Beratung beim Fettabsaugen Test

Wenn Fettpölsterchen trotz Sport und Diät nicht weichen, ist Fettabsaugen dann die Alternative? Nicht mehr als ein Routineeingriff, behaupten Schönheits­chirurgen. Doch ihre Auskünfte sind oft sehr verharmlosend und oberflächlich. Über Risiken reden sie gar nicht gern, wie unser Test von 30 Ärzten zeigt.

Am Anfang fühlte ich mich wie vom Zug überrollt, ich würde es aber jederzeit wieder tun“, so das Fazit einer test-Leserin, die sich das Fett an ihren „Reithosen“ absaugen ließ. „Früher hatte ich obenherum Konfektionsgröße 36/38, unterhalb der Taille aber 42/44. Seit der Pubertät konnte ich kein Kleid von der Stange kaufen. Das ist jetzt vorbei.“ Derart positive Erfahrungen sind jedoch nur eine Seite der Medaille. Denn Fettabsaugen ist keineswegs ein harmloser Eingriff. Es kann dabei zu ernsthaften Problemen kommen. Sogar Todesfälle sind bekannt geworden.

Leserbefragung

Beratung beim Fettabsaugen Test

Mehr als 50 Leserinnen und Leser folgten unserer Bitte und berichteten uns von ihren Erfahrungen mit dem Fettabsaugen und den vorangegangenen Leidensgeschichten: Etliche trauten sich vor dem Eingriff nicht ins Schwimmbad, zogen sich nur im Dunkeln aus oder hatten Hemmungen bei der Partnerwahl. Allen erschien – nach reiflicher Überlegung – eine Fettabsaugung (Liposuktion) als die Lösung jahrelanger Figurprobleme, die sie mit Sport und Diät nicht in den Griff bekommen hatten. Manche mussten auch erst einmal lange sparen, um mit dieser Operation ihrer Wunschsilhouette näher zu kommen. Denn Fettabsaugungen sind teuer: Je nach individuellen Voraussetzungen und abzusaugender Region kostet der Eingriff etwa 1 500 bis 7 000 Euro. Die Krankenkasse zahlt nur in Ausnahmefällen dazu.

Nicht nur neurotische Teenies

Beratung beim Fettabsaugen Test

Sofort nach der Operation wird das Kompressionsmieder angepasst.

Es sind also beileibe nicht nur hyper-eitle, neurotische Teenies, die sich auch noch den letzten Ansatz von Babyspeck wegsaugen lassen wollen, sondern Menschen mit ernst zu nehmenden Problemen. Ein seriöser Schönheitschirurg sollte sich dieser Verantwortung bewusst sein, nicht nur als Operateur, sondern auch als Berater.

Doch offensichtlich nimmt die Zunft der Schönheitschirurgen die notwen­digen Aufklärungsgespräche zu sehr auf die leichte Schulter. Diese Erfahrung mussten wir bei unserem Test von 30 Ärzten machen: Wir wollten herausfinden, wie umfassend und kompetent die Fett absaugenden Mediziner ihrer Aufklärungspflicht nachkommen.

Ernüchterndes Fazit

Bei derartigen Operationen haben sie nämlich besondere Pflichten: Die Liposuktion ist ein Eingriff am gesunden Menschen. Es liegt keinerlei medizini­sche Notwendigkeit dafür vor. Für diese Fälle schreiben höchstrichterliche Entscheidungen besonders detaillierte Aufklärungen vor. Sie sollen dem Interessenten das Für und Wider des Eingriffs genauestens klarmachen, damit er weiß, welche Risiken er mit seiner Entscheidung auf sich nimmt.

Wir schickten vier Tester (zwei Männer, zwei Frauen) quer durch Deutschlands Schönheitsszene. Sie suchten 30 Praxen, Kliniken oder Institute auf, die sich als Spezialisten fürs Fettabsaugen bezeichnen. Sie hatten die Aufgabe, sich im Hinblick auf eine geplante Liposuktion persönlich beraten zu lassen. Das Fazit war ernüchternd: Keiner der Spezialisten ist seiner Verpflichtung zur gründlichen Aufklärung umfassend nachgekommen.

Nichts für Dicke

Bei den schönheitschirurgischen Eingriffen, mittlerweile etwa 350 000 pro Jahr, steht das Fettabsaugen ganz oben. Dabei ist die Liposuktion keine Alternative zum Abspecken. Das Normalgewicht sollte man schon vor dem Eingriff haben. Es gibt jedoch hartnäckige Fettablagerungen, hormonell- oder anlagebedingt, die jeder Diät und jedem Sport trotzen. Bei Frauen sind das vor allem die so genannten Reithosen, aber auch Bauch, Hüften und Gesäß. Bei Männern, die auch verstärkt absaugen lassen, sind es meist die Rettungsringe auf den Hüften.

Eine schillernde Zunft

Wer sich fürs Fettabsaugen entscheidet, sieht sich unzähligen schwer durchschaubaren Angeboten gegenüber. Denn immer mehr Ärzte sehen im Fettabsaugen die Chance, ihre leerer werdenden Kassen aufzupolstern. So darf sich jeder Arzt Schönheitschirurg, ästhetischer oder kosmetischer Chirurg nennen. Es gibt keine geschützte Berufsbezeichnung, auch keine geregelten Ausbildungsgänge fürs Fettabsaugen. Oft sind es nicht mehr als Wochenendlehrgänge, auf die sich das Spezialistentum begründet. Nur Plastische- und Wiederherstellungschirurgen haben eine jahrelange, umfassende Fach­­ausbildung, in der auch kosmetische Eingriffe gelehrt werden. Fettabsaugen gehört aber nicht dazu. In den Beratungsgesprächen, die unsere Tester führten, enttäuschten die plastischen Chirurgen genauso wie die Kollegen ohne diesen Facharzttitel.

Mitunter war schon die Atmosphäre, in der die Beratungen stattfanden, nicht dazu angetan, Vertrauen zu entwickeln. Bei Professor Stark in Freiburg zum Beispiel wurde das Gespräch durch ständige Unterbrechungen gestört. Und bei Dr. Levy in Garmisch-Partenkirchen fühlten sich die Tester eher vorgeführt als beraten.

Erschreckend unbedarft

Aus medizinischer Sorgfaltspflicht müsste es eine Selbstverständlichkeit sein, den Klienten genau nach seiner Krankheitsvorgeschichte zu befragen. In vielen Fällen lief die Anamnese jedoch höchst lückenhaft ab. Mancher Arzt verzichtete völlig darauf, andere pickten sich unsystematisch aus standardisierten Checklisten nur einzelne Punkte heraus.

Auch bei der psychosozialen Anamnese gaben sich die Mediziner in unserer Stichprobe erschreckend unbedarft. Im Vorfeld des Eingriffs müssten sie nämlich unbedingt die Motivation ihrer Klienten abchecken: Wie lange besteht der Wunsch nach einer Figurveränderung bereits? Soll Fett abgesaugt werden, damit der Partner wieder in Wallung gerät? Wurden schon mehrere schönheitschirurgische Eingriffe vorgenommen, doch die Stimmung hellt sich nicht auf? Diese Fragen nach dem psychosozialen Hintergrund sind auch deshalb wichtig, weil es neurotische Erkrankungen gibt, bei denen zwanghaft eine Schönheitskorrektur nach der anderen angestrebt wird. Solche Kandidaten müssen durch genaue Fragen ausgefiltert werden.

Alles ist machbar

Natürlich gehört zur vollständigen Beratung auch die Untersuchung. Wenigstens in diesem Punkt waren die meisten Schönheitschirurgen recht sorgfältig. Wobei sie die Figurvorstellungen unserer Tester durchweg für realistisch hielten. Einzige Ausnahme war Professor Olbrisch vom Diakoniekrankenhaus Düsseldorf-Kaiserswerth. Er verweigerte einem unserer Tester schlicht die Operation: „Sie können sich auf den Kopf stellen, ich operiere Sie nicht. Gehen Sie lieber in ein Fitnessstudio. Das bringt mehr und ist viel billiger als meine OP.“ Dieser vernünftige Einwand kam von keinem der modellierenden Kollegen. Einige schlugen vielmehr vor, geplante Operationsgebiete noch auszudehnen. So erhielt eine Testerin die Empfehlung , doch lieber die Brust vergrößern statt an den Hüften absaugen zu lassen. Einem Tester wurde nahe gelegt, nicht nur am Bauch, sondern auch an der Brust absaugen zu lassen. Ein anderer Silhouetten-Künstler schlug ihm vor, die Brust mit Abnähern in Form zu bringen.

Betäubung und OP-Ablauf

Wer sich für eine Liposuktion entscheidet, will wissen, mit welcher Methode der Eingriff erfolgt. Die Erklärungen zu der meist in Tumeszenztechnik durchgeführten Operation waren oft recht oberflächlich. Kaum jemand zeigte alternative Möglichkeiten auf.

Auch zum Betäubungsverfahren – örtliche Betäubung oder Vollnarkose – gab es oft nur dürftige Hinweise. Dabei sollte der Fettabsauge-Kandidat erfahren, dass die örtliche Betäubung nicht immer risikoärmer als die Vollnarkose ist:

  • Je nach Umfang der Liposuktion sind die Mengen an Lokalanästhetika (meist Lidocain), die zur örtlichen Betäubung unter die Haut gespritzt werden, beträchtlich. Sie können den Körper extrem stark belasten. Schlimmstenfalls kann es zu neurologischen Störungen oder gar Vergiftungen und Organversagen mit tödlichem Ausgang kommen. Größere Eingriffe sollten deshalb unbedingt immer in Vollnarkose vorgenommen werden.

Wichtig sind auch Informationen zum OP-Ablauf und für die Zeit danach. Da ist nämlich einiges zu ertragen, worauf nicht jeder Arzt ausreichend hinweist:

  • Normale Begleiterscheinungen sind Schwellungen, Gewebeverhärtungen, Blutergüsse und Taubheitsgefühle in der Haut, die wochenlang erheblich stören können. In den ersten Tagen können Kreislaufprobleme dazukommen.
  • Aus den Hautschnitten, durch die abgesaugt wurde, können noch tagelang rosafarbenes Wundsekret und Reste von Tumeszenzflüssigkeit auslaufen.
  • Das Kompressionsmieder, das sofort nach dem Eingriff angepasst wird, um die Hautschichten wieder zusammenzupressen, muss tags und nachts getragen werden – oft wochen-, manchmal monatelang. Besonders im Sommer kann das erheblich stören.
  • Mit dem endgültigen Ergebnis ist frühestens nach einem halben Jahr zu rechnen, wenn alle OP-Folgen abgeheilt sind. Häufig müssen weitere Eingriffe folgen.

Ästhetische Risiken

Bei aller Euphorie über die Möglichkeiten der Körperformung vergessen viele Mediziner, die Risiken zu erwähnen, die das Fettabsaugen mit sich bringen kann. Es beginnt schon bei vergleichsweise harmlosen ästhetischen Problemen:

  • Bei ungünstiger Wundheilung bleiben beim Patienten unter Umständen sichtbare Narben zurück, auch wenn die Hautschnitte für die Saugkanülen sehr klein sind.
  • Die Haut kann – manchmal bereits ab Mitte 30 – schlaffer werden.
  • Das Ergebnis ist nicht immer symmetrisch. Hat der Chirurg zu viel, zu wenig oder nicht gleichmäßig abgesaugt, werden möglicherweise weitere Operationen notwendig.
  • Entstehende Dellen und Wellen verziehen sich nicht immer. Cellulite verstärkt sich durch den Eingriff oft.

Statt zur Verschönerung kann es also zu empfindlichen ästhetischen Beeinträchtigungen kommen. Nicht einmal ein Drittel der notwendigen Informationen kam hier von den Operateuren. Recht wortkarg waren sie auch bei wichtigen Basisinformationen, zum Beispiel:

  • Die Silhouette wird sich mitunter nur unwesentlich ändern.
  • Eine erneute Gewichtszunahme an den abgesaugten Bereichen ist durchaus möglich. Schließlich werden nicht alle Fettzellen abgesaugt. Die noch verbliebenen können sich bei falscher Ernährung um ein Vielfaches vergrößern.

OP-Risiken und Komplikationen

Oft „vergessen“ Schönheitschirurgen zu erwähnen, dass es in Einzelfällen zu schweren Komplikationen kommen kann, zum Beispiel zu Fettembolien, Thrombosen, Lungenödemen, Kreislaufzusammenbrüchen, Schockreaktionen, Entzündungen und Beschädigungen von Nerven und Gefäßen. Auch die heutzu­tage hauptsächlich angewandte Operationstechnik, die Tumeszenzmethode, hat ihre Risiken: hohe Infusionsmengen, zu große Mengen abgesaugten Fettgewebes, zu viele verschiedene Eingriffe in einer Narkose, gefährliche Nachwirkungen der eingespritzten Lösung und unzureichende Überwachung besonders nach ambulanten Eingriffen, wenn die Frisch-Operierten wieder zu Hause sind. All das hat schon manchen Patienten in lebensbedrohliche Situationen gebracht.

Todesfälle

Schlimmstenfalls kann man am Fettabsaugen sterben. Der letzte bekannt gewordene Todesfall in Deutschland ereignete sich im vergangenen Sommer in der – auch von uns getesteten – Chiroclinic in Dortmund. Kurz nach unserem Besuch hatte ein Operateur seiner Patientin beim Fettabsaugen den Dünndarm durchlöchert. Hinzu kam eine Infektion mit Gasbrand-Bakterien. Die Klinik wurde daraufhingeschlossen.

Eine Umfrage unter amerikanischen ästhetisch-plastischen Chirurgen spricht von einem Todesfall auf 5 000 Liposuktionen. Hinter vorgehaltener Hand meinen Ärzte, die Dunkelziffer könne noch viel höher sein. Auf jeden Fall muss der beratende Arzt auf das Todesfallrisiko hinweisen. Doch oft herrscht nur vornehmes Schweigen: Nicht einmal jeder sechste Chirurg unserer Untersuchung sprach das Thema überhaupt an.

Fazit: Unsere Untersuchung bringt ein äußerst mageres Ergebnis ans Tageslicht. Kein Schönheitschirurg dieser Stichprobe kommt seiner Verpflichtung zu umfassender Aufklärung über das keineswegs harmlose Fettabsaugen vollständig nach. Ist es Nachlässigkeit, Zeitdruck oder Geschäftsinteresse? Auf jeden Fall haben Interessenten es schwer, sich rundum zu informieren, bevor sie sich für einen Eingriff entscheiden, der ihr Leben stark beeinflussen kann.

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