Von Frühförderung bis Steuernachlass – Behinderte können viele Hilfen von öffentlichen Stellen bekommen. Aber sie müssen sich in einem Wirrwarr von Vorschriften zurechtfinden.

Behinderte können Zuschüsse für ein Auto bekommen. Sie müssen weniger Steuern zahlen. Und sie haben Anspruch auf eine Woche mehr Urlaub im Jahr als ihre gesunden Kollegen. Solche Hilfen können die Nachteile einer Behinderung natürlich nicht ausgleichen. Doch sie sind wichtig, um im Alltag über die Runden zu kommen.

Aber es kostet viel Zeit und Energie herauszufinden, welche Hilfen es gibt und wie man sie bekommt. Bianca Roth* hat schon Übung im Kampf um wichtige Unterstützung. Seit einem Unfall vor 20 Jahren ist die Verlagsangestellte aus Köln schwer gehbehindert und ihr rechter Arm ist gelähmt.

„Niemand kommt und fragt, welche Hilfen man braucht, oder erklärt, welche Ansprüche es gibt“, ist ihre Erfahrung. Behinderte müssen sich nicht nur mit ihren gesundheitlichen Problemen herumschlagen, sondern oft auch mit Behörden und anderen Kostenträgern.

Hartnäckig bleiben lohnt sich

Für Bianca Roth ist die wichtigste Hilfe im Alltag der Parkausweis. Damit kann sie nicht nur Behindertenparkplätze benutzen, sondern den Wagen auch kostenlos an der Parkuhr und sogar im eingeschränkten Halteverbot abstellen.

Andere Hilfen bringen finanziell viel mehr. Finanztest hat die wichtigsten Punkte zusammengestellt.

Steuern: Wegen der außergewöhn­lichen Belastungen, die ein Mensch aufgrund einer Behinderung hat, kann er – oder die Eltern für ein behindertes Kind – einen speziellen Pauschbetrag in der Einkommensteuererklärung geltend machen. Er steigt mit dem Grad der Behinderung. Bei einem Grad von 50 beträgt er derzeit 570 Euro, bei einem Grad von 100 sind es 1 420 Euro. Ist jemand blind, bekommt er einen Freibetrag von 3 700 Euro.

Für Fahrten mit dem Auto zur Arbeit können Behinderte anstelle der Entfernungspauschale 30 Cent pro gefahrenen Kilometer als Werbungskosten abziehen. Diese Steuererleichterung gibt es ab einem Grad der Behinderung von 70 oder mehr oder mit dem Zusatz G im Schwerbehindertenausweis.

Stark gehbehinderte Autofahrer können sich von der Kraftfahrzeugsteuer befreien lassen. Behinderungsbedingte Fahrten können sie zusätzlich in Grenzen als außergewöhnliche Belastung geltend machen.

Arbeitsplatz: In vielen Städten gibt es einen Fahrdienst. Der bringt Behinderte zu ihrem Arbeitsplatz und zurück, wenn sie nicht selbst fahren und auch keine öffentlichen Verkehrsmittel nutzen können. Sie müssen zuvor einen Antrag beim Versorgungsamt stellen.

Behinderte genießen besonderen Kün­digungsschutz und haben eine Woche Zusatzurlaub im Jahr.

Außerdem können sie technische Arbeitshilfen vom Arbeitsamt, vom Integrationsamt und manchmal auch vom Rentenversicherungsträger bezahlt bekommen. Bianca Roth brauchte zum Beispiel eine spezielle Anpassung der Computertastatur.

Rente: Schwerbehinderte können mit 60 Jahren ohne die üblichen Abzüge in Rente gehen. Die Altersgrenze für diese Vergünstigung wird aber für die 1941 oder später Geborenen schrittweise auf 63 Jahre angehoben.

Wohnung: Behindertengerechte Um­bauten an der Wohnung werden gefördert, allerdings meist nur, wenn der Mietvertrag unbefristet ist.

Mobilität und Kommunikation: Im öffentlichen Nahverkehr können Behinderte kostenlos mitfahren, wenn sie den Zusatz G oder H in ihrem Schwerbehindertenausweis haben.

Im Fernverkehr der Deutschen Bahn bekommen sie Ermäßigungen. Ist eine Begleitperson erforderlich, reist diese unentgeltlich mit.

Die meisten Behinderten sind von der Rundfunkgebühr befreit. Auch bei der Telekom können behinderte Menschen Preisnachlässe beantragen.

Für besonders schwere Fälle

Pflegekasse: Insbesondere Schwerstbe­hinderte sind oft pflegebedürftig. Welche Pflegestufe – und damit welche Leistungen – jemand bekommt, hängt davon ab, in welchem Umfang er Hilfe bei den täglichen Verrichtungen des Lebens wie Essen oder Körperpflege braucht. Informationen zu den Leistungen der Pflegeversicherung gibt es bei der Krankenkasse.

Sozialamt: Wenn die Pflegeversicherung nicht zahlt, haben Behinderte unter Umständen Anspruch auf Pflegegeld vom So­zialamt. Dieses gleicht den Leistungen der Pflegekasse, ist aber Menschen mit geringem Einkommen und Vermögen vorbehalten. Die Freibeträge für Einkommen und Vermögen sind in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich.

Grundsicherung: Behinderte haben Anspruch auf eine Grundsicherung, wenn sie ihren Lebensunterhalt we­gen ihrer Behinderung nicht auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt verdienen können. Der Antrag ist meist beim Sozialamt zu stellen. Der Anspruch entfällt nur, wenn unterhaltspflichtige Angehörige ein jährliches Gesamteinkommen von 100 000 Euro oder mehr haben.

Hilfen für behinderte Kinder

Kindergeld: Wenn jemand wegen einer Behinderung seinen Lebensunterhalt nicht selbst verdienen kann, steht seinen Eltern unbegrenzt lange Kindergeld zu. Allerdings nur, wenn die Behinderung vor dem 27. Lebensjahr eingetreten ist.

Frühförderung: Um bei kleinen Kindern die Nachteile einer Behinderung so gut wie möglich auszugleichen, gibt es die Frühförderung. Dazu zählen medizinische Behand­lun­gen wie Krankengymnastik oder Sprachtherapie. Das bezahlt die Krankenkasse.

Außerdem gibt es eine heilpädagogische Förde­rung, die das Sozialamt bezahlt. Diese Leistung des Sozialamts bekommen alle Familien, unabhängig vom Einkommen.

Schulbesuch: Kann ein behindertes Kind eine normale Schule besuchen, übernehmen die Sozialämter alle Kosten, die entstehen, um einen Schulbesuch zu ermöglichen, zum Beispiel für Fahrten mit Spezialbussen.

Wohnheim: Werden volljährige Behinderte in einem Wohnheim untergebracht, übernehmen die Sozialämter den größten Teil der Kosten. Unabhängig vom Einkommen oder Vermögen müssen die Eltern höchstens 26 Euro im Monat zuzahlen.

Nicht für jeden dasselbe Amt

Je nach Bundesland und Lebenssituation des Antragstellers können unterschiedliche Stellen für dieselbe Leistung zuständig sein. Einen Zuschuss zur behindertengerechten Ausstattung ihres Autos bekam Bianca Roth als Studentin in Nordrhein-Westfalen zum Beispiel vom Landschaftsverband. Ein Auszubildender bekäme das Geld nicht dort, sondern vom Arbeitsamt.

Und wie findet Bianca Roth sich in diesem Wirrwarr zurecht? „Ich habe reihenweise Ablehnungen kassiert und trotzdem nicht aufgehört, den Kostenträgern auf die Nerven zu gehen.“

* Name von der Redaktion geändert.

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