Chancen in Gewerbe und Technik: Bausteine für die Zukunft

Gewerbe und Technik sind in Bewegung, viele Berufe werden neu geordnet, neue Weiterbildungen entstehen. Multifunktionale Facharbeiter und Meister mit Managerqualitäten sind gefragt. Doch meist geht es nicht um Karriere, sondern darum, den Arbeitsplatz langfristig zu sichern.

Die Zeiten sind schwierig für Firmenchefs wie Quirin Graf Adelmann. Aber in schwierigen Zeiten entstehen oft gute Ideen. Graf Adelmann macht in seiner Berliner Kfz-Vertragswerkstatt „Auto Herbst“ Spezialangebote für Geschäftsleute: Während sie zum Business-Termin eilen, wird ihr Fahrzeug gewartet, gewaschen oder sogar durch den Tüv gebracht. So viel Service kommt gut an, seinen Geschäftskundenanteil konnte Adelmann auf 60 Prozent steigern. Andere Werkstätten tun es ihm gleich, chauffieren ihre Kunden nach der Reparaturannahme sogar zur Arbeit oder kooperieren mit Fünf-Sterne-Hotels. Dort wird dann ein Mehr-Gänge-Menü für die Manager serviert, während die Männer im Blaumann die lästige Autoinspektion erledigen. Gegen Aufpreis natürlich, versteht sich.

Die Ideen von Adelmann und Co. zeigen, dass Begriffe wie Service und Kundenorientierung auch in den gewerblich-technischen Berufen angekommen sind. „Der Dienstleistungsaspekt wird immer wichtiger, der Anteil entsprechender Tätigkeiten wächst“, sagt Dr. Jorg-Günther Grunwald, der beim Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) für die Aus- und Weiterbildung in gewerblich-technischen Berufen zuständig ist.

Nun passt sich also auch das größte Berufsfeld, Gewerbe und Technik, zu dem vom Anlagenmechaniker über den Maurer bis zum Zerspanungsme­chaniker mehr als zwei Drittel aller Berufe zählen, an. Es nimmt seine Beschäftigten in die Bildungspflicht. Viele Branchen modernisieren ihre Weiterbildungsangebote.

Neue Karrierestufen

Ein erfolgreiches Beispiel für die Weiterbildung der neuen Generation ist der Kfz-Servicetechniker, der an der Schnittstelle zwischen Kundenberatung und Reparaturen arbeitet. Weil sich die Autos von heute immer mehr zu rollenden Computern entwickeln und so auch die Anforderungen an die Mitarbeiter gewaltig verändert haben, etablierte die Branche den Servicetechniker. Dieser ist eine zusätzliche Karrierestufe zwischen dem Gesellen und dem Meister – ein Modell, das auch andere Branchen übernehmen wollen. Hintergrund: Mit zunehmendem Wettbewerb müssen die Meister sich stärker um die Anforderungen der Unternehmensführung kümmern. Das heißt: Sie brauchen qualifizierte Mitarbeiter auf der mittle­ren Führungsebene, die ihnen Aufgaben abnehmen, die sie früher selbst erledigt haben.

Mit den neuen Qualifikationsstufen können sich Arbeitnehmer für neue Aufgaben empfehlen, mehr Verantwortung übernehmen und sich in ihrem Betrieb unentbehrlich machen. Das hilft vor allem, den vorhandenen Arbeitsplatz zu sichern. Für Arbeitslose, Neueinsteiger oder Wechselwillige bleibt die Lage auf dem Arbeitsmarkt für gewerblich-technische Berufe angespannt. Zwar werden weiter Fachleute gebraucht, doch die Zahl der Stellenangebote geht vielfach zurück. Das zeigt der Adecco-Stellenindex, für den regelmäßig die Offerten in 40 deutschen Tageszeitungen ausgewertet werden.

Danach schrieben beispielsweise die Autoindustrie und der Maschinenbau im ersten Quartal 2004 rund 13 Prozent weniger Stellen aus als noch ein Jahr zuvor. Im Baugewerbe wurden 14 Prozent weniger gezählt, im Bereich Chemie sogar 19 Prozent weniger. Auch dem Manpower-Arbeitsmarktbarometer zufolge, für das der Personaldienstleister regelmäßig 1 000 deutsche Unternehmen befragt, wird für keinen gewerblich-technischen Zweig Personalzuwachs erwartet.

Neue Berufsabschlüsse

Andere Branchen gehen noch weiter und geben ihrer gesamten Aus- und Weiterbildung eine neue Struktur. Vorreiter ist das neue IT-Aus- und Weiterbildungssystem, das Tätigkeiten mit anerkannten Abschlüssen versehen und systematisiert hat. Dem eifert nun die Wach- und Sicherheitsbranche nach, in der – wie einst im IT-Bereich – größtenteils Quereinsteiger arbeiten. Branchenexperten sind dabei, ein völlig neues Modell zu entwickeln. Die Sicherheitsbranche ist kein Einzelfall. Das neue IT-System hat viele wachgerüttelt: „Das ist jetzt wie ein Wettlauf“, sagt Jorg-Günther Grunwald vom BIBB: „Wir können uns vor Anträgen kaum noch retten.“

Zurzeit arbeiten seine Kollegen unter anderem an Untersuchungen für den Baubereich und die Chemieindustrie. Die wichtigsten Fragen: Wie haben sich die Tätigkeitsprofile verändert? Welche Qualifikationen brauchen die Firmen? Und welche Entwicklungen sind in Zukunft zu erwarten? Zudem arbeiten die Bildungsexperten vom BIBB fieberhaft daran, dass auch die Universitäten und Fachhochschulen die neuen Bildungsabschlüsse auf ein Studium beziehungsweise die neuen Bachelor- und Master-Studiengänge anrechnen.

Meister als Manager

Aus dem Bereich der Berufsausbildung kommt ein weiterer Trend, der nach und nach die Weiterbildung verändert: Handlungsorientierung. „Kein Meister bekommt heute noch eine Aufgabe, die rein technisch ist“, erklärt Weiterbildungsexperte Jochen Reinecke vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Organisation und Personalführung gehören immer dazu. Entsprechend wird jetzt mit realitätsnahen Praxisaufgaben, die oft direkt aus den Betrieben stammen, geprüft – „ein Quantensprung“, so Reinecke.

„Das alte Bild vom Meister als dem höchsten Fachmann einer Gruppe hat ausgedient“, sagt Claus Wachenheim, Personalleiter bei der Lufthansa Technik AG in Frankfurt am Main: „Für die Führung unserer 40- bis 60-köpfigen Wartungsgruppen aus Fluggerätemechanikern, Flugzeugelektronikern und Kabinenmechanikern brauchen wir Leute, die die moderne Form der Personalführung beherrschen und auch noch BWL-Know-how mitbringen.“ Speziell dafür hat sein Unternehmen gemeinsam mit dem Hamburger Institut für Lernsysteme und der IHK Frankfurt den dreijährigen Fernlehrgang „Industriemeister IHK – Luftfahrttechnik“ entwickelt, der auch Mitarbeitern anderer Firmen offen steht.

Dabei rücken die fachspezifischen Kenntnisse in den Hintergrund – „dafür gibt es die spezialisierten Facharbeiter“, erklärt Wachenheim. Für ihn sind die neuen Meister „ganz klar ein Teil der Geschäftsführung, die den Betrieb verantworten“. Sie müssen Personal, Maschinen und Material einsetzen, Budgets planen, Kontakt zu Kunden und Zulieferern halten und immer dafür sorgen, „dass das Team vertrauensvoll zusammenarbeitet“. Mitarbeitergespräche, Zielvereinbarungen und flexible Arbeitszeitsysteme stellten völlig neue Anforderungen.

Multifunktionale Facharbeiter

Gewerbe und Technik sind in Bewegung, neue Arbeitsanforderungen verlangen neue Berufsbilder. So hat das starke Zusammenspiel von Maschinen-, Elektro- und Informationstechnik 1998 den neuen Beruf des Mechatronikers entstehen lassen. „Wie ein Integrator bringt er die Anforderungen dieser drei Systembereiche zusammen“, sagt Karlheinz Müller, Berufsfachmann vom Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA).

„Immer wenn Ausbildungsberufe neu geordnet werden, wie beispielsweise aktuell die industriellen Elektro- und Metallberufe wie Anlagen- oder Zerspanungsmechaniker, zieht die Weiterbildung nach. Facharbeiter, die früher einen dieser Berufe erlernt haben und nun in der Mechatronik arbeiten, müssen sich für die jeweils anderen Systeme qualifizieren“, beschreibt Müller.

So hat zum Beispiel die starke Konzentration bei den Versorgungsunternehmen dazu geführt, dass die bislang meist getrennten Strom-, Wasser- und Gasversorger zu Mehrsparten-Anbietern wurden. „Sie bündeln die verschiedenen Leistungen und verlangen Ähnliches von den Mitarbeitern“, beschreibt Axel Fassnacht von der Deutschen Vereinigung des Gas- und Wasserfachs (DVGW). So ist unter anderem der Fortbildungsberuf Netzmonteur entstanden. „Mit ihm machen sich die Beschäftigten für mehrere Einsatzbereiche fit“, erklärt Fassnacht – „und erhöhen damit die Chance, ihren Arbeitsplatz langfristig zu behalten.“

Weiche Kompetenzen gefragt

Und das ist noch nicht alles. Neben Fachwissen und EDV-Kenntnissen werden zunehmend Sprachen sowie interkulturelle Kompetenzen verlangt. So werben auch Tischler im Internet um Aufträge, Kfz-Mechatroniker bestellen Teile online und brauchen oft englische Fachbegriffe. Übergreifende Fähigkeiten und weiche Kompetenzen werden wichtiger: Neben der Neuordnung der Berufe gibt es also auch hier eine Parallele zu den Anforderungen in der IT-Branche: Querschnittswissen aus verschiedenen Branchen gepaart mit Kundenorientierung à la Adelmann und Co. ist gefragt. Wer das bringt, kann auch in schwierigen Zeiten Kunden gewinnen und seinen Job sichern.

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