür brauchen die Teilnehmer konkrete Umsetzungshilfen, die sie in vielen Kursen auch bekamen.

Besonders gut zum Beispiel kann so etwas in einem zeitlich gestaffelten Kurs gelingen wie beim Seminar „Persönlichkeitsentwicklung – Überzeugen durch Persönlichkeit“ beim IHK-Bildungshaus Schwaben. Nach dem ersten zweitägigen Kursteil im April 2008 folgten eine „einmonatige Umsetzungsphase im betrieblichen Alltag“ und ein Anschlusstag im Mai. An diesem berichteten die Teilnehmer dann davon, ob und wie sie ihre Strategien in der Zwischenzeit umsetzen konnten.

Gut auf die Zeit nach dem Kurs bereitete auch die Dozentin der KWB Koordinierungsstelle Weiterbildung und Beschäftigung die neun Frauen vor. Sie fragte am Ende jedes Tages gezielt nach, ob sich die Erwartungen der Teilnehmerinnen erfüllt hatten und plante mit ihnen ganz konkrete Handlungsschritte. Außerdem empfahl sie Literatur und eine Beratungsstelle und schlug vor, ein Teilnehmernetzwerk zu starten. Hilfreich ist auch ein zusätzliches Einzelcoaching, das bei vielen Anbietern im Test möglich ist. Die KWB Koordinierungsstelle Weiterbildung und Beschäftigung bietet es kostenlos an.

Ein Kurs unprofessionell

Negativ aus einer insgesamt erfreulichen Testbilanz stach nur ein einziger Kurs heraus: „Mit professioneller Begleitung zum richtigen Job“ der VHS Düsseldorf. Hier war kein inhaltliches Konzept zu erkennen, es gab zu wenige Gruppendiskussionen, und die Methode des individuellen Gesprächs mit dem Dozenten ist eher für ein Einzelcoaching geeignet.

Dabei waren auch hier die Erwartungen groß. Eine Altenpflegerin überlegte, ob sie nach der Pflege ihres Lebensgefährten wieder beruflich aufstocken sollte, ein Mitarbeiter aus der Stahlbranche kam nicht mehr in seinem Job zurecht und eine Sachbearbeiterin eines Chemieunternehmens wusste nicht, wie sie sich beruflich weiterentwickeln sollte.

Fragwürdig waren hier auch die Übungen: Nacheinander sollten sich die Teilnehmer etwa mit geschlossenen Augen neben den Dozenten setzen und ihre Situation schildern. Nach dem Dialog gab dieser nur Tipps wie Netzwerke aufzubauen und selbstbewusster zu sein. „Alles wirkte unseriös und oberflächlich und half bei der Zielplanung nicht weiter“, resümierte unser Tester ärgerlich. Insgesamt konnten wir die fachlich-inhaltliche Qualität in diesem Fall nur mit „niedrig“, die methodisch-didaktische Qualität mit „mittel“ bewerten.

Mängel in allen AGB

Alle Anbieter wiesen Mängel in ihren allgemeinen Geschäftsbedingungen auf. Bei sieben von zwölf Anbietern stießen wir sogar auf deutliche oder sehr deutliche Mängel. Ein Beispiel: Das Büro für Berufsstrategie forderte dazu auf, sofort nach Erhalt die Rechnung zu bezahlen, unabhängig davon, wann der Kurs startet. Damit tritt der Kunde möglicherweise wochen- oder monatelang in ein Vorleistungsrisiko. So eine Klausel ist unwirksam.

Tipp: Lesen Sie vor der Buchung auch das Kleingedruckte. Eine Rechtsberatung zu Problemen mit Vertragsklauseln erhalten Sie bei den Verbraucherzentralen.

Das Fazit unseres Tests ist eindeutig: Wer sich beruflich neu orientieren oder seine Karriere planen möchte, kann in einem sorgfältig ausgewählten Kurs durchaus weiterkommen. Doch auch der beste Kurs ist nur ein Einstieg. Umsetzen muss man die Ziele später selbst.

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