Berufsberatung Test

Mehr als 60 Schüler und Auszubildende sind für uns zur Berufsberatung der Arbeitsagenturen gegangen. Rund die Hälfte war danach immer noch ratlos. Beratungsstellen anderer Anbieter bieten eine wichtige Ergänzung.

„Aus dem Beratungsgespräch bei der Arbeitsagentur bin ich plus-minus Null rausgegangen“, sagt Sebastian Fischer. Hineingegangen war er mit der klaren Aussage, Chemielaborant werden zu wollen. Doch die Beraterin versuchte, ihm diesen Weg auszureden.

Sie warnte, große Unternehmen würden ihre Azubis gerne als billige Hilfskräfte ausnutzen. Fischer solle lieber Abitur machen.

Die meisten Firmen verlangten von angehenden Chemielaboranten ohnehin das Reifezeugnis. Auch die Freie Universität (FU) Berlin, einer der infrage kommenden Ausbildungsbetriebe, setze das voraus.

Fischer ließ sich nicht entmutigen und bewarb sich mit seinem Realschulabschluss auch bei der FU. Zwei Wochen später hatte er den Vertrag für die Ausbildung in seinem Wunschberuf Chemielaborant in der Tasche.

Die Hälfte war nicht zufrieden

Finanztest hat erstmals die Berufsberatung der Arbeitsagenturen unter die Lupe genommen. Die Agenturen haben den gesetzlichen Auftrag zur Beratung für den Übergang von Schule zu Ausbildung.

Alle jungen Menschen haben einen Anspruch auf diese Beratung. Dennoch wurden drei unserer 66 Testpersonen abgewiesen oder vertröstet. Das war nicht korrekt. Eine bekam zu hören, sie müsse als „arbeitssuchend“ gemeldet sein, um eine Beratung zu erhalten. Das ist schlicht falsch.

Aber auch die Berater, die zu einem Gespräch bereit waren, haben nicht alle überzeugt. Rund die Hälfte der Ratsuchenden blieb ratlos. Ob sich nun Abiturienten vorstellten, Realschüler oder Auszubildende: In keiner Kategorie war mehr als ein „Befriedigend“ für die Agenturen drin. Manche Berater interessierten sich zu wenig dafür, was ihr Gegenüber von ihnen wollte. Unsere Testpersonen vermissten oft praktische Tipps für den Berufsfindungsprozess.

Vor den Gesprächen haben unsere Wissenschaftler mit einem ausführlichen Fragebogen die Erwartungen der Testpersonen an die Beratung erfasst. Danach fragten sie Punkt für Punkt ab, wie die Beratung ablief und welchen Nutzen sie davon hatten.

Zum Vergleich haben wir Tester auch zu anderen Beratungsstellen geschickt. Der erste Eindruck von den Angeboten der Kommunen und der Industrie- und Handelskammern war ordentlich: Die kommunalen Stellen haben alle fünf Testpersonen gut bedient. Die Ausbildungsberatung der IHK fanden zwei von drei nützlich. Weniger hilfreich waren die Studienberatungen der Hochschulen und die Beratungen durch die Handwerkskammern.

Auch drei privaten Berufsberatern hat jeweils ein Tester auf den Zahn gefühlt. Sie boten für Honorare von 150 bis 1 000 Euro viel Service, mehrere Gespräche und die konkreteste Hilfestellung aller Berater.

Viele Ausbildungen enden vorzeitig

Die Anforderungen an die Berufsberatung sind mit der Komplexität der Arbeitswelt gestiegen. Falsche Erwartungen an Berufe und ihre Perspektiven enttäuschen immer mehr Ausbildungswillige.

Die Folgen: Rund 25 Prozent der Studierenden gehen ohne Abschluss von den Unis ab. Jeder fünfte Auszubildende schmeißt hin. Von ihnen sagt jeder Dritte, er habe die falsche Berufswahl getroffen.

Das bleibt Anna-Lena Lewandowski hoffentlich erspart. Beim ersten Schritt hat ihr die Beraterin jedenfalls sehr geholfen.

„Ich wusste überhaupt nicht, was ich beruflich einmal machen soll“, sagte die 15-Jährige vor dem Beratungsgespräch in der Arbeitsagentur. „Es war total super“, sagte sie danach.

Nachdem die Beraterin ihre Hauptschulzeugnisse angeschaut und sich mit ihr über ihre Interessen unterhalten hat, weiß sie, dass sie beruflich wahrscheinlich einmal eine technische Laufbahn einschlagen wird. Vorher wird sie noch weiter die Schulbank drücken.

Weil sie gute Noten hat, empfahl ihr die Beraterin die Realschule. Dort ist Anna-Lena nun angemeldet.

Christian Thies verließ sein Beratungsgespräch weniger zufrieden. Der Gymnasiast war zum Zeitpunkt der Beratung 18 Jahre alt und schwankte zwischen Betriebswirtschaft und einem Ingenieurberuf, als er das Beratungszimmer betrat.

Nachdem er seinen Wunsch geäußert hatte, im Berufsleben gerne in einem Team zu arbeiten, riet der Berater von Betriebswirtschaftslehre ab. Er konzentrierte das Gespräch auf die verschiedenen Ingenieurberufe und beschied Thies, dass er sich weiter informieren müsse. Schließlich gebe es zahlreiche Richtungen, die ein künftiger Ingenieur einschlagen könne.

Der Berater verwies auf das Informationsmaterial der Arbeitsagentur. Darin fand Thies mehr als 1 000 Studiengänge für Ingenieure. Viel Text, aber wenig Hilfe.

Kein Termin nach der Schule

Zu den inhaltlichen Mängeln in den Beratungsgesprächen kamen in etlichen Fällen noch schwierige äußere Umstände hinzu. Auch das trug dazu bei, dass in keiner unserer Testgruppen von den Abiturienten bis zu den Auszubildenden das Gesamturteil über die Qualität der Beratung besser als mittelmäßig ausfiel.

Für die Vereinbarung des Gesprächs und für dessen Rahmenbedingungen kassierten die Arbeitsagenturen häufiger die Note „befriedigend“ als „gut“. Unsere Testpersonen berichteten zwar von freundlichen Beratern, mit denen sich in 70 Prozent der Fälle problemlos ein Termin vereinbaren ließ. Der lag dann aber häufig drei Wochen und länger in der Zukunft. Eine Testperson musste zehn Wochen warten.

Einige Berater waren nicht bereit, den Termin nach den Bedürfnissen ihres Kunden zu vereinbaren. Sie wollten Gespräche nur ungern auf den Nachmittag nach der Schule oder bei Lehrlingen in die Zeit nach Feierabend legen. Hier muss sich der Anbieter bewegen, nicht der Kunde.

Konkretes blieb oft Fehlanzeige

„Umdenken“, empfahl die Beraterin der Arbeitsagentur dem 24-jährigen Stephan Markus. Dabei hat der Berliner seinen Berufswunsch bereits zielstrebig ins Auge gefasst: Er will Produktdesigner werden.

Das wollen offenbar viele, und sie bewerben sich zahlreich um die Studiengänge, die zu diesem Ziel führen. Die Beraterin legte Markus in einem 45-minütigen Gespräch nahe, sich völlig neu zu orientieren. Er solle zumindest verwandte Berufe in die engere Auswahl ziehen, zum Beispiel in der Textilverarbeitung.

Die Grundlage dieses Ratschlags blieb Markus unklar: „Es gibt doch viel mehr Jobs, die sich mit dem Entwickeln von Produkten befassen“, überlegt er. Dazu, welche Chancen Designer auf den Arbeitsmärkten der Zukunft überhaupt erwarten, sagte die Beraterin nichts.

Konkrete Empfehlungen – Fehlanzeige. Sie habe auch nicht wissen wollen, welche Praktika er bereits gemacht habe und welche Fähigkeiten und persönlichen Interessen seinen Berufswunsch ausgelöst hatten, berichtet Stephan Markus.

Missverstanden und beeinflusst

Nur rund die Hälfte der Beratenen hat das Gespräch weitergebracht. Der Hauptgrund für dieses schlechte Ergebnis dürfte sein, dass ihr Beratungsanliegen zu selten aufgegriffen wurde.

44 Prozent der Ratsuchenden berichteten, die eigenen Anmerkungen und Interessen seien nicht berücksichtigt worden. Jede fünfte Testperson sah sich dem Versuch der Beeinflussung ausgesetzt.

Eine Zusammenfassung der Gesprächsergebnisse bekam nicht einmal jeder Dritte. Und konkrete Handlungsvereinbarungen („ ... bis zum nächsten Mal machen Sie bitte diese Tests“ oder „Schreiben Sie soundsoviele Bewerbungen“) blieben die Ausnahme.

Eine gute Beratung lässt sich daran erkennen, dass der Berater die Beratungsziele mit dem Ratsuchenden abklärt. Er begründet jeden Schritt seines Vorgehens. Der Berater sollte am Ende die Ergebnisse zusammenfassen und mit seinen Kunden die nächsten Schritte verabreden. Eine gute Beratung sollte der Ratsuchende motiviert und mit gestärkter Eigeninitiative verlassen. Wir haben eine ausführliche Checkliste: www.finanztest.de/arbeitsagenturen.

Beratung außer Konkurrenz

Ihr Monopol bei der Berufsberatung haben die Arbeitsagenturen vor rund zehn Jahren verloren. Um die Angebote außerhalb der Agenturen etwas genauer zu erkunden, haben wir zwischen drei und zehn Tester auch zu anderen Beratungseinrichtungen geschickt.

Schlechte Kritiken bekamen die Handwerkskammern. In der Beratung bei der Handwerkskammer (HWK) habe sie sich „ganz doll verloren gefühlt“, sagt die 19-jährige Angela Hanold. Der Termin habe ihr genauso wenig gebracht wie der in der Arbeitsagentur.

Von der HWK habe sie zwar viele Materialien erhalten, aber nichts aus dem Gespräch mitgenommen. Erfahren wollte sie etwas darüber, wie sie sich zur Produktdesignerin ausbilden lassen könne.

Allerdings sind die Berufsberatungen der Handwerkskammern ein freiwilliges Angebot. Ihre Berater sind womöglich eher auf Probleme in der Ausbildung eingestellt.

In der Ausbildungsberatung bei der Industrie- und Handelskammer lief es besser. Zwei der drei Tester erhielten nützliche Ratschläge und wurden auch in ihrem Weg bestärkt. Als tendenziell unfreundlich und schlecht organisiert beurteilten unsere Tester die Studienberatungsstellen. Aber: Was die angehenden Studierenden wissen wollten, erfuhren sie.

Den besten Eindruck aller besuchten Beratungen haben die fünf Gespräche in den kommunalen Beratungsstellen hinterlassen. Binnen zwei Wochen nach der Anfrage waren alle Termine unter Dach und Fach. In vier Fällen klärten die Berater das Anliegen der Ratsuchenden ausführlich ab, fragten zum Beispiel nach persönlichen Interessen und vorhandenen Fähigkeiten. Alle fünf wurden gut darüber informiert, wie sie die Entscheidung für eine Laufbahn in die Praxis umsetzen können.

Am Ende stand ein konkreter Tipp

In den drei von uns begutachteten Beratungsfällen bei privaten Anbietern haben die Berater das Anliegen der Kunden geklärt und im Vergleich mit den anderen Beratungsgesprächen auffällig gute Hilfestellungen angeboten.

André Töpper beurteilte die Leistung des privaten Anbieters besser als die der Arbeitsagentur.

„Unentschlossen“ sei er ein Jahr vor dem Abitur zur Arbeitsagentur gegangen. Die Berufswünsche des 20-Jährigen kreisen im weitesten Sinne ums Fliegen. Nun schwankte er, ob er sie besser mit einem Studium, einer dualen Ausbildung oder einer Lehre umsetzen kann. Die Beraterin habe ihm empfohlen, das Ziel über eine Berufsakademie anzusteuern. Konkreter sei sie in den 45 Minuten nicht geworden.

Der Kontakt zu einer privaten Berufs- und Studienberatung erwies sich als ergiebiger. „Ich erhielt einen Fragebogen, mit dem ich mich sieben Stunden zuhause vorbereitet habe“, erzählt Töpper.

Im Gespräch seien ihm Studiengänge vorgestellt worden, die seinen Neigungen entsprechen. Am Ende stand die Empfehlung, sich bei einer Spedition am Flughafen Leipzig um einen dualen Studiengang zu bewerben. „Logistik liegt mir“, sagt er. „Dieser Empfehlung werde ich folgen und – wenn es klappt – von dort aus meinen Traum vom Fliegen weiter verfolgen“.

Dieser Artikel ist hilfreich. 1174 Nutzer finden das hilfreich.