Chancen in der Informationstechnologie: Neustart für die New Economy

Die Informationswirtschaft ist auf den Boden der Tatsachen zurückgekehrt. Sie hat zwar wieder Zukunft, doch im einstigen Eldorado für Quereinsteiger ist es eng geworden. Fundiertes Fachwissen und Zusatzkenntnisse sind gefragt.

Worte verbrennen schnell, sehr schnell. Haben sie erst einen Brandfleck, sollte man sie tunlichst vermeiden. So wie „New Economy“. Die Neue Wirtschaft stehe, so war es in einem Wirtschaftsmagazin zu lesen, „in einer Reihe mit Wörtern wie BSE, Hühnergrippe oder Reform“. Der Begriff ist verbrannt, doch die Branche steht wieder auf – nicht gerade wie Phönix aus der Asche, aber immerhin: Im Frühjahr 2004 meldete Bitkom, der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien, das Ende des Arbeitsplatzab­baus in der Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT). Für 2005 rechnet Bitkom sogar mit „einem spürbaren Beschäftigungszuwachs“.

Angesichts der Wachstumsphantasien, die die Branche zu ihren Boomzeiten produzierte, ist das eine bescheidene Prognose – wohltuend bescheiden. Schließlich folgte auf den Boom ein Branchen- und Börsencrash. Nun gibt es wieder Hoffnungen auf Jobs. Denn die wirtschaftlichen Voraussetzungen der Branche haben sich geändert.

Zum einen sind die IKT von einer Wirtschaftssparte zu einer echten Querschnittsbranche geworden: Derzeit arbeiten knapp 750 000 Menschen im IKT-Sektor. Fast doppelt so viele verdienen ihr Geld als IKT-Fachleute aber in Unternehmen anderer Bereiche. Insgesamt hängen über die Hälfte der Industrieproduktion und mehr als zwei Drittel der Exporte Deutschlands von Informations- und Kommunikationssystemen ab.

Zum anderen sorgt nicht mehr die Entwicklung der Technologie für Wachstum, sondern die Anwendung derselben. Die Nutzer – vorwiegend Unternehmen, aber auch private Verbraucher – stehen im Mittelpunkt des Interesses. Denn im Anwendungsbereich lässt sich derzeit am besten Geld verdienen.

Berufsprofile ändern sich

Mit der Entwicklung des IKT-Sektors zu einer Querschnittsbranche haben sich auch die Tätigkeitsfelder vervielfacht. Welche Kenntnisse auf dem Arbeitsmarkt gefragt sind, hängt von der beruflichen Sparte ab, in die die Arbeitnehmer streben. Unterscheiden lassen sich die Sparten unter anderem nach der Intensität, mit der sie mit Technologie zu tun haben.

Eine Aufteilung nach Sparten bietet die Studie „Stellenmarktanalyse 2003“ der Deutschen Privaten Akademie für Wirtschaft CDI: Zu der ersten Ebene der IKT-Kernberufe gehören demnach die Spezialisten für Entwicklung von Software, Netzwerken, Betriebssystemen und Datenbanken. Auf der zweiten Spezialisten-Ebene kommt der direkte Kontakt mit den Kunden hinzu. Hier tummeln sich die Spezialisten für Organisation, zum Beispiel Netzwerkadministratoren oder Lösungsentwickler, Berater, Projektmanager und Service-Mitarbeiter.

Bei den IKT-Mischberufen steht laut Studie die Dienstleistung im Mittelpunkt: Der Experte bringt dem Kunden die praktische Anwendung der Technologie nahe. Klassisches Beispiel sind Tätigkeiten, die sich auf die Installation und Nutzung von Produkten der Softwarefirma SAP beziehen. SAP entwickelt betriebswirtschaftliche Software-Lösungen für seine Kunden. Für SAP-Spezialisten, die technologisches und betriebswirtschaftliches Wissen haben, gebe es „einen stetig wachsenden Berufsbereich“, so die CDI.

Nach den IKT-Mischberufen folgen noch die Tätigkeiten, für die vor allem Anwenderkenntnisse nötig sind. Das gilt für die Experten in den Bereichen Marketing und Vertrieb ebenso wie für Sachbearbeiter: Sie müssen zwar nicht Informatik studiert haben, sollten aber Programme anwenden können, um ihren Job gut machen zu können.

Fachwissen allein reicht nicht

Vor allem in den Kern- und Mischberufen wird von Arbeitnehmern viel erwartet: Arbeitgeber setzen fundierte technologische Kenntnisse voraus, verlangen aber auch Querschnittswissen, wie zum Beispiel betriebswirtschaftliche und juristische Qualifikationen. Für viele Jobs ist ein abgeschlossenes Studium mittlerweile eine Grundvoraussetzung. So entwickelt sich die IKT-Branche mehr und mehr zu einem Akademikermarkt. Abgesehen von den oben angesprochenen Bereichen Marketing, Vertrieb und Sachbearbeitung ist es ohne technisch orientiertes Studium schwer , einen festen Job in der IKT-Branche zu bekommen. Eine Weiterbildung im IKT-Bereich ist deshalb nur sinnvoll, wenn technisches Know-how bereits vorhanden ist.

Und technisches Know-how allein reicht selbst bei den Hochschulabsolventen nicht aus: „Hochschüler sollten darauf achten, auch andere Qualifikationen mitzunehmen“, rät zum Beispiel Bernhard Hohn, Arbeitsmarktexperte bei der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit (BA). Um ihre Jobchancen zu verbessern, müssten Absolventen auch Kenntnisse in anderen Branchen erwerben. Das sei selbst auf der fachlich sehr anspruchsvollen Ebene der IKT-Kernberufe erforderlich.

Laut ZAV kamen im Jahr 2003 nur ein Viertel der rund 7 000 Stellen für IT-Spezialisten, die der BA gemeldet wurden, unmittelbar aus der Informationswirtschaft. Der Rest sei, so die Arbeitsmarktexperten, von den Anwenderunternehmen nachgefragt worden – insbesondere von IT-Dienstleistern, zum Beispiel Beratungsfirmen. Und dort kommt es weniger auf reines Informatikwissen als vielmehr auf Branchenkenntnisse und den professionellen Umgang mit den eingesetzten Technologien an. Deshalb müssen IT-Experten, die in Anwenderunternehmen arbeiten, in der Lage sein, ihr technologisches Know-how den jeweiligen Bedürfnissen der Firma, in der sie arbeiten, anzupassen. Nur dann kann eine IT-Architektur entstehen, die das Beste für das Unternehmen herausholt.

So haben in den Dienstleistungsbereichen neben Informatikern, Mathematikern, Physikern und Elektrotechnikern auch Absolventen der so genannten Bindestrichdisziplinen wie zum Beispiel Wirtschaftsinformatiker oder Betriebswirtschaftler oder Juristen mit IT-Kenntnissen gute Chancen auf einen Job.

Nur Nischen für Quereinsteiger

Um Quereinsteigern und Nicht-Akademikern einen Weg in den IKT-Arbeitsmarkt zu ermöglichen, hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) vier Ausbildungen für den IKT-Sektor geschaffen und ein IT-Weiterbildungssystem ins Leben gerufen.

Ob die Wirtschaft das System annimmt und die Bundesagentur für Arbeit ihr Vorhaben wahr macht, diese Weiterbildungen für Arbeitslose zu fördern, bleibt aber abzuwarten. Ohne technische Vorkenntnisse wird es aber auch innerhalb des IT-Weiterbildungssystems schwer, einen Job im IKT-Bereich zu bekommen. Das bestätigt auch Bernhard Hohn: „Fachfremden Quereinsteigern fehlt es oft an inhaltlicher Flexibilität, um die wechselnden technischen Anforderungen im beruflichen Alltag zu bewältigen“, sagt der ZAV-Arbeitsmarktexperte.

Dennoch haben nicht nur Hochschulabsolventen aus technischen Fächern eine Zukunft auf dem Arbeitsmarkt. So bieten zum Beispiel kleine und mittelständische Unternehmen branchenübergreifend Nischen, in denen IKT-Kenntnisse gefragt sind. Diese Nischen – zum Beispiel den firmeneigenen Internetauftritt konzipieren und verwalten – können kleinere Unternehmen nicht immer mit Experten besetzen. Dafür fehlen vielen die Mittel.

Das ist eine Chance für Angestellte, die an IKT interessiert sind, sich das nötige Know-how anzueignen und ihre Stellung im Betrieb zu verbessern. Außerdem können viele der rund 50 000 IKT-Freiberufler im Umfeld kleiner und mittelständischer Firmen auf Aufträge hoffen.

Über den Tellerrand schauen

In welchen Bereichen der Branche es Arbeitsplätze geben wird und welche Qualifikationen sich für potenzielle IKT-Experten eignen, ist aber schwer vorherzusagen. Von zu vielen Faktoren hängt die Entwicklung ab.

Die Studie „Monitoring Informationswirtschaft 2004“ von TNS Infratest und dem Institute for Information Economics sieht für vier Sparten der IKT-Branche momentan besondere Wachstums­chancen: Informations- und Kommunikationstechnik, mobile Informations- und Kommunikationsan­wendungen, IT- und Internet-Sicherheit und E-Government (Dienstleistungen von Bund, Ländern und Gemeinden im Internet).

Mit Ausnahme der Informations- und Kommunikationstechnik, die sich zum Beispiel auf die technologische Entwicklung und Vernetzung von Hardware bezieht, sind alle Bereiche direkt auf den Nutzer bezogen: Multifunktionale Handys mit Fotoapparaten und Musikanlagen, sichere und schnelle Internetübertragungen für Downloads, Auktionen und Online-Banking oder die Online-Steuererklärung – mit Anwendungen, die dem Endkunden einen konkreten und nachvollziehbaren Nutzen bringen, lässt sich derzeit Geld verdienen.

Da die Konsumenten und Unternehmen, die solche Anwendungen kaufen, aus den unterschiedlichsten Branchen kommen, brauchen IKT-Experten weit mehr als nur Technikwissen: Das macht zum Beispiel betriebswirtschaftliches oder juristisches Wissen so wertvoll.

Die Arbeit von IKT-Experten in Unternehmen anderer Branchen hat auch dazu geführt, dass von Mitarbeitern in führenden Positionen Projekt- und Prozessmanagement-Erfahrungen verlangt werden. Die Einführung einer neuen Software in einem international agierenden Unternehmen ist eine komplexe Aufgabe. Die gesamten Geschäftsprozesse zu verstehen und ein Konzept zu haben, wie die neue Software damit in Einklang gebracht werden kann, ist oft wichtiger als das Wissen über Detailfunktionen.

Auch hier zeigt sich, in welche Richtung es in der IKT-Branche geht: Wenn Fachwissen und Kenntnisse über Querschnittsbranchen den konkreten Wünschen der Kunden, Unternehmen und Verbraucher entsprechen, dann lässt sich auch Geld damit verdienen.

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