Bahnpreise Meldung

Städtetourismus boomt ­ doch in vielen Zügen bleiben Plätze frei. Hohe Preise und schlechte Infos über Sonderangebote vergraulen potenzielle Kunden. Ärgerlich, denn in Wahrheit gibts viele schöne und preiswerte Bahntouren.

Oma Edeltraut aus Bad Pyrmont will ihre Enkel in Berlin besuchen. Laut Bahnauskunft soll sie zweimal umsteigen ­ und viel bezahlen: Denn der Ticketverkäufer vertraut seinem Computer und schickt Oma Edeltraut ab Hannover in den ICE. Preis für die einfache Fahrt: 121 Mark. Verschwiegen wird die fast ebenso schnelle Verbindung mit dem Interregio-Zug, die 29 Mark billiger ist. Hin und zurück brächte diese Alternative eine Ersparnis von 58 Mark ­ viel Geld für eine Rentnerin. Doch als sie in Berlin zumindest die Rückfahrkarte umtauschen will, wird dafür sogar noch eine Gebühr verlangt.

Bescheidener Service, hohe Preise, schlechte Beratung, wenig Kulanz ­ kein guter Zug der Bahn. Hätte Oma Edeltraut in Berlin nicht ihre Enkel besucht, sondern die Internationale Tourismusbörse (ITB), wäre ihr klar geworden: Verantwortlich für die Ärgernisse sind nicht nur einzelne Fahrkartenverkäufer, sondern auch das Bahnmanagement.

In jedem Frühjahr versuchen die Tourismusveranstalter auf der ITB, die Kundschaft mit dem Auto, Flugzeug, Zug, Fahrrad oder Schiff in den nächsten Urlaub zu locken. Was die Deutsche Bahn (DB) in diesem Jahr als Alternative zu Südsee und Mittelmeer präsentierte, war enttäuschend wenig. Statt attraktiver Angebote für viele Kunden stellte sie Merkwürdigkeiten für Minderheiten vor: einen Getränkeservice in der DB-Lounge in Frankfurt/Main, ein Bonusprogramm für Fahrgäste in Sprinterzügen (davon gibt es aber nicht viele, als Bonus winken auch Flugreisen!), eine neue Klasse für den Luxuszug Metropolitan. Allen Ernstes verwies die Bahn vor der Presse sogar auf eine Busverbindung zwischen Bremen und Cuxhaven als Ersatz für gestrichene Interregio-Züge. Auch die Botschaft, dass die milliardenteuren ICE-Züge höhere Umsätze einfahren, kann kaum begeistern. Aus Kundensicht kommt da wenig Freude auf. Wenn die Fahrgäste in die teuren Züge geradezu hineingezwungen werden, indem man in andere Züge wenig investiert, sie aus dem Fahrplan streicht oder totschweigt, ist das nicht erstaunlich. Nicht nur Oma Edeltraut würde auf das schmucke ICE-Design dankend verzichten, wenn sie dafür im Gegenzug preiswert und ohne umzusteigen reisen könnte.

Licht im Tarifdschungel

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Glück für die Bahnkunden: Die Attraktivität der DB-Pressekonferenz ist nicht repräsentativ für das DB-Angebot. Die Stiftung Warentest durchforstet regelmäßig den Tarifdschungel auf der Suche nach günstigen Angeboten. Und: Wir sind auch diesmal fündig geworden. Aber wie sieht die Praxis aus? Ob und wie die Ticketverkäufer über die preiswerten Spezialangebote informieren, haben wir an 16 Schaltern in Hannover, Hamburg, Bremen und Berlin recherchiert. Das Ergebnis ist nicht repräsentativ, doch die Erfahrungen der Testkunden geben zum Teil Anlass zur Sorge:

- Die einfache Beratung für die Reise von vier Personen nach Budapest meisterten alle Verkäufer. Überall nannte man uns den "Sparpreis Ungarn", bei dem die Mitfahrer nur den halben Preis zahlen.

- Auf das günstigste Sonderangebot "Paris spezial" wies uns hingegen niemand hin. Die Spanne der genannten Preise reichte von 314 bis 458 Mark. Der niedrigste Preis von etwa 250 Mark blieb an allen Schaltern unerwähnt.

- Die Bahnfahrt ins tschechische Karlovy Vary ist zwar etwas umständlich, aber das gilt oft sowohl für Fern- als auch für Nahverkehrszüge. Bei Letzteren ist zumindest der Preis reizvoll. Mit dem Wochenend-Ticket, das auch auf vielen tschechischen Strecken gilt, sind es nur 40 Mark. Für eine Fahrt ab Berlin schwankten die Preisangaben für die Hin- und Rückfahrt von zwei Personen zwischen 80 Mark (für zwei Wochenend-Tickets) und 343,60 Mark.

- Die neuen TEE-Familienfahrkarten für Reisen nach Österreich und in die Schweiz waren bei unseren Recherchen Ende März vielen Verkäufern noch recht unbekannt, obwohl sie seit 1. April gelten. Nur einmal hätten wir für die Reise von Stuttgart nach Zürich einen günstigen TEE-Preis von 100 Mark zahlen dürfen (als Familie mit Bahncard). Ansonsten bewegten sich die genannten Preise zwischen 271,20 Mark und 528 Mark (Familien-Sparpreis Schweiz).

Schnäppchenpreise für Familien

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Kein Wunder, dass die neuen günstigen TEE-Familienangebote in die Schweiz und nach Österreich bislang so wenig bekannt sind: Auch auf der ITB-Pressekonferenz verkaufte man dieses tolle Angebot weit unter Wert. Fakt ist: Für viele Familien war Bahnurlaub ins südliche Ausland noch nie so günstig wie heute. Vor allem, wenn Erwachsene gemeinsam mit mehreren ­ kostenlos auf TEE-Familienkarte mitfahrenden ­ eigenen Kindern auf Tour gehen .

Wie nötig attraktive Auslandssparpreise der Bahn sind, um die Kunden vom Auto oder Flieger in die Züge zu locken, zeigt das Beispiel Großbritannien. Dank Kanaltunnel und schneller Züge wäre zum Beispiel London jetzt auch für viele deutsche Bahnreisende in wenigen Stunden via Brüssel erreichbar. Aber: Die Preise liegen so hoch, dass Billigflüge konkurrenzlos günstiger sind. Hier betreiben europäische Bahngesellschaften eine Hochpreispolitik zulasten der Verbraucher ­ und gefährden ihre eigenen Zukunftschancen. Familien, die einen preiswerten Bahnurlaub suchen, sollten in diesem Jahr besser nach Süden reisen.

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