Autoversicherung Meldung

Autovermieter kassieren für Unfallersatzwagen sehr viel mehr als für ein normales Mietauto. Das müssen die Versicherten ausbaden.

Mietwagen ist nicht gleich Mietwagen. Diese Erfahrung machte Helmut Becker*, als er sich nach einem unverschuldeten Unfall über eine Werkstatt für 18 Tage einen Ersatzwagen von Avis mietete. Der Mietwagen, ein Opel Vectra, kostete laut Vertrag 59 Mark pro Tag. Doch dieser Preis veränderte sich dramatisch, als Becker bei der Rückgabe des Wagens darum bat, die Rechnung doch direkt an den Versicherer des Unfallgegners zu schicken.

Kein Problem, meinte der Avis-Mann, allerdings müsse Becker ihm dafür noch einen neuen Vertrag für den Versicherer ausfüllen. Überrascht stellte Becker fest, dass dort unter derselben Vertragsnummer der Preis für den Opel Vectra um fast 330 Prozent auf 252 Mark pro Tag gestiegen war.

Versicherungsbetrug? Nein, ein ganz normaler Vorgang, erklärt Avis-Sprecher Werner Claasen. Marktpreise im Normalgeschäft dürften nicht mit den Tarifen bei Unfallersatzwagen verglichen werden. Laut höchstrichterlichem Urteil des Bundesgerichtshofs (BGH) könnten die Preise für Unfallersatzwagen deutlich höher liegen, weil die Leistungen und Risiken der Autovermieter berücksichtigt werden müssten. Dazu zählten unter anderem ein höherer Verwaltungsaufwand, der Verzicht auf Vorauszahlungen und das Risiko, dass der Versicherer nicht zahle. Die Preise lägen deshalb zwischen 25 Prozent und 30 Prozent höher als im Normalgeschäft.

Den Preisunterschied im Fall von Helmut Becker von fast 330 Prozent könne er nicht nachvollziehen, sagte Claasen. Dass der erhöhte Tarif erst im Nachhinein berechnet wurde, mochte er nicht kommentieren. Eine Anfrage des Anwalts des Geschädigten vom Dezember 2000 beantwortete Avis erst, nachdem Finanztest den Fall aufgegriffen hatte. Nun plötzlich war alles nur ein Versehen, die Erklärungen der Avis-Mitarbeiter "nicht ganz so ausführlich", der Preis von 59 Mark ein irrtümlich ausgewiesener Sondertarif.

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) hält die höheren Tarife für Unfallersatzwagen wirtschaftlich nicht für gerechtfertigt. Sprecherin Gabriele Hoffmann spricht von "brutalen Preisabsprachen der Autovermieter", die zulasten der Versichertengemeinschaft gingen. Die Kosten von 1,3 Milliarden Mark, die Autohaftpflichtversicherer jährlich für Unfallersatzwagen berappten, könnten laut GDV deutlich niedriger liegen, wenn Ersatzautos zu normalen Tarifen abgerechnet würden.

Für Versicherte bedeuten die unterschiedlichen Tarife für das Normalgeschäft und das Unfallersatzwagengeschäft häufig Ärger. Denn die Versicherer drücken ihren Kunden einen Teil der Mietwagenkosten auf, wenn diese auf das erstbeste Angebot einer Autovermietung eingehen, obwohl es günstigere Tarife bei der Konkurrenz gibt. Nach den Versicherungsbedingungen ist ein Geschädigter nämlich verpflichtet, Preisvergleiche anzustellen und einen günstigen Tarif zu nehmen.

Laut BGH muss ein Versicherter aber nur einen günstigen Preis im Rahmen des Unfallersatztarifs wählen (Az. ZR 138/95). Diese Schnäppchenjagd kann er sich sparen, indem er dem Autovermieter gar nicht sagt, dass er einen Unfall hatte und ganz normal mietet. Dann wird selbst ein vergleichsweise teurer Tarif im Normalgeschäft keinen Ärger mit der Versicherung bringen. Denn die rechnet ja ohnehin mit einem um 25 bis 30 Prozent höheren Unfallersatzwagentarif. Die Rechnung muss der Kunde dann aber selbst einreichen.

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