21 Antworten zum Rinderwahnsinn

1. Was ist BSE?

BSE ist eine Gehirn- und Rückenmarkserkrankung. Die Abkürzung steht für Bovine spongiforme Enzephalopathie. Zu deutsch etwa: schwammförmige Gehirnerkrankung des Rindes, kurz Rinderwahnsinn. Die erkrankten Tiere magern ab, sie werden ängstlich und aggressiv und verlieren allmählich die Kontrolle über ihre Muskeln. Es folgen Muskelzittern, unkontrollierter Speichelfluss, Taumeln, Einknicken und schließlich totale Hilflosigkeit. Der BSE-Erreger zersetzt das Gehirn und macht es löchrig wie ein Schwamm. Daher die Bezeichnung schwammartig = spongiform. Die Inkubationzeit – also die Zeit von der Ansteckung bis zum Ausbruch der Krankheit – beträgt bei BSE 2 bis 17 Jahre.

2. Seit wann ist BSE bekannt?

Die ersten BSE-Fälle wurden 1984 in Großbritannien entdeckt. Damals herrschte noch Rätselraten über die seltsamen Symptome. Erst 1987 wird die Krankheit der nervösen und aggressiven Rinder als BSE bekannt. Britische Tiermediziner weisen nach, dass die Krankheit durch infiziertes Tiermehl übertragen wird.

3. Gibt es BSE nur bei Rindern?

Nein, ähnliche Krankheiten sind auch bei anderen Tieren bekannt. Scrapie oder Traberkrankheit heißt die Gehirn- und Rückenmarkserkrankung bei Schafen. Scrapie ist seit 1732 bekannt. Mitte des 18. Jahrhunderts gab es in England bereits eine Scrapie-Epidemie. In Großbritannien, Irland, Frankreich und Island ist die Krankheit bis heute verbreitet. Wahrscheinlich sterben jährlich mehrere tausend Schafe an Scrapie. Offizielle Statistiken belegen mehrere hundert Fälle pro Jahr in Großbritannien. Inoffizielle Schätzungen gehen von bis zu 10.000 Scrapie-kranken Schafen im Jahr aus. Die Kadaver der Schafe wurden in Großbritannien zu Tiermehl verarbeitet und an Rinder verfüttert. Deshalb nahmen Wissenschaftler an, dass sich BSE aus Scrapie entwickelt haben könnte. Heute gilt eine zufällige Mutation des Eiweißkörpers beim Rind als wahrscheinlicher. Auch Rinder wurden in der Vergangenheit zu Tiermehl verarbeitet und verfüttert.

4. Sind Haustiere gefährdet?

Ja. In Großbritannien und in der Schweiz wurden über 100 Fälle BSE-erkrankter Hauskatzen bekannt. Auch Zootiere sind betroffen. In Laborversuchen konnte BSE auf Krallenaffen, Schweine, Ziegen, Schafe, Nerze und Mäuse übertragen werden. Scrapie ist auch bei Hamstern, Meerschweinchen und Ratten bekannt.

5. Wie wird BSE übertragen?

Als Hauptübertragungsweg gilt die Verfütterung erkrankter Tiere in Form von Tiermehl oder Fleisch. BSE ist eine Infektionskrankheit: sie wird durch Erreger übertragen, nicht vererbt. Es gibt Hinweise, dass die Krankheit auch kurz vor der Geburt vom Muttertier auf das Junge übertragen werden kann. Außerdem ist die Verbreitung über Milchersatzstoffe denkbar. Kälber werden heute meist mit so genannten Milchaustauschern aufgezogen. Bis vor kurzem enthielten diese Ersatzstoffe auch Fette vom Rind. Eine spätere Ansteckung von Tier zu Tier wird nahezu ausgeschlossen. Unklar ist, ob der BSE-Erreger auch in den Weideboden gelangt. Auf diesem Umweg könnte der Erreger zu neuen Infektionen führen. Belege gibt es für diese Überlegung jedoch nicht.

6. Warum wird überhaupt Tiermehl verfüttert?

Die Nahrungsmittelindustrie arbeitet gewinnorientiert: Wo sich Geschäfte machen lassen, werden Geschäfte gemacht. Tiermehl brachte zusätzliche Einnahmen und erleichterte die moderne Massentierhaltung. Seit 1994 ist die Verfütterung von Tiermehl an Wiederkäuer – Rinder, Schafe und Ziegen – EU-weit verboten. Seit 1. Januar 2001 dürfen auch Schweine, Hühner und andere Tiere nicht mehr mit Tiermehl gefüttert werden. In Frankreich und Deutschland wurde dieses Verbot bereits im Dezember 2000 umgesetzt. Tiermehl gilt als Hauptübertragungsweg für BSE.

7. Wie sieht der BSE-Erreger aus?

Das ist bis heute nicht abschließend geklärt. Wahrscheinlich sind es krankhaft veränderte Eiweißkörper – so genannte Prionen. Diese abnormen Eiweißkörper sind zumindest nachgewiesen. Sicher ist, dass der BSE-Erreger das Gehirn und das Rückenmark befällt. Ansonsten hält er sich offenbar vor allem in Organen auf, die mit dem Immunsystem in Verbindung stehen. Eine zweite Theorie, nach der die krankhaften Eiweißkörper erst durch eine besondere Form von Viren – den Virino – entstehen, gilt heute als unwahrscheinlich.

8. Gibt es BSE auch beim Menschen?

Ähnliche Krankheiten beim Menschen heißen Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (CJK) und Alzheimer. Nach langem Streit gilt es heute als sicher, dass sich BSE auch auf Menschen überträgt. Der Weg über das Rind hat den Erreger verändert: neue Creutzfeldt-Jakob-Krankheit, kurz nvCJK heißt die Krankheit nun beim Menschen. Über 80 Tote sind in Großbritannien zu beklagen. Frankreich zählt 5 Fälle der Prionenkrankheit beim Menschen. Neu ist das Alter der Opfer: Auch junge Menschen erkranken an nvCJK. Creutzfeldt-Jakob gab es bisher nur bei alten Menschen. Pessimistische Schätzungen rechnen mit über hundertausend nvCJK-Toten in den kommenden Jahren.

9. Wie groß ist die Ansteckungsgefahr?

Auch das ist bis heute unklar. Wahrscheinlich muss eine Mindestanzahl an Erregern aufgenommen werden, bevor eine Ansteckung erfolgt. Die kritische Menge ist allerdings nicht bekannt. Unklar ist auch, ob vielleicht doch geringe Mengen des Erregers im Fleisch und im Blut zu finden sind. Die bekannten Analysemethoden können den BSE-Erreger erst in höherer Konzentration nachweisen.

10. Wo gab es bisher BSE?

Das Ursprungsland ist Großbritannien. Seit 1987 erkrankten hier über 177.000 Rinder an BSE. In der Statistik folgen Nordirland mit 1.865 Rindern, die britischen Kanalinseln mit 1.285 Rindern, Irland mit 625 und Portugal mit 522 BSE-Rindern. Heute gibt es BSE-Fälle in Belgien, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Italien, Liechtenstein, Luxemburg, den Niederlanden, Spanien und in der Schweiz. Einzelne BSE-Rinder wurden auch außerhalb Europas entdeckt. Betroffen sind Kanada, die Falklandinseln und der Oman. Datenstand: Anfang März 2001.

11. Welche Rindteile sind besonders gefährlich?

Als besonders gefährlich gelten Hirn, Rückenmark, Bries, Augen, Mandeln und der Darm. Bei Schafen und Ziegen auch die Milz. In diesen Körperteilen befinden sich die meisten Erreger. Seit 1. Oktober 2000 darf dieses so genannte Risikomaterial nicht mehr in die Nahrungskette gelangen. Das Verbot gilt EU-weit und bezieht sich auch auf Futtermittel.

12. Gibt es Fleischteile, die BSE-frei sind?

Es gibt keine Garantie für BSE-freies Fleisch. Der Erreger konzentriert sich zwar in Gehirn und Rückenmark, kann sich aber beim Schlachten verteilen. Durch Sägen und Fleischerwerkzeuge gelangen Körperflüssigkeiten und infiziertes Gewebe auch auf andere Rinderteile. Sogar ein Übergreifen auf ursprünglich BSE-freie Tiere ist nicht ausgeschlossen. Möglicherweise enthält selbst Muskelfleisch geringe Mengen des Erregers. Die heutigen Analysemethoden sind relativ grob.

13. Wie gefährlich ist BSE?

BSE gilt als Zeitbombe: Von der Ansteckung bis zum Ausbruch vergleichbarer Prionen-Krankheiten können beim Menschen bis zu 40 Jahre vergehen. Sicher nachweisbar ist der BSE-Erreger beim Rind erst kurz vor dem Ausbruch der Krankheit. BSE ist nicht heilbar. Allerdings gibt es Hinweise auf eine gewisse Immunität. Offenbar hängt die BSE-Wahrscheinlichkeit mit dem Aufbau körpereigener Eiweißstoffe zusammen. Die Menschen, die bisher an nvCJK – der menschlichen Form der Rinderkrankheit – starben, stimmten alle in einer Erbguteigenschaft überein. Das betroffene Prion-Molekül ist bei etwa 40 Prozent der europäischen Bevölkerung vorhanden.

14. Ist getestetes Rindfleisch garantiert sicher?

Nein, die verwendeten Schnelltests haben wenig Aussagekraft. Der BSE-Erreger kann erst wenige Monate vor Ausbruch der Krankheit nachgewiesen werden. Einigermaßen zuverlässig arbeitet der Schnelltest erst bei älteren Tieren, ab 30 Monaten. Bei Jungtieren spricht der Test nicht zuverlässig an, weil die Testverfahren nicht empfindlich genug sind. Über 60 Prozent des in Deutschland verzehrten Fleisches stammt von Rindern, die jünger sind als 30 Monate.

15. Warum wird dann überhaupt getestet?

Die Tests helfen, erkrankte Tiere zu erkennen. Nur so lassen sich Erkenntnisse über die Ausbreitung von BSE gewinnen. Seit 1. Januar 2001 müssen alle Rinder bei der Schlachtung getestet werden. Die EU-Verordnung gilt für Rinder ab einem Alter von 30 Monaten. In Deutschland wurde die Verordnung Ende Januar verschärft. Der BSE-Schnelltest ist jetzt für alle Rinder ab 24 Monaten vorgeschrieben. Das soll zusätzliche Hinweise bringen, auch wenn der Schnelltest bei Jungtieren nicht zuverlässig ist.

16. Ist Bio-Fleisch sicher?

Absolute Sicherheit gibt es nicht. Rindfleisch aus ökologischer Produktion hat aber folgenden Vorteil: Ökologisch wirtschaftende Betriebe verzichten im allgemeinen auf zugekaufte Futtermittel. Das Risiko einer BSE-Infektion ist deshalb geringer. Auch Markenfleisch aus regionaler Produktion bietet Vorteile: Sind die Zuchttiere bekannt und werden sie laufend überwacht, sinkt das BSE-Risiko. Je transparenter und kontrollierter die Produktion, desto geringer ist das Risiko einer zufälligen BSE-Infektion.

17. Hilft es, das Fleisch stark zu erhitzen?

Nein, das hilft nicht. BSE wird wahrscheinlich durch krankhaft veränderte Eiweißkörper übertragen. Diese so genannten Prionen können nur durch große Hitze bei hohem Druck zerstört werden. Braten, Kochen und Einfrieren bieten deshalb keinen Schutz.

18. Sind auch Milch und Käse betroffen?

Milch stellt nach heutigem Wissensstand kein Risiko dar. Der BSE-Erreger befällt das Nervengewebe, in Milch konnte er bisher nicht nachgewiesen werden. Zur Sicherheit ist es verboten, die Milch von BSE-erkrankten Tieren in die Nahrungskette zu bringen. Für Yoghurt und Käse gilt die Entwarnung nur bedingt. Viele Milchprodukte enthalten Gelatine und Gelatine wird mitunter aus Rinderknochen hergestellt. Aber: Das Risiko ist auch bei Gelatine sehr gering.

19. Wie gefährlich ist Gelatine?

Das BSE-Risiko bei Gelatine ist sehr gering. Speisegelatine wird zu 90 Prozent aus Schweineschwarten gewonnen. Gelatine aus Schweineschwarten ist weicher, billiger und besser für die Lebensmittelproduktion geeignet. Gelatine aus Rinderhaut und Rinderknochen wird vor allem für Arzneimittel verwendet. Die aufwändige Behandlung macht eventuell vorhandene Erreger mit hoher Wahrscheinlichkeit unschädlich. Das Ausgangsmaterial lagert tagelang in Salzsäure, wird mit Kalkmilch oder Natronlauge behandelt und auf mindestens 138 Grad erhitzt. Die Produktion von Pharmagelatine wird streng kontrolliert.
Da Gelatine tausendfach verwendet wird, ist es schwer, sie beim Einkauf zu umgehen. Nur beim Kochen gibt es pflanzliche Alternativen wie Stärke, Johannisbrotkernmehl, Agar-Agar oder Pektin.
Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte in Berlin sieht kein zusätzliches BSE-Risiko durch den Verzehr von Gelatine. Absolute Sicherheit gibt es derzeit nicht. Die heute gebräuchlichen BSE-Analysen können den Erreger erst ab einer bestimmten Konzentration nachweisen.

20. Gibt es noch andere Übertragungswege?

Möglicherweise schon: Rinderprodukte werden auch für Arzneimittel und Kosmetik verwendet. Die Industrie verarbeitet zum Beispiel Gelatine, Talg, Gewebe und Blut. Bei äußerlich angewendeten Mitteln ist das Ansteckungsrisiko gering. Bei der Einnahme von Medikamenten ist Vorsicht angebracht. Ein Ansteckungsrisiko kann heute weder ausgeschlossen noch nachgewiesen werden. Immerhin sind Risikomaterialien bei Kosmetik und Arzneimitteln seit Januar 1998 tabu. Die EU verbietet den Einsatz von Hirn, Rückenmark und Augen von Rindern, Schafen und Ziegen.

21. Wie kann ich BSE umgehen?

Einen Umweg gibt es nicht. Noch nicht einmal der totale Verzicht auf Rinderprodukte würde heute Sicherheit bringen: Das höchste Infektionsrisiko bestand vermutlich Mitte der achtziger bis Mitte der neunziger Jahre. In diesem Zeitraum wurden wahrscheinlich hunderte BSE-infizierte Rinder verarbeitet. Ob BSE auch zu einem menschlichen Desaster wird, werden die kommenden Jahre zeigen. Wichtig ist die Erkenntnis, dass der Markt Kontrolle braucht. Das BSE-Desaster ist keine Naturkatastrophe, sondern mit großer Sicherheit vom Menschen gemacht. Ohne die Verfütterung von Tiermehl und Milchaustauschern hätte sich der Erreger wahrscheinlich nicht so schnell verbreiten können.

Stand: 14. März 2001

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