Autovermietung

Autovermietung: Generation Smart

16.09.2003

Die neuen Autovermieter locken mit Billigangeboten, die sogar den Preis für ein Tagesticket der S-Bahn alt aussehen lassen. Doch das täuscht, vieles kostet extra.

Inhalt

„Und der Smart hat wirklich auch ein Navigationssystem?“ – „Na klar, wir heißen doch nicht umsonst Navicar“, antwortet die Verkäuferin schnippisch. Typisch Berlin. Ort der Handlung ist ein Industriegelände im Stadtteil Tempelhof, mindestens zehn U-Bahn-Stationen vom Zentrum entfernt, viele Autowerkstätten, mittendrin die schmucklose Vermietstation von Navicar. Der Smart steht abfahrbereit auf dem Hof.

„9 Euro“ , prangt es orangerot auf der Motorhaube und den Fahrertüren. Ist der Wagen wirklich so billig?

Auf der Rechnung stehen: variabler Tagespreis 4,30 Euro, Teilkasko mit 950 Euro Selbstbeteiligung 2,16 Euro, Vorbereitungspauschale 2,58 Euro, Wagenreinigungspauschale 12,07 Euro. Macht zusammen 21,11 Euro, plus Mehrwertsteuer 24,49 Euro für einen Tag im Juli 2003, bei Rückgabe bis 18 Uhr.

Das ist immer noch billig, aber fast dreimal so viel wie der beworbene Preis.

Der Kunde hat den Wagen knapp drei Wochen zuvor über das Internet gebucht. Beim Anklicken musste er sich entscheiden: Miete ab acht Uhr oder erst ab zehn? Rückgabe bis 18 Uhr oder – weil es später nicht geht – erst am nächsten Tag? Auto reinigen lassen oder selbst waschen? Voll- oder Teilkasko?

Jeder Posten schlägt einzeln zu Buche. Der Kunde hätte es auch billiger haben können, wenn er das Auto nur von 10 bis 14 Uhr gemietet hätte und selbst durch die Waschanlage gefahren wäre.

Die Klimaanlage – Standard bei Navicar – arbeitet sauber, und nach einigem Probieren schnurrt die weibliche Stimme der Navigationsanlage ihre Anweisungen herunter. Eigentlich eine komfortable Sache, mit so einem Kleinwagen am Wochenende einen Ausflug ins Berliner Umland zu machen.

Aber die Sache hat einen Haken: Am Wochenende ist diese Vermietung geschlossen. Der Smart muss von Freitag bis Montag gemietet werden, weil die Ausleihstation in Tempelhof Samstag und Sonntag geschlossen ist.

Trotz Rabatt für die Abholung bis 18 Uhr und Rückgabe bis 9 Uhr früh kostet der Smart für vier Miettage mit Teilkasko und Endreinigung durch den Mieter dann 72,24 Euro (Stand Juli 2003). Wenigstens sind am Wochenende 800 Kilometer frei, denn jeder weitere kostet beim Smart zwölf Cent.

Aldi-Kunden im Visier

Die meisten traditionellen Anbieter ­be­­trachten die Neuen mit Argwohn. ­Eigentlich dürften solche Angebote ­keine Zukunft haben, mutmaßt Klaus Langmann-Keller, Geschäftsführer des ­Bundesverbandes der Autovermieter Deutschlands (BAV). Er kann sich nicht vorstellen, dass diese extrem niedrigen Preise tatsächlich die Kosten decken.

Sigurd Schönherr, Chef der Navicar-Muttergesellschaft MVS, hält dagegen: „Wir haben uns in den ersten Monaten viel schneller entwickelt als erwartet. Wir suchen einen Kundenkreis, der nicht am Flughafen ist, sondern im Stadtviertel. Es gibt immer mehr Leute, die sich kein eigenes Auto mehr leisten können oder wollen.“

Auch der alteingesessene Autovermieter Sixt hat sich mit seiner Internet-tochter „Sixti“ in den Kampf auf dem Billigmarkt gestürzt. Erich Sixt begründet den Schritt so: „Das Signal war für mich die Nachricht, dass 80 Prozent aller Deutschen bei Aldi einkaufen.“

Mit drei Wochen Vorlauf sind bei ­Sixti inklusive Vollkasko und Endreinigung 34 Euro je Tag für einen Smart fällig. Der Vorteil: Die Mietstation liegt im Zentrum. Der Nachteil: Die Fahrzeuge werden mit einem beliebigen Tankstand übergeben, der im Übergabeprotokoll steht. Wer Tankuhren kennt, weiß, dass sie nie genau gehen.

Der Autovermieter Interrent bietet an seiner Station in Berlin-Schöneberg dem Kunden für 22,99 Euro am Tag inklusive Vollkasko – ebenfalls via Internet drei Wochen im Voraus gebucht – einen Wagen der Golfklasse. Allerdings ist dann noch die Endreinigung in Höhe von 15 Euro fällig.

Wie bei Sixti ist das Betanken Glückssache. Außerdem toleriert Interrent bei der Rückgabe nur eine Verspätung von 30 Minuten, sonst sind happige 60 Euro Strafe fällig. An Fahrer unter 23 Jahren vermietet Interrent nicht. Das steht klein gedruckt im Vertrag.

Ein Smart für nur 3 Euro für drei Tage – damit wirbt Maxhopp. Die Idee stammt vom Geschäftsführer. Das Auto ist eine fahrende Litfaßsäule. Der Kunde muss am Tag mindestens 30 Kilometer fahren, je „Minderkilometer“ ist 1 Euro fällig!

Maxhopp-Stationen gibt es bisher nur in Berlin und Hamburg und die Buchung läuft nur übers Internet. Wenn Smarts frei sind, heißt es zuschlagen, denn Maxhopp vermietet von einem Tag auf den anderen, Vorbuchungen sind nicht möglich.

Was für Billigflieger gilt, stimmt auch für Billigautos: Jedes Stück Service, auf das der Kunde verzichtet, macht den Mietwagen preiswerter. Doch die Konditionen sind unübersichtlich und unflexibel.

Kunden traditioneller Autovermieter können zu jeder Zeit und ohne langes Rechnen ein Auto mieten, einsteigen und, wo sie wollen, wieder zurückgeben. Aber vielleicht wächst wirklich eine neue Generation von Kunden heran – die Generation Smart.

16.09.2003
  • Mehr zum Thema

    Cars­haring im Test So kommen Sie günstig ans Ziel

    - Die Nach­frage nach Cars­haring ist derzeit durch das Coronavirus zwar deutlich gesunken. Viele, die kein eigenes Auto besitzen oder öffent­liche Verkehrs­mittel meiden...

    Medikamente im Test Über 9000 Medikamente für 132 Krankheiten

    - Bei Medikamente im Test erfahren Sie, welches Medikament sich am besten für Sie eignet. Ein herstel­ler­unabhängiges Experten­team hat die Mittel über­prüft und bewertet.

    Preis­vergleich Bundes­kartell­amt kritisiert Vergleichs­portale

    - Das Bundes­kartell­amt hat Internet­vergleichs­portale aus den Bereichen Reise, Energie, Versicherungen, Finanzen und Tele­kommunikation unter die Lupe genommen. Das...