Avanio-Internet-Abzocke Meldung

In der Avanio-Affäre um die zum Teil jahrelange Zahlung von Telefongebühren nach Interneteinwahlen an zwei Tagen im Juni 2005 naht nach über drei Jahren der finale Showdown. Die Staatsanwaltschaft Dresden hat eine Anklage wegen Betrugs in 416 Fällen vorbereitet. Außerdem verhandelt das Landgericht Dresden im Januar über eine Klage der Verbraucherzentrale Berlin.

Grundgebühren mit Verzögerung

Rückblende: Im Sommer 2005 wählen sich die meisten Surfer noch übers Telefonnetz ins Internet ein. Zahllose Billigrufnummern stehen zur Auswahl. Wer sich auskennt, installiert den Smartsurfer. Das ist ein kleines Programm, das die Verbindung automatisch über den zum Zeitpunkt der Einwahl gerade günstigsten Internet-by-Call-Tarif herstellt. Mitte Juni erobert der Tarif „vanio.flexi“ für zwei Tage die Spitzenposition in der Smartsurfer-Tarifdatenbank. 0,43 Cent je Minute kostet die Interneteinwahl. Nach Schätzungen der Stiftung Warentest landen 800 000 bis 1 000 000 Surfer über den Smartsurfer bei vanio.flexi. Nach den allgemeinen Geschäftsbedingungen des Anbieters werden sie dadurch Mitglied der „Avanio-Community“. Das macht zunächst gar nichts. Doch ab August 2005 müssen sie dafür Beitrag zahlen. 4,50 Euro pro Monat zuzüglich Mehrwertsteuer stehen unversehens in der Telefonrechnung - unabhängig davon, ob Betroffene die Avanio-Einwahl überhaupt noch nutzen.

Aufruhr im Internet

Erst allmählich wird die Dimension der Avanio-Affäre erkennbar. Viele Internet-Surfer bemerken die Avanio-Gebühren in der Telefonrechnung erst Monate oder gar Jahre später. Wohl weit über zehn Millionen Euro kassiert die Funsurf24 GmbH als Avanio-Anbieter von Surfern, die sich auf der Suche nach dem günstigsten Minuten-Tarif über den Smartsurfer und „vanio.flexi“ eingewählt haben. In Internetforen toben und wüten die Nutzer. Sie fühlen sich betrogen. Hunderte von Strafanzeigen landen bei der Staatsanwaltschaft Dresden. Einige Avanio-Opfer ziehen selbst vor Gericht und klagen vor dem Amtsgericht Dresden auf Rückzahlung der Gebühren.

Aktenberge im Amtsgericht

Die Justiz tut sich schwer mit der Aufarbeitung der Avanio-Affäre. Jahrelang ermittelt ein Staatsanwalt in der Pirnaer Außenstelle der Dresdner Strafverfolgungsbehörde. Ein Aktenordner nach dem anderen füllt sich mit Protokollen, Schreiben geschädigter Surfer und Vermerken. Am Ende entscheidet der Beamte, die heute 27 und 32 Jahre alten Avanio-Verantwortlichen wegen gewerbsmäßigen Betrugs in 416 Fällen beim Amtsgericht Dresden anzuklagen. Zuständig ist dort ein Strafrichter. Er befasst sich sonst mit Ladendiebstählen, Trunkenheitsfahrten und ähnlichen Allerwelts-Straftaten. Die Avanio-Aktenberge sind für sein Dezernat eine gewaltige Belastung. Nach einer ersten Prüfung der Anklage schickt er die Akten zurück. Die Staatsanwaltschaft soll Anklage beim Landgericht erheben, findet er. Ein Verfahren mit einer derartigen Bedeutung gehöre vor die große Strafkammer. Wie es weitergehen soll, prüft jetzt die Staatsanwaltschaft. In den nächsten Wochen will sie entscheiden, ob sie Anklage tatsächlich zurücknimmt und nunmehr beim Landgericht erhebt oder ob sie auf dem Verfahren beim Amtsgericht besteht.

Rückzahlung nur im Einzelfall

Einige Dutzend Avanio-Opfer fordern auf eigene Faust Erstattung sämtlicher Gebühren und gehen zivilrechtlich gegen Funsurf24 vor. Zuständig ist wiederum das Amtsgericht Dresden. Doch trotz des Betrugsverdachts scheitern fast alle Kläger - meist aus formalen Gründen. Die soweit bekannt einzigen beiden Ausnahmen: Auf die Klage eines Avanio-Opfers hin verurteilt ein Dresdner Amtsrichter Funsurf24 bereits im Sommer 2006 zur Rückzahlung aller Gebühren. Doch das Unternehmen geht in Berufung. Funsurf24-Anwalt Arthur Waldenberger gelingt es später, den Kläger nachträglich zur Rücknahme seiner Klage zu bewegen. Im Gegenzug erstattet Avanio ihm sämtliche Gebühren und Verfahrenskosten. Das Urteil gegen Funsurf24 wird dadurch gegenstandslos. Im Oktober 2007 setzt sich erneut eine Internetnutzerin gegen das Unternehmen durch und erreicht eine Verurteilung zur Rückzahlung aller Gebühren. Wiederum geht das Unternehmen in Berufung. Nachdem das Amtsgericht Dresden die meisten anderen Avanio-Klagen rechtskräftig abgewiesen hat, nimmt Funsurf24 die Berufung zurück, bevor das Landgericht über den Fall entscheidet.

Verhandlung im Januar

Dennoch muss sich das Landgericht Dresden nun im Januar 2009 mit dem Avanio-Skandal befassen. Die Verbraucherzentrale Berlin hat sich eingeschaltet und klagt auf Unterlassung des Einzugs der Avanio-Gebühren über die Telefonrechnung. Voraussetzung für den Erfolg der Klage ist allerdings: Der Gebühreneinzug ist nicht bloß rechtswidrig, sondern darüber hinaus auch unlauterer Wettbewerb. Termin für die Verhandlung über die Klage: Mittwoch, 21. Januar, um 9.30 Uhr.

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