Was verkauft wurde: Abführmittel

Der Fall: „Guten Tag, ich hätte gern ein Abführmittel.“ Eine dem Augenschein nach 20 bis 30 Jahre alte, schlanke Frau ant­wortete bei der Nachfrage des Apothekers „Haben Sie schon einmal Abführmittel genommen?“: „Ja, Dulcolax, Depuran und Agiolax. Aber diese Mittel wirken nicht mehr richtig.“ Im Gespräch fragte die Kundin aktiv nach – nach Einnahmedauer und preisgünstiger Ware und: „Sind pflanzliche Abführmittel nicht harmloser?“

Die Aufgabe: Offensichtlich liegt hier ein Fall von Abführmittelmissbrauch vor. Der Apotheker hätte alternative Maßnahmen deutlich herausstellen müssen. Entweder hätte gar nichts verkauft werden dürfen oder nur Mittel wie Milchzucker oder Leinsamen. Auch ein Klistier beschleunigt und erleichtert im Akutfall die Darmentleerung.

Der Hintergrund: Darmträgheit und Fol­ge­erkrankungen durch Missbrauch oder lange Einnahmedauer sind bedingt durch den Verlust von Salzen, insbesondere Ka­li­um. Viele Menschen missbrauchen Abführmittel, um abzunehmen. Doch die Ge­wichtsabnahme beruht auf Wasserverlust.

Das Ergebnis: Jede zweite Apotheke verkaufte der Testkundin darmreizende Mittel. Die sind schon deshalb beratungsbedürftig, weil sie auf Dauer zur Gewöhnung des Darms führen können. Die Kundin hatte darauf hingewiesen, dass sie solche Mittel über längere Zeit eingenommen hat­te und die Wirkung nicht mehr ausreichend sei. Insofern ist die Abgabe solcher Mittel bedenklich. Besser wäre es gewesen, allen­falls noch Quellmittel oder leicht abführende Milchzuckerprodukte (Lactulose) zu verkaufen, eventuell ein Klistier, bevor zum Arztbesuch geraten und Alter­nativen empfohlen werden.

Mit Laxoberal (12-mal), Dulcolax (9-mal), Pyrilax (1-mal) wurden darmreizende und schnell wirkende synthetische Mittel (insgesamt 44 Prozent der Fälle) „an die Frau“ gebracht. Laxo­beral ist zwar ein Mittel, das tropfenweise dosiert werden kann und da­her häufig zum „Ausschleichen“ aus ei­ner Abführmittelabhängigkeit empfohlen wird. Doch wenn unter anderem schon Dulcolax kaum noch wirkt, ist das Natriupicosulfat ebenso ein den Darm reizendes Mittel, das ähnlich einzustufen ist. Auch darmreizende Abführmittel auf pflanzlicher Basis gehörten zu den Empfehlungen: Ramend, Regulax und Kräuterlax wurden vereinzelt abgegeben. Aber auch sie führen zur Ge­wöhnung. Die Risiken sind bei langer An­wendung ebenfalls hoch.

Der Teufelskreis – höhere Dosierung bei weniger Wirkung – ist bei längerer Anwendung programmiert.

Sieben Berater verkauften mit Microklist ein Klistier, das bei einmaliger Anwendung die Verstopfung „sprengt“ und noch zu vertreten ist. Gleiches gilt für Gleitmittel wie Glycilax und Milax. Auch neuartige Produk­te wie Movicol sind eventuell bei einmaliger Anwendung vertretbar. Klistiere und Gleitmittel wurden in rund einem Drittel der Fälle verkauft.

Weniger wäre mehr gewesen: die Kundin auf den Teufelskreis von Gewöhnung und Darmträgheit durch Abführmittel, die den Darm reizen, aufmerksam zu ma­chen und Alternativen anzubieten.

Übrigens: In 18 Apotheken wurde nur ein einziges Mittel vorgestellt. In 23 Apotheken konnten nach Einschätzung des Testers andere Kunden das Beratungsgespräch verfolgen. Die Beratungen dauerten im Durchschnitt fünf Minuten.

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