Bahnpreise Meldung

Bahnfahren zum Normaltarif ist teuer. Oft so teuer, dass viele Reisende am Ende Auto oder Billigflieger nehmen. Jetzt plant die Bahn ein neues Preissystem. Stellt sie die Weichen richtig?

Wollen Sie auch nach Frankfurt fahren? Ja, dann könnten wir doch gemeinsam ..." Was heute viele als plumpe Anmache deuten würden, dürfte in Zukunft öfter auf offene Ohren treffen. Die Bahn machts möglich. Nach ihren Plänen sollen Ermäßigungen für Mitfahrer so attraktiv werden wie nie. Während bislang der 50-prozentige Mitfahrerrabatt nur für gemeinsame Hin- und Rückfahrten gilt, ist er künftig auch für die einfache Fahrt vorgesehen.

Dass die Deutsche Bahn (DB) auf diese Art Zufallsbekanntschaften subventioniert, wird sie verkraften können. Viel entscheidender für das Unternehmen ist, dass es endlich ­ wenn auch sehr spät ­ auf die Konkurrenz des Autos reagiert. Denn bei Fahrten mit der eigenen Blechkiste kosten Mitfahrer nichts extra ­ abgesehen von geringfügig mehr Sprit.

Die neuen Niedrigpreise für Mitfahrer sollen diesen Konflikt zumindest mildern. Der Clou: Den Rabatt fürs Gemeinsamreisen gibts nicht alternativ zu anderen Ermäßigungen wie der Bahncard, sondern als Zugabe obendrauf. Für Paare und Kleingruppen bietet das neue Preissystem so mehr Anreize, der Schiene den Vorzug vor der Straße zu geben.

Tipp:

Auch schon heute bietet die Bahn einige Tarife, die sich besonders lohnen, wenn Sie Freunde und Bekannte zum Mitreisen gewinnen. Das Angebot reicht vom Schönes-Wochenende-Ticket bis zu den Sparpreisen.

Familienfreundlich?

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Reisen mit kleinen Kindern werden billiger - älteren Sprösslingen drohen zum Teil Verschlechterungen.

Mehr Familienfreundlichkeit gehörte immer wieder zu den wichtigsten Forderungen, wenn sich test-Leser bei uns Luft über ihren Ärger mit der Bahn machten. Einiges wurde bereits verbessert. Das neue Preissystem bietet Chancen, diese für die Zukunft der Bahn so wichtige Zielgruppe immer öfter zum Einsteigen zu gewinnen.

Doch bislang ist dies nur halbherzig vorgesehen. Familien werden zwar in den Genuss der Mitfahrerermäßigung kommen. Und Kinder und Enkelkinder bis 14 Jahre, die mit Eltern oder Großeltern gemeinsam reisen, sollen sogar zum Nulltarif mitfahren. Doch ein echter Fortschritt ist das längst nicht immer. Denn für viele Familien drohen Verschlechterungen im Vergleich zu den derzeitigen Top-Angeboten.

Tipp:

Heute ermöglichen die attraktiven ICE-Familiensparpreise (ab 249 Mark) bei allen Fahrten, dass Kinder und Enkel bis zum Alter von 17 Jahren kostenlos mit Eltern und Großeltern hin- und zurückreisen dürfen. Dies gilt auch für viele Reisen ins Ausland sowie für Ausflüge mit dem Wochenend-Ticket.

Derzeit plant die Bahn hier massive Verschlechterungen. Schon in diesem Herbst sollen die ICE-Familiensparpreise ins Ausland gestrichen werden. Und auch über die Abschaffung des Wochenend-Tickets wird wieder einmal laut nachgedacht. Aus Kundensicht kann sich da der Verdacht aufdrängen, dass man attraktive Angebote jetzt aus taktischen Gründen klammheimlich beseitigt, um später das neue Preissystem als Wohltat präsentieren zu können.

Kahlschlag im Tarifdschungel

Ein anderes Ärgernis, das wir bei unseren Tests immer wieder kritisierten: Der Tarifdschungel ist selbst für Mitarbeiter der Bahn so schwer zu durchschauen, dass nicht wenige Ticketverkäufer zu teure Fahrkarten verkaufen. Der Grund: Die Zahl der Spezialangebote ist groß und die meisten Rabatte lassen sich nicht kombinieren. Wer schlecht beraten wird, reist teuer.

Künftig will die Bahn den Tarifdschungel lichten. Dabei werden aber auch beliebte Angebote wie das Guten-Abend-Ticket oder die Sparpreise dem Kahlschlag zum Opfer fallen. Stattdessen soll es künftig Grundpreise geben, die nicht nur von der Entfernung abhängen, sondern auch vom Angebot auf der jeweiligen Relation (ICE, EC/IC, Nahverkehr).

Außerdem will man drei Sonderpreise anbieten, die die Grundpreise um 10, 25 oder 40 Prozent ermäßigen. Zudem sprechen die Bahner von "degressiven" Preisen: Lange Strecken sollen pro Kilometer etwas weniger kosten als kurze. Dies klingt zwar kundenfreundlich, doch da für Rückfahrten keine weiteren Ermäßigungen vorgesehen sind, drohen bei langen Reisen quer durch Deutschland oder ins Ausland möglicherweise Preiserhöhungen (konkrete Zahlen hat die DB noch nicht veröffentlicht).

Tipp:

Heute kann man auf langen Strecken mit den pauschalen Sparpreisen für Hin- und Rückfahrt günstig reisen, wenn man übers Wochenende unterwegs ist (Supersparpreis ab 199 Mark). Mitfahrer zahlen die Hälfte. Fahrtunterbrechungen sind möglich.

Lange Bahnreisen sind für viele Kunden ohnehin eine Qual. Damit die Fahrgäste nicht in den Billigflieger umsteigen, wird die Bahn Langstreckenpreise "deckeln" müssen ­ wie sie es bei den guten alten Sparpreisen (auch ins Ausland) erfolgreich getan hat.

Sonderpreise nicht für jeden

Die neuen Sonderpreise bieten den großen Vorteil, dass sie sich mit der Bahncard kombinieren lassen und dann in der Summe sogar Grundpreisermäßigungen von 33, 44 oder 55 Prozent ermöglichen ­ zusätzlich zur Mitfahrerermäßigung. Doch in der Praxis werden längst nicht alle Kunden per Billigstpreis zum Zuge kommen. Dafür sorgen etliche Hindernisse, mit denen die Planer der Bahn vor allem eine bessere Auslastung der Züge erreichen wollen:

- Die Sonderpreise erhält nur, wer sie mindestens sieben Tage (für 40 Prozent Ermäßigung), drei Tage (25 Prozent) oder einen Tag (10 Prozent) vorher kauft. Die Sparpreise 2 und 3 gelten nur bei gleichzeitigem Kauf der Rückfahrt, beim Sparpreis 3 ist diese frühestens am Sonntag nach der Hinreise zulässig.

- Alle Sonderpreise sollen künftig "zuggebunden" sein. Man muss sich also schon beim Kauf auf ganz bestimmte Zugverbindungen an einem ganz bestimmten Reisetag festlegen. Nur bei Verspätungen dürfen die Kunden in andere Züge steigen. Die Möglichkeit zu Fahrtunterbrechungen soll eingeschränkt werden. Und Sitzplatzreservierung soll man weiterhin extra bezahlen.

- Die Sonderpreise sind kontingentiert. Ist pro Zug eine bestimmte Anzahl verkauft (10 bis 100 Prozent der Plätze), muss der Kunde mehr zahlen oder einen anderen Zug wählen. Wer auch in den Hauptreisezeiten (zum Beispiel am Freitag- oder Sonntagnachmittag) billig reisen möchte, muss sich zur Sicherheit schon Wochen vorher festlegen.

- Umbuchen oder Umtausch ist möglicherweise nur innerhalb der jeweiligen Vorverkaufsfrist möglich ­ und wahrscheinlich nur für eine happige Gebühr. Wer seine Reisepläne erst am Reisetag ändert, soll kräftig draufzahlen müssen. Im Extremfall könnte das ursprünglich gekaufte Ticket dann sogar wertlos sein.

Hauptkonkurrent der Bahn ist das Auto. Und das lässt sich nun einmal so spontan und flexibel nutzen wie kein anderes Verkehrsmittel. Verschlafen und eine halbe Stunde später starten ­ kein Problem. Unterwegs anhalten und eine längere Pause machen ­ kein Problem. Einen interessanten Geschäftstermin in die Länge ziehen und erst etwas später heimfahren ­ kein Problem. Den Besuch bei der Freundin über Nacht ausdehnen und erst am nächsten Morgen zurückreisen ­ auch kein Problem. Beim Versuch, mehr Kunden für die Schiene zu begeistern, würden zu harte Umtauschbedingungen für die Sonderpreis-Tickets als Hemmschuh wirken.

Besonders problematisch: Der Bahncard-Rabatt sinkt generell von 50 auf 25 Prozent. Auch bei Reisen zum teuren Grundpreis sollen die Stammkunden mit ihrem Ermäßigungskärtchen nur ein Viertel weniger zahlen.

Als kleines Trostpflaster sieht das DB-Konzept vor, die Preise für die Bahncard drastisch zu senken ­ von derzeit 270 Mark (1. Klasse: 540 Mark) auf 60 Euro (1. Klasse: 150 Euro). Familienfreundlich: Partner und Kinder bis 17 Jahre sollen als Zugabe gegen eine Bearbeitungsgebühr von 5 Euro eigene vollwertige Bahncards erhalten. Doch für oft reisende Kunden ist dies nur ein kleiner Trost. Ein Vielfahrerprogramm soll gebeutelte Stammkunden trösten.

Tipp:

Heute lohnt sich die Bahncard nicht für jeden, weil sie mit anderen Angeboten konkurriert. Aber für Familien ist sie geradezu ein Muss.

Regionen abgehängt?

Vorteile bringt das neue Preissystem am ehesten denjenigen, die wenige Hundert Kilometer weit reisen möchten ­ und zwar im Fernverkehr (zum Beispiel mit dem ICE). Doch was ist mit den Nebenstrecken, auf denen sich nie ein ICE blicken lässt? Zum Beispiel Bahnlinien, die deutsche Klein-, Mittel- und Großstädte verbinden oder die in schöne Urlaubsregionen am Rande der Republik führen. Im Einzugsgebiet leben viele Millionen Menschen. Für die Zukunft des Schienenverkehrs wird es wichtig sein, sie nicht vom hochwertigen Fernverkehr abzukoppeln.

Doch bislang ist wenig erkennbar, dass die DB-Manager hier eine Vorwärtsstrategie entwickeln. Im Gegenteil: Immer mehr Interregio-Züge werden gestrichen. Wo sie nicht mehr fahren, werden immer weniger Fahrgäste von den Verbesserungen des neuen Preissystems profitieren können. Denn die für Sondertarife erforderliche Zugbindung ist für Nah- und Regionalverkehrszüge nicht vorgesehen. Nur wer im weiteren Verlauf der Reise irgendwann auch eine Fernbahn nutzt, kann hier zum Zuge kommen. Pech haben alle Kunden, auf deren Strecken die Bahn diese Fernzüge wegrationalisiert hat. Sie bekommen diesen Rabatt nicht. Und müssen sogar mehr zahlen, wenn ihre Bahncard weniger wert ist. Besonders betroffen von dieser Änderung sind auch Pendler, die nur an wenigen Tagen in der Woche die Bahn nutzen.

Technische Probleme haben die Einführung des neuen Preissystems bislang verzögert. Jetzt ist von der zweiten Hälfte des nächsten Jahres die Rede. Der Verzug schafft Zeit zum Nachbessern: Einige Schwachstellen lassen sich nicht technisch beseitigen, sondern nur durch mutige, kundenfreundliche Entscheidungen.

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