Behandlung mit Antibiotika Meldung

Antibiotika werden zu häufig eingesetzt – auch bei Kindern. Oft sind sie gar nicht erforderlich. Folge: Wertvolle Wirkstoffe drohen wirkungslos zu werden.

Es ist erst gut 60 Jahre her, dass Lungenentzündung oder Wundbrand ein lebensbedrohliches Risiko darstellten. Mit antibiotischen Arzneimitteln sind seither Millionen Menschen gerettet worden. Nun aber gibt es Probleme:

  • Antibiotika werden zu häufig angewendet, auch bei Kindern. Dort sind sie oft entbehrlich oder gar nicht angezeigt.
  • Immer öfter werden gefährliche Erreger gegenüber Antibiotika unempfindlich, sogar gegenüber „Reservemedikamenten“, die im Notfall eingesetzt werden sollen, weil sie bei schweren Infektionen noch Wirkung entfalten, wenn Standardmedikamente versagen. Auch die „Reserve“ wird ohne Not immer öfter verordnet.

Antibiotika – nicht immer notwendig

Beispiel Kinder: Jedes Kind bis zehn Jahre erhielt im Jahr 2004 rein rechnerisch eine einwöchige Antibiotikatherapie. Berücksichtigt man frühere Untersuchungen, nach denen nur etwa die Hälfte der Kinder pro Jahr überhaupt antibiotisch behandelt wird, wurden mehr als drei Millionen Kinder im Durchschnitt knapp zwei Wochen mit Antibiotika behandelt. Die Notwendigkeit einer Antibiotikatherapie ist oft fraglich. Forscher stellten fest: Antibi­otika haben bei einer Mittelohrentzündung nur hinsichtlich der Schmerzen in den ersten zwei bis sieben Behandlungstagen einen geringfügigen Vorteil gegenüber einer Therapie mit Scheinmedikamenten (Placebos). In dieser Zeit heilen 80 Prozent der häufig durch Viren verursachten akuten Mittelohrentzündungen spontan aus. Antibiotika wirken gegen Bakterien, nicht gegen Viren.

Kritisch ist hier auch das Verhältnis von Nutzen und Risiken zu sehen: Neben der Verbesserung der Schmerzsituation treten unter Antibiotika etwa in gleicher Häufigkeit unerwünschte Wirkungen wie Durchfall, Erbrechen und Übelkeit auf. Dennoch werden hierzulande fast alle akuten Mittelohrentzündungen bei Kindern mit Antibiotika behandelt – etwa dreimal so häufig wie in den Niederlanden. Dabei ist eine ärztliche Leitlinie für die Therapie bei akuter Mittelohrentzündung für Kinder zurückhaltend formuliert: „... kann ohne Antibiotika behandelt werden, wenn keine erschwerenden Umstände vorliegen und Eltern und Arzt gut zusammenarbeiten“. Eltern sind in die ärztliche Therapieentscheidung einzubeziehen, Nutzen und Risiken der verschiedenen Therapiemöglichkeiten sollten besprochen und abgewogen werden.

Atemwegsinfektionen

Systematische Übersichtsarbeiten zeigen, dass der Einsatz von Antibiotika bei Atemwegsinfektionen wie akuter Bronchitis, akuter Nasennebenhöhlenentzündung, bei Halsschmerzen oder Schnupfen sowie allgemeiner Erkältungserkrankung in der Regel nicht angezeigt ist.

In diesen Fällen wurde in den bisher verfügbaren klinischen Untersuchungen keine oder nur eine sehr geringe Überle­genheit der Antibiotika im Vergleich zu einer Behandlung mit Placebos nachgewiesen. Mehr als 80 Prozent der Fälle von akuter Entzündung der Bronchien sowie die meisten Rachenentzündungen werden durch Viren verursacht, bei denen die Therapie mit Antibiotika, die gegen Bakterien wirken, unwirksam ist. Dennoch scheinen in 80 Prozent der Erkältungsfälle Antibiotika verschrieben zu werden.

Es heißt, dass Ärzte häufig mit der Verordnung von Antibiotika die Erwartungshaltung von Patienten bedienten. Festgestellt wurde in der Tat, dass mehr als
90 Prozent der Patienten, die eine Antibiotikaverschreibung wünschten, auch ein Rezept erhielten – zum Teil wider besseres Wissen des verschreibenden Arztes.

Eine weitere aktuelle Studie zeigt, dass Antibiotika keinen Nutzen bei akuter Bronchitis haben: Ihr Einsatz hatte keinen wesentlichen Einfluss auf die Dauer des Hustens oder dessen Schweregrad sowie auf die Häufigkeit von Krankheitssymptomen wie Atembeschwerden, Auswurf und allgemeines Krankheitsgefühl. Dass ein nicht indikationsgerechter Einsatz von Antibiotika auch in Deutschland eine Rolle spielt, legt zum Beispiel eine Gegenüberstellung von Arztbesuchen aufgrund von Atemwegsinfektionen und den dazugehörigen Verordnungszahlen in der Erkältungssaison zwischen Januar 2001 und April 2002 nahe. So gibt es Hinweise, dass die gegenüber Bakterien hochwirksamen Medikamente auch nennenswert bei virusbedingter Grippe verordnet werden.

Reserven für den Notfall

Der massenhafte und ungezielte Einsatz von Antibiotika hat zur Folge, dass Bakterienstämme immer mehr und immer schneller gegenüber Standardantibiotika widerstandsfähig werden, Resistenzen entwickeln. Wenn Standardantibiotika nicht mehr wirken, werden „Reserveantibiotika“ eingesetzt. Meist handelt es sich um neuartige Wirkstoffe, gegen die bisher noch kaum Resistenzen bestehen. Hierzu zählen auch Substanzen oder Wirkstoffe mit einem spezifischen Wirkprofil gegen bestimmte Erreger:

  • Staphylokokkenpenicilline/Oralcephalosporine (wie Amoxicillin mit Clavulansäure, Cefaclor, Cefpodoxim, Cefadroxil, Cefixim, Cefuroximaxetil),
  • neuere Makrolide und Ketolide (wie Roxithromycin, Clarithromycin, Azithromycin oder Telithromycin), Chinolone (Gyrasehemmer) und
  • Lincosamide/Streptogramine/Fusidinsäure (wie Clindamycin).

Die Waffen werden stumpf

Doch auch die Waffen gegen gefährliche Infektionen werden stumpf: Während im vergangenen Jahr Antibiotikaverschreibungen auf hohem Niveau leicht zurückgingen, stieg der Anteil der Reserveantibi­otika an den Verordnungen deutlich an. Mehr als jede dritte Antibiotikaverordnung ging an einen Wirkstoff, der erst eingesetzt werden soll, wenn Standardwirkstoffe nicht ausreichend wirken.

Auch hier muss das Verschreibungsverhalten ambulant tätiger Ärzte kritisch hinterfragt werden, stellt das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) fest. So entfallen schon rund 80 Prozent aller Verordnungen aus der Wirkstoffklasse der Makrolide auf neuere Verbindungen wie die antibiotischen Wirkstoffe Roxithromycin, Clarithromycin, Telithromycin und Azithromycin. Gegenüber der bekannten Leitsubstanz Erythromycin unterscheiden sie sich in ihrer klinischen Wirksamkeit nicht sehr. Deshalb wird empfohlen, bei Standardindikationen statt Antibiotika aus der Gruppe der Makrolide Standardtherapeutika wie Basis-penicilline in Betracht zu ziehen:

  •  Aufgrund der bestehenden und ansteigenden Resistenzrate von Pneumokokken gegenüber dem Wirkstoff Erythromycin, wegen der Kreuzresistenz zu neueren Verbindungen in dieser Gruppe sowie der Gefahr einer zunehmenden Resistenz von A-Streptokokken gegenüber Makroliden wird ebenfalls eine zurückhaltendere Verordnung angemahnt.
  • Empfohlen werden Standardantibiotika wie Basispenicilline. Sie haben hierzulande nur geringe Resistenzprobleme.

Ein weiteres Problem besteht bei den Chinolonen. So erhalten über 70 Jahre alte Patienten im Rahmen einer Antibiotikatherapie nach Basispenicillinen am häufigsten Chinolone wie zum Beispiel Avalox, ebenfalls wichtige Reservemittel. Dabei ist besonders bei diesen Patienten mit einer erhöhten Rate von unerwünschten Wirkungen auf das Herz zu rechnen. Chinolone können rasch die Blut-Hirn-Schranke überwinden, zu zentralen Störungen wie Schwindel und Verwirrtheit führen. Auch sie gehören zu jenen Reserveantibiotika, gegen die Bakterien offensichtlich schneller resistent werden.

Die Reserven schonen

Reservemittel sollten geschont werden. Häufig ist „älteren“, gut wirksamen Substanzen der Vorzug zu geben. „Nur wenn Antibiotika nicht mehr unnötig eingesetzt werden und die Mittel der Reserve zurückhaltender vom Arzt verordnet werden, stehen unseren Kindern auch in Zukunft noch wirksame Antibiotika zur Verfügung“, so der Forschungsbereichsleiter Helmut Schröder vom WIdO. Und das kann im Ernstfall Leben retten.

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