Die gute Nachricht zuerst: Günstig Bahn fahren ist möglich. Aber: Die billigsten Tickets verkauft die Deutsche Bahn oft nur auf Nachfrage – oder gar nicht.

Der Berliner Reinhard K. wollte zusammen mit seinem Bruder am übernächsten Tag die kranke Mutter in Büchen besuchen und umweltbewusst per Zug in den 240 Kilometer entfernten Ort reisen. Doch der Anruf bei der Auskunft der Deutschen Bahn (DB) schockierte ihn: „Das kostet 214 Euro“, meinte die Dame und konnte für den Tagesausflug keine anderen Lösungen als Wege mit ICE oder IC über Hamburg nennen.

Im normalen Leben hätten Reinhard K. und sein Bruder nach dieser Auskunft wahrscheinlich das Auto gewählt. Entweder das eigene oder einen Mietwagen. Mit einem Auto des DB-Carsharing wären sie für etwa 114 Euro gefahren. Jedenfalls nicht mit dem teuren Zug.

Doch Reinhard K. war kein normaler Kunde, sondern einer unserer Tester. Und als solcher erkundigte er sich auch anderswo und machte bessere Erfahrungen. Zum Beispiel fragte ihn am Berliner Bahnhof Zoo eine nette Ticketverkäuferin, ob er preisgünstiger und ohne ICE reisen wolle, und präsentierte dann einen um 75 Prozent niedrigeren Preis: rund 50 Euro.

Die Schlüssel zum billigen Bahnfahren heißen in diesem Fall Brandenburg- und Mecklenburg-Vorpommern-Ticket (gilt auch für die Strecke nach Hamburg, an der Büchen liegt). Diese günstigen Ländertickets standen beim ersten unserer fünf Testbeispiele im Mittelpunkt. Ob die Angebote empfohlen werden, prüften wir anhand von 18 Teststrecken mit durchschnittlicher Luftlinien­entfernung von 190 Kilometern. Für Reisen mit Zügen des Fernverkehrs (ICE, IC) waren für diese Tagesausflüge im Mittel „Normalpreise“ in Höhe von etwa 175 Euro fällig. Die Alternative mit zwei Ländertickets kostete rund 50 Euro – allerdings in Regionalzügen. Wenn die Fernzugverbindungen im Vergleich dazu zwar durchschnittlich 25 Prozent schneller, andererseits aber 250 Prozent teurer sind, wäre das eine Erwähnung wert gewesen. Die längere Fahrzeit in Regionalzügen erspart umgerechnet pro Stunde und Person rund 30 Euro – ein stolzer „Stundenlohn“.

Für Bahnkunden werden Regionalzüge immer öfter auch im Hinblick auf die Reisequalität zur echten Alternative zum ICE und IC: Bei unserem Test von Regionalbahnen (7/03) gab es viele gute Noten. Seit die Bundesländer Verkehrsleistungen aus­schreiben und die Konkurrenz zunimmt, hat sich vieles verbessert.

Die DB-Manager hingegen haben ihren Fernverkehr zum Teil aufs Abstellgleis manövriert. Preisgünstige Interregios wurden gestrichen. Das Angebot konzentriert sich immer mehr auf teure ICE-Züge. Im vergangenen Jahr wurden die Preise gleich zweimal erhöht. Schlimmer noch: Durch die Streichung des Mitfahrerrabatts verteuerten sich manche Tickets sogar um mehr als 70 Prozent.

Die Folge: Wollen mehrere Personen kurzfristig gemeinsam einen Tagesausflug machen, ist der DB-Fernverkehr oft weder mit den Regionalzügen noch mit dem Auto (in dem der „Mitfahrerrabatt“ fast 100 Prozent beträgt) konkurrenzfähig.

Bahncard-25-Kunden profitieren derzeit von einer Schonfrist. Sie kommen noch bis Mitte Dezember in den Genuss des Mitfahrerrabatts. Der Kauf des Plastikkärtchens macht sich deshalb mitunter schon bei einer einzi­gen Reise bezahlt. Ob dieser wertvolle Spartipp die Kundschaft erreicht, untersuchten wir im zweiten Testbeispiel. Mit erschreckendem Ergebnis. Obwohl sich der Bahncard-Kauf hier schon bei der ersten Reise sofort bezahlt gemacht hätte, brachten nur wenige Berater diesen Tipp über ihre Lippen.

Lieber verkaufen die Bahner Sparpreise. Einige Male wurden diese Ermäßigungen unseren Testern geradezu aufgedrängt, obwohl diese sich ihren Rückreisezeitpunkt offen halten wollten. Dieser Wunsch ist mit einem Sparpreis-Ticket aber nicht erfüllbar, denn es gilt nur für eine einzige, vorher fest gebuchte Zugverbindung. Spätere Änderungswünsche kommen den Kunden teuer zu stehen.

Billig reisen muss nicht langsam sein

Mehrmals erhielten unsere Tester keine optimalen Auskünfte, weil die Verkäufer das Streckennetz und die Zuglinien zu wenig kannten, blindlings ihrem Computer vertrauten – und mit ihm oder an ihm scheiterten:

  • Beim dritten Beispiel (Berlin–Bad Pyrmont) empfahlen die Verkäufer spontan vor allem den teuren ICE, obwohl alternativ eine günstige IC-Linie verkehrt und diese Reise nur elf Minuten länger dauert.
  • Von Köln nach Kassel (viertes Beispiel) sollten die Kunden oft via Frankfurt/Main oder Hannover reisen, obwohl klar sein müsste, dass dies teure Umwege sind.
  • Auch der fünfte Test (zu Sparpreisen) offenbarte mehrmals mangelhafte Kenntnisse des Streckennetzes. So empfahl nicht nur ein Bahner für die Rückfahrt von Ehingen aus den Umweg über Lindau.

Reisebüros auch nicht besser

Dass der Kunde Sachkunde finden kann, bewies ausgerechnet ein Reisebüro. In der Berliner Bahnagentur Kopfbahnhof bat der Verkäufer unseren Tester zunächst zur Streckennetz-Landkarte und hatte dann keine Probleme, optimale Sparpreis-Tickets zu verkaufen. Allerdings endete eine andere Reisebüroberatung damit, dass die Verkäuferin verzweifelt resignierte und den Kunden zum Bahnhof schickte. Unterm Strich fielen die Ergebnisse unserer exemplarischen Tests von 15 Reisebüros nicht besser aus als bei der Bahn.

Fazit: Unser Test ist zwar nicht repräsentativ, aber er zeigt deutlich: Viel zu oft riskieren die Kunden, dass ihnen die Bahn unnötig teure Tickets verkauft. Ursache ist weniger die Fehlleistung einzelner Verkäufer, sondern deren mangelnde Unterstützung. Ärgerlich, dass es die Computersoftware (auch im Internet) bis heute nicht schafft, billigste Reisevarianten auf Anhieb oder mit einer „Bester-Preis-Funktion“ anzuzeigen. Da diese Kritik nicht neu ist, stellt sich die Frage: Nehmen DB-Manager die für Kunden teureren Varianten billigend in Kauf?

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