Barrierefreies E-Learning – ein Beispiel aus der Praxis

Barrierefreies E-Learning Special

Diese Grafik lässt sich vergrößern. Sie zeigt einen Screenshot des preis­gekrönten barrierefreien Lern­programms der Allianz AG.

Die Grafik zeigt, wie das Lern­programm optische Informationen für sehbehinderte und blinde Menschen hörbar macht. Es wird nicht nur der in der Grafik enthaltene Text vorgelesen, sondern auch genau erklärt, was zu sehen ist – und welchem Zweck die Grafik dienen soll.

Barrierefreie E-Learning-Angebote für die berufliche Weiterbildung sind noch Mangelware. Digitales Lernen für den Beruf findet in barrierefreier Form jedoch schon in einzelnen Betrieben statt. Die Allianz AG zum Beispiel hat ein solches Angebot für ihre Belegschaft maßschneidern lassen. Der Versicherungs­konzern wurde jetzt auf der Bildungs­messe Didacta in Stutt­gart für sein barrierefreies, inter­aktives Lern­skript zum Thema Sach­versicherung mit dem eLearning Award 2014 ausgezeichnet.

„Mein Computer spricht mit mir“

Andreas Müller arbeitet bei der Allianz. Er muss sich für den Job immer wieder weiterbilden. Dazu stellt die Firma ihren Mitarbeitern inter­aktive Lern­skripte zur Verfügung. Bis vor Kurzem konnte Andreas Müller die allerdings nicht nutzen: Er ist blind – und das firmen­eigene E-Learning-Material war nicht barrierefrei. Das hat sich jetzt geändert: Die Hürden für blinde, sehbehinderte, hörgeschädigte oder gehörlose Beschäftigte wurden abge­baut. Etwa ein halbes Jahr hat die Allianz mit der Firma Inside aus Aachen, einem Dienst­leister für E-Learning-Angebote, daran gearbeitet. Müller freut sich: „Die Möglich­keit, mich barrierefrei fort­zubilden, gab es vorher nicht. Nun kann ich eigen­ständig lernen. Das geht so: Mein Computer spricht mit mir. Über die Sprach­ausgabe, den Screenreader, werden mir Texte vorgelesen und Grafiken, Tabellen und Schau­bilder akustisch erklärt.“ Mit dem Skript komme er gut zurecht, und das Lernen mache Spaß.

Ein Lern­skript für alle

Audio
Audio abspielenLautstärke einstellen

Der test.de-Podcast zum Special „Barrierefreies Lernen“

Mit dem nun preis­gekrönten Lern­skript können sich Mitarbeiter Fachwissen selbst­ständig erarbeiten, in Lern­einheiten von zehn bis zwanzig Minuten Dauer. „Das Lernen soll moti­vieren und Freude machen“, sagt Inside-Geschäfts­führer Patrick Blum. Deshalb wurde auf Abwechs­lung Wert gelegt: Es gibt Texte, Grafiken, Animationen und viele praxis­nahe Elemente, Übungen sowie Aufgaben zur Erfolgs­kontrolle. Jeder kann lernen, wo und wann, so schnell, oft und lange er will. Das Skript ist so konzipiert, dass es sowohl von Menschen mit als auch von solchen ohne Handicap genutzt werden kann. Die Lernziele sind die gleichen, nur die Hand­habung unterscheidet sich. Seit das Lern­skript barrierefrei ist, kann es zum Beispiel allein über die Tastatur gesteuert werden, alle Abbildungen haben alternative Beschreibungen, die mit Worten erklären, was im Bild zu sehen ist.

Auto­matisches Umschalten auf den barrierefreien Modus

„Das System erkennt, ob das Programm über ein Hilfs­mittel wie den Screenreader angesteuert wird und schaltet auto­matisch auf den barrierefreien Modus um“, erklärt Michaela Hagmeyer, Abteilungs­leiterin der Allianz Innen­dienst Akademie. Das baue Hemm­schwellen ab, niemand müsse extra bei der Personal­abteilung den Zugang zum barrierefreien E-Learning erbitten. „Mein Ziel ist: Alle Mitarbeiter sollen an den Qualifizierungen teilnehmen und sich im Job weiter­entwickeln können“, sagt sie. Die verliehene Auszeichnung macht Hagmeyer stolz, aber auch das positive Feedback der Mitarbeiter ist großer Ansporn.

Als Nächstes kommen Lernkarten und webbasierte Trainings

Es gibt schon weitere Projekt­ideen: Als Nächstes stehen webbasierte Trainings und inter­aktive Lernkarten auf dem Programm. Dafür arbeitet Hagmeyer weiter mit Inside zusammen. Die Firma mit 68 Mitarbeitern erstellt E-Learning-Programme, seit neuestem auch barrierefrei. Sich in einen Menschen mit Handicap hinein­zudenken und zu über­legen, was er brauche, damit er E-Learning für den Beruf nutzen könne, sei eine Heraus­forderung gewesen, erklären Hagmeyer und Blum unisono. Beide haben durch das Projekt neue Einsichten gewonnen und das Thema barrierefreie Bildung für sich entdeckt. „Es ist wichtig, der Markt existiert auch, nur die Angebote sind gering. Wir machen auf jeden Fall weiter“, sichert Patrick Blum zu.

Dieser Artikel ist hilfreich. 26 Nutzer finden das hilfreich.