Chancen in der Wirtschaft: Büffeln fürs Büro

In der Dienstleistungsbranche werden die Aufgaben komplexer. Der Trend geht zu anspruchsvolleren Tätigkeiten. Weiterbildung ist für die Sekretärin ebenso wichtig wie für die Führungskraft.

In Zeiten von Massenarbeitslosigkeit und Hartz IV grübeln viele Bundesbürger vor allem über zwei Fragen: Woher sollen die neuen Jobs kommen? Und welche berufliche Weiterbildung kann helfen, einen guten Job zu bekommen oder den eigenen zu behalten? Ein Blick auf die Daten des Statistischen Bundesamtes vom Sommer 2004 gibt die Antwort: Dienstleistungsbranche heißt das Schlüsselwort. Denn während im produzierenden und Baugewerbe sowie der Land- und Forstwirtschaft nach wie vor Arbeitsplätze abgebaut werden, legen Handel, Verkehr und sonstige Dienstleistungen zu. Zu nennen sind zum Beispiel der Service- und Bürobereich sowie die Branche des Lagerns und Transportierens, die Logistik.

Die ganz großen Hoffnungsträger sind die so genannten sekundären Dienstleistungen – Tätigkeiten wie forschen und entwickeln, organisieren und managen, betreuen und beraten sowie lehren und publizieren. Der Trend geht also zu anspruchsvolleren Tätigkeiten: Wenn nicht mehr der Handgriff an der Maschine gefragt ist, sondern die Betreuung eines Projekts, steigen die Anforderungen an die Mitarbeiter. Das heißt: Die neu geschaffenen Jobs standen hauptsächlich höher bzw. Hochqualifizierten offen.

Dementsprechend ist der Arbeitsalltag in vielen Unternehmen komplexer geworden. Statt nacheinander einzelne Aufgaben zu erledigen, arbeiten Angestellte parallel in verschiedenen Projektteams, oft sogar abteilungsübergreifend. Nebenbei kommunizieren sie mit Kollegen in anderen Städten und mit Kunden im Ausland.

Projektmanagement-Erfahrung ist gefragt

In flacheren Hierarchien übernimmt der Einzelne mehr Verantwortung. Nur der, der sich ständig weiterbildet, kann mit dieser Entwicklung Schritt halten. Wie wichtig Zusatzqualifikationen schon heute sind, zeigt das Beispiel Projektmanagement. Was vor 20 Jahren als Arbeitsform vor allem in Luftfahrt, Verteidigung und Ingenieurwesen verbreitet war, hat längst auch in Handel, Dienst­leis­tun­gen und öffentlichem Dienst Einzug gehalten. Projektmanagement gehört heute fast überall zum Alltag. Da es aber noch keine standardisierte Erstausbildung zum Projektmananager gibt, boomt derzeit die Nachfrage nach Kursen. Während große Betriebe oft intern schulen, besuchen Selbstständige und Mitarbeiter kleinerer und mittlerer Unternehmen externe Seminare. Die Angebote reichen von Grundlagen des Projektmanagements über „Multiprojektmanagement“ bis zur „Moderation für Projektmanager“.

Von der Tippse zur Office-Managerin

Wie schnell sich ein ganzes Berufsbild ändert und wie wichtig deshalb regelmäßige Fortbildungen sind, wird am Beispiel der Sekretärin deutlich. Früher oft noch als Kaffeekochende Tippse karikiert, ist sie längst zur unabkömmlichen Office-Managerin avanciert. „Sie kann moderne Bürotechnik bedienen und kennt sich mit den neuen Medien aus“, sagt Monika Gunkel vom Berufsverband Sekretariat und Büromanagement. In den verschlankten Führungsetagen der Firmen übernimmt die Office-Managerin immer häufiger Fachaufgaben und arbeitet auch in Projektteams mit. Einige Kolleginnen übernehmen sogar Aufgaben beim Controlling und liefern Daten für den Geschäftsbericht.

Im Idealfall hat die Office-Managerin von heute eine hoch bezahlte Vertrauensstellung, etwa als persönliche Assistentin des Geschäftsführers. „Während der Chef auf einer Konferenz oder bei einem Kunden ist, behält sie in der Firma den Überblick“, erklärt die Verbands-Frau. Immer mehr Arbeitgeber würden erwarten, dass sich Office-Managerinnen weiterbilden, teilweise sogar betriebswirtschaftliche Kenntnisse erwerben. Systematisches Lernen habe längst das früher manchmal willkürliche Seminar-Hopping abgelöst. Wer eine Prüfung anstrebt, sollte auf die richtige Auswahl der Kurse achten.

Wer im Bereich Büro und Verwaltung arbeitet und sich regelmäßig fortbildet, hat nach wie vor gute Jobchancen. Das zeigte auch der Adecco-Stellenindex für das Jahr 2003, für den der Personaldienstleister regelmäßig die Angebote in 40 Tageszeitungen ausgewertet hat. Ein Viertel der etwa 236 000 Jobangebote stand dieser Zielgruppe offen. Gesucht wurden neben Verkaufs- und Vertriebsprofis Sekretärinnen und Bürokaufleute.

Kaufmännische Kurse boomen

Dass im kaufmännischen Bereich immer mehr Fachkräfte auf Weiterbildung setzen, belegen zum Beispiel die Zahlen der Industrie- und Handelskammern (IHK). Rund 65 000 Teilnehmer buchten im Jahr 2003 kaufmännische Lehrgänge und Seminare. Außenwirtschaft- und Exportmanagement sowie betriebliches Rechnungswesen waren am stärksten gefragt.

Für die drei möglichen Weiterbildungsprüfungen – Fachkaufmann/-frau, Fachwirt und Betriebswirt (Bachelor-Niveau) – meldeten sich im Jahr 2003 knapp 41 000 Interessenten an – mehr als je zuvor. Gut 17 000 davon belegten eine Qualifizierung zum Fachwirt, vor allem mit Spezialisierung in Bank, Handel oder Industrie. Gleichrangig im IHK-Weiterbildungssystem ist die Prüfung zum Fachkaufmann oder zur Fachkauffrau. Dafür meldeten sich rund 14 000 Teilnehmer an. Besonders gefragt war hier der Bilanzbuchhalter. Beide Abschlüsse – Fachwirt und Fachkaufmann – bereiten auf Jobs im mittleren Management vor.

Die höchste Weiterbildungsprüfung, den IHK-Betriebswirt, strebten im Jahr 2003 knapp 4  900 Teilnehmer an. Gerade diese Qualifizierung verbuchte auch die größten Zuwächse. Das ist kein Wunder. Denn betriebswirtschaftliche Grundkenntnisse gehören heute vielerorts zum Job. „Sie werden Entscheidungsträgern abverlangt, aber beispielsweise auch Ingenieuren und Naturwissenschaftlern“, erklärt Bernhard Hohn, Arbeitsmarktexperte der Bundesagentur für Arbeit.

Übrigens greifen bildungshungrige Kaufleute dabei nur selten auf die Förderung über Meister-Bafög zurück. Dabei können längst nicht nur Handwerker, sondern auch kaufmännisch Interessierte diese Unterstützung beantragen.

Chinesisch für Betriebswirte

In Zeiten nachlassender Konjunktur und geringerer Jobangebote wird auch für Hochschulabsolventen das lebenslange Lernen wichtiger. Die Palette der heute von Volks- und Betriebswirten geforderten Qualifikationen ist breit. „Neben fachlicher Qualifikation werden gutes Englisch, wenn möglich Französisch und neuerdings auch Chinesisch verlangt“, berichtet Dieter Schädiger, Vizepräsident des Bundesverbands deutscher Volks- und Betriebswirte (BdVB). Außerdem sollte man sich mit MS-Office auskennen, rhetorisch kompetent sein, Präsentations- und Kommunikationstechniken beherrschen. Wichtig seien auch „interkulturelles und teamorientiertes Denken“. Betriebswirte auf Jobsuche können mit Weiterbildung „erkennbare fachliche Lücken oder Persönlichkeitsdefizite schließen“.

Trotz derzeitiger Flaute sieht der BdVB nach wie vor Chancen in den klassischen Wirtschaftsbereichen Finanz- und Rechnungswesen, Controlling sowie Marketing und Vertrieb. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung geht von einem wachsenden Bedarf an Unternehmensberatern, Key-Account-Managern, Controllern und Wirtschaftsprüfern aus. „Controller kommen insbesondere in großen und mittelständischen Firmen zum Einsatz, wo sie die Kostenrechnungen und die Wirtschaftlichkeit von Arbeitsabläufen kontrollieren und das Management beraten. Spezifisches Wissen ist gefragt – Betriebswirtschaft, Rechnungswesen, Steuern“, betont Arbeitsmarktexperte Hohn.

Neue Standards büffeln

Wie wichtig lebenslanges Lernen gerade in der Wirtschaft ist, zeigt das Beispiel der geänderten Standards in der Internationalen Rechnungslegung. Klaus Reiners vom Bund der Unternehmensberater (BDU) erklärt: „Von 2005 an sind zwar bisher nur börsennotierte Unternehmen dazu verpflichtet, ihre Konzernrechenlegung nach den internationalen Vorgaben von IAS/IFRS (International Accounting Standards/International Financial Reporting Standards) zu erstellen. Doch auch Mittelständler sind davon betroffen, die zum Beispiel Kredite benötigen, Investoren oder Käufer suchen oder mit internationalen Konzernen zusammenarbeiten.“

Büffeln ist also angesagt. „IAS Accountant (Zertifikatskurs)“, „IAS-HGB-Auffrischung“ oder „IAS/IFRS Kompaktkurs“ heißen zum Beispiel die Kurse, die derzeit Kammern, Universitäten und Wirtschaftsakademien verstärkt anbieten. BDU-Sprecher Reiners glaubt, dass mancher Berater auf diese Weise auch die „Chance hat, einen neuen Geschäftsbereich aufzubauen“.

Schnelles Umdenken ist für diese Berufsgruppe nicht neu. Reiners betont: „In vielen Unternehmen fließen bis zu zehn Prozent des Umsatzes in die Weiterbildung. Denn der Berater sitzt an der Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Industrie und ist so ständigen Veränderungen ausgesetzt. Nur wer sein Know-how immer auf dem neuesten Stand hält, hat eine Chance!“

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