Baby­schlaf Special

„Schläft euer Kleiner noch nicht durch?“ Kein Grund, sich für ein „Nein“ zu schämen. Babys müssen schlafen lernen, so wie sprechen oder laufen. Hier erklären wir, wie leid­geplagte Mütter und Väter gemein­sam mit ihrem Kind einen guten Tag-Nacht-Rhythmus finden.

Nachts schläft das Kind? Von wegen!

Das Baby vor der Tür spazieren fahren, es im Zimmer herum­tragen, massieren: Isabella Eigner probierte viel aus, um ihrer neugeborenen Tochter Paulina in den Schlaf zu helfen. Aber die Kleine forderte ihre Eltern die ersten Monate mächtig heraus. „Ich dachte anfangs, ein Kind hält am Tag zwei Nickerchen und schläft vor allem nachts. Aber das war nicht so“, erinnert sich die 44-jährige Journalistin, die bei der Stiftung Warentest arbeitet. Paulina war nachts alle zwei bis drei Stunden wach – und mit ihr die Mutter. „Ich war so über­müdet“, sagt sie. Zweifel kamen in ihr hoch: Warum ist das so? Muss das so sein? Geht es Paulina gut?

Die meisten Babys wachen nachts mehr­mals auf

Solche Fragen quälen viele Eltern. Eine Forsa-Umfrage unter mehr als 1 000 Eltern von Kindern bis fünf Jahre ergab: Acht von zehn Babys wachen im ersten Jahr bis zu viermal pro Nacht auf. Das schlaucht, ist aber kein Grund zu verzweifeln.

Normaler Schritt der Entwick­lung

Kleine müssen erst lernen, im Einklang mit Tag und Nacht zu schlafen. Durch­schlafen ist ein Schritt im Entwick­lungs­prozess eines Kindes – wie laufen oder sprechen. Dem nieder­gelassenen Kinder­arzt Hermann Josef Kahl aus Düssel­dorf sind die Sorgen der Mütter und Väter vertraut. „Drei- bis viermal pro Woche kommen Eltern in meine Praxis und klagen ihr Leid über die unruhigen Nächte mit ihren Jüngsten.“ Als Vorstands­mitglied des Berufs­verbands der Kinder- und Jugend­ärzte sagt er: „Jeder Kinder­arzt kennt das Thema Baby­schlaf.“ Es beschäftige viele Eltern, teils auch noch bei älterem Nach­wuchs. Von den Zwei- bis Dreijäh­rigen schlafen nur 43 Prozent regel­mäßig durch. „Je kleiner das Kind ist, desto weniger können Eltern da tun“, beruhigt Kahl. „Denn den Kindern geht es meistens gut, sie zeigen fast immer ein normales Verhalten.“

So entwickelt sich unser Schlaf

Neugeborene kennen den Unterschied zwischen Tag und Nacht noch nicht. In den ersten Monaten schlafen sie in vielen kleinen Etappen – und wachen nachts mehr­fach auf. Mit der Zeit verschmelzen die Schlafens­zeiten zunehmend, verlagern sich nach und nach auf die Nacht.

Baby­schlaf Special

Selten steckt Schlafstörung dahinter

Nur selten steckt eine echte Schlafstörung dahinter, zum Beispiel eine Atem­störung. In den ersten drei bis vier Monaten haben die Kleinen einfach keinen Tag-Nacht-Rhythmus. Sie leben in einem etwa zwei­stündigen Wechsel von Wachen und Schlafen; der typische Wecker ist der Hunger. „Die Erkennt­nis hat mich sehr erleichtert“, erinnert sich Isabella Eigner. In einem Baby­buch erfuhr sie, dass sich ihre Tochter nur entwickelt. „Ich bin danach viel gelassener mit den kurzen Nächten umge­gangen.“ Sie vertraute nun darauf, dass die schwierige Zeit dazu­gehört – und vorüber­geht.

Vier Stunden am Stück sind ein Erfolg

So wie etwa beim Sprechen verläuft der Lern­prozess fürs Schlafen bei manchen Kindern rapide, bei anderen dauert er länger. Allen gemein­sam ist: Die Schlafetappen verschmelzen zunehmend und verlagern sich mehr und mehr in die Nacht (siehe Grafik). Wenn Babys beginnen, ab etwa einem halben Jahr nachts erst­mals durch­zuschlafen, kommen sie zunächst oft nur auf vier oder fünf, manchmal sechs Stunden am Stück. Und das auch noch nicht jede Nacht.

Vorüber­gehende Rück­schritte sind normal

Vor allem in dieser Zeit kann es immer wieder ein paar Rück­schritte geben. Eben hat das Baby noch durch­geschlummert, da fällt es plötzlich in frühere Muster zurück. Das kommt vor, wenn Kinder erkältet sind, zahnen oder im Alltag viel los ist. Jeder kennt das von sich selbst: Wenn der Tag zu stressig ist, dann fällt die Nacht­ruhe schwerer. Die Schwelle von Babys ist nied­riger, weil alles neu und der Schlafrhythmus noch nicht gefestigt ist.

Zu-Bett-Gehen bewusst gestalten

Eltern können ihre Kinder dabei unterstützen, einen Rhythmus zu entwickeln: Ein geregelter Tages­ablauf mit den gleichen Zeiten für Essen und Schlafen hilft sehr. Das Zu-Bett-Gehen und die Stunde davor sollte mit einem Ritual gestaltet werden, rät die Deutsche Gesell­schaft für Schlaf­forschung und Schlafmedizin. Eltern leben ihren Kindern vor, wie unterschiedlich Tag und Nacht ablaufen: Am Tag herr­schen Aktivität, Licht, normale Laut­stärke. Abends und vor allem nachts gibt es keine Aufregung mehr, alles ist sachter und leiser, das Licht gedimmt (siehe unten). Auch Isabella Eigner hat irgend­wann aufgehört, ihre Kleine zum Stillen aus dem Bett­chen zu nehmen. Abhilfe schuf ein Stubenwagen, der sich am Eltern­bett anhängen ließ. Dorthin hat sie ihre Tochter nach dem Füttern zurück­gelegt. Ohne Licht, ohne Wege. „Das hat mir wert­vollen Schlaf geschenkt.“

So kommt Ihr Kind zur Ruhe

Müdig­keit erkennen. Ihr Baby gähnt, reibt sich die Augen, starrt ins Leere, wendet den Kopf ab oder findet sein liebstes Spielzeug plötzlich uninteres­sant? Dann ist es höchste Zeit fürs Bett. Über­müdete Kinder schlafen schwerer ein als andere. Ruhe ausstrahlen. Wenn Sie Ihr Kind nachts füttern, tun Sie das ganz ruhig: leise, bei wenig Licht und wenig Bewegung. Heben Sie es zum Trösten nicht sofort aus dem Bett. Streicheln Sie es statt­dessen.

Rituale einführen. Schon in den ersten Monaten lohnt es sich, feste Schlafrituale einzuführen. Zum Beispiel: baden, wickeln, schmusen, dann Gute-Nacht-Lied und -Kuss zum Schluss. Mit immer gleichen Abläufen zur gleichen Zeit kommen die Kleinen leichter zur Ruhe.

Musik einsetzen. Auch die beruhigende, sich abend­lich wieder­holende Melodie einer Spiel­uhr kann Babys helfen, allein in den Schlaf zu finden – und ihre Eltern als Schlafhelfer nach und nach ablösen.

Schlaf­bereich gestalten. 16 bis 18 Grad mit wenig Licht und Lärm sind ideal. Sicher und geruh­sam schlafen Babys im Schlafsack in Rückenlage in einem rauch­freien Zimmer. Auf Kissen, Schmusetiere und Bett­umrandung („Nest­chen“) sollten Sie aus Sicher­heits­gründen verzichten.

Schlafbedarf: Von 13 bis 18 Stunden am Tag

Schon bei Neugeborenen gibt es Lang- und Kurz­schläfer. Üblicher­weise brauchen Kinder im ersten Jahr etwa 16 Stunden Schlaf pro Tag. „Die Varianz ist jedoch groß. Einigen reichen mit sechs Monaten 13 Stunden, andere brauchen noch bis zu 18“, sagt Schlafmediziner Thomas Erler von der Kinder- und Jugend­klinik West­brandenburg. Viele über­schätzen den Schlafbedarf ihres Kindes. „Ein Schlaf­tagebuch kann klären, wie viel Ruhe ein Kind tatsäch­lich benötigt“, rät Erler. Drei Wochen lang notieren Eltern, wann ihr Kleines wie lange schläft. Manche stellen fest, dass es nachts schlecht schläft, weil es zu lange Mittags­schlaf hält.

Im Zweifel Kinder­arzt ansprechen

Wenn Eltern nicht mehr weiterwissen, sollten sie den Kinder­arzt ansprechen. Experte Kahl rät zudem: „Suchen Sie sich jemand, der Sie am Tag entlastet. Gibt es Groß­eltern oder Freunde, die das Kind ein paar Stunden betreuen können? Dann bitten Sie sie um Hilfe, holen Sie Schlaf nach.“ Schlaf­entzug gelte nicht ohne Grund als Folter­methode. Partner sollten sich nachts abwechseln. Isabella Eigner weiß heute: „Ich würde mich auch tags­über sofort hinlegen, sobald das Kind schläft – statt Wäsche aufzuhängen oder zu telefonieren.“

Ein uralter Schutz­mecha­nismus

Heute weiß sie auch: Manch fürsorglich gemeinte Maßnahme verzögert den Weg zum regulären Schlaf. Auf dem Arm wiegen, an der Brust eindösen lassen, im Auto herum­fahren – diese Schlafhelfer sind gelegentlich angewandt unpro­blematisch, auf Dauer aber ungünstig. Sie erhöhen die Wahr­scheinlich­keit, dass das Kind nachts laut­stark nach seinen Eltern ruft – auch ohne Hunger oder Schmerzen zu haben.

Schlechte Ange­wohn­heiten verlernen

Der Grund: „Jeder Mensch wird nachts mehr­fach wach, groß und klein. Das ist ein uralter Schutz­mecha­nismus“, sagt Schlafmediziner Erler. Dabei prüfen wir, ob sich in der Umge­bung etwas verändert hat. Ist alles wie beim Einschlafen, schlummern wir weiter. Ist etwas anders, werden wir richtig wach. So auch Babys. Dösen sie bei Motor­geräusch ein und wachen nach zwei Stunden ohne Brummen auf, schlagen sie Alarm. Die Marotte lässt sich wieder verlernen, aber nur mit Geduld.

Kein Allheil­mittel: Schlaf­programme

Schlaflern­programme für Babys gibt es zuhauf. Ein Allheil­mittel sind sie alle nicht. „Die einen ermuntern die Eltern dazu, das Kind schreien zu lassen, die anderen raten zu intensiver Zuwendung bei jedem Mucks. In der Mitte liegt wohl die Wahr­heit“, kommentiert Schlafmediziner Erler.

Oft hilft ein Schlaflied

Isabella Eigner und ihr Mann haben sich gegen das „Schreien lassen“ entschieden. Wenn Paulina nachts wach wurde, haben sie ein Lied gesungen, sie gestreichelt. Die Nächte wurden geruh­samer – nach einem Jahr war der Spuk vorbei. Paulina, heute ein Schulkind, hatte schlafen gelernt.

Dieser Artikel ist hilfreich. 10 Nutzer finden das hilfreich.