Unfall im Ausland Special

Wenn es im Urlaub kracht, kann die Regulierung des Schadens lange dauern. Dagegen können Auto­fahrer sich versichern. Immerhin: Gegen solchen Ärger können sich Auto­fahrer versichern. Hier lesen Sie alles, was Sie rund ums Thema „Unfall im Ausland“ wissen müssen. Die Versicherungs­experten der Stiftung Warentest erklären, was im Fall des Falles zu tun ist.

Auslands­unfall – das Wichtigste in Kürze

Formulare. Nehmen Sie bei Fahrten ins Ausland die Grüne Karte mit. Legen Sie sich vorsorglich auch einen Europäischen Unfall­bericht ins Hand­schuhfach.

Schutz. Schließen Sie bei Ihrem Haft­pflicht­versicherer den Auslands­schaden­schutz ab zum Kfz-Versicherungsvergleich der Stiftung Warentest.

Bereich. Fragen Sie vor Fahrten außer­halb der EU Ihre Kfz-Versicherung, wie weit sie auch dort greift.

Polizei. Rufen Sie bei einem Unfall im Ausland grund­sätzlich die Polizei.

Beweise. Notieren Sie Namen und Kenn­zeichen des Unfall­gegners. Fragen Sie Zeugen nach ihren Personalien. Machen Sie Fotos vom Unfall.

Zentralruf der Auto­versicherer hilft

Der Zentralruf ist die Anlauf­stelle, wenn Urlauber einen Unfall haben. Dr. Jens Bartenwerfer, Geschäfts­führer der GDV Dienst­leistungs-GmbH, die den in Hamburg ansässigen Zentralruf der Auto­versicherer betreut, erklärt: „Die Zunahme von Unfällen deutscher Verkehrs­teilnehmer im Ausland ist alarmierend, dabei kann es jeden unver­schuldet treffen.“ Er empfiehlt Auto­urlaubern, recht­zeitig vor Antritt der Fahrt alle Unterlagen zusammen­zustellen, die für eine schnelle Schaden­abwick­lung notwendig sind. Das sind der Europäische Unfall­bericht, die Grüne Karte und die Rufnummer des Zentralrufs der Auto­versicherer: 0800/250 26 00 aus Deutsch­land, 0049/40 300 330 300 aus dem Ausland. Diese Nummern sollten Auto­fahrer vorsorglich ins Handy einspeichern. Als Notfall­rufnummer gilt europaweit die 112.

Unfall­statistik – so oft kracht es im Ausland

35 266 Mal hatten deutsche Auto­fahrer im Jahr 2017 einen Unfall im Ausland, am häufigsten in Italien und Frank­reich. 5 927 Unfälle wurden dem Zentralruf der Auto­versi­che­rer aus Italien gemeldet, 5 371 aus Frank­reich. Es folgen in der Statistik die Nieder­lande, Österreich und Polen.

Deutsch­sprachiger Schaden­bearbeiter

Wichtig ist der Anruf vor allem für Urlauber, die am Unfall keine Schuld tragen und nun von einem ausländischen Fahrer Schaden­ersatz wollen. Ihnen nennt der Zentralruf einen Ansprech­partner. In jedem EU-Land gibt es für jede Versicherung einen Ansprech­partner, den so genannten Schaden­regulierungs­beauftragten. Wer die Versicherung des Unfall­gegners nicht kennt, kann sie von dieser Auskunfts­stelle ermitteln lassen. Diesen Service gibt es nicht nur für die Mitglieds­länder der EU, sondern auch für die Schweiz sowie Island, Liechten­stein und Norwegen.

Wer selber Schuld hat am Unfall, meldet den Schaden schnell seiner Kfz-Haftpflichtversicherung. Sie setzt sich mit dem Unfall­gegner in Verbindung. Hat man in Deutsch­land einen Unfall mit einem ausländischen Pkw, nennt der Zentralruf einen deutsch­sprachigen Partner. Jede Versicherung, die in der Europäischen Union Kfz-Policen verkauft, muss in Deutsch­land einen Vertreter haben, der deutsch spricht.

Wer einen Unfall im Ausland hatte, kann also auch von Deutsch­land aus seine Ansprüche gegen die fremde Versicherung geltend machen. Aber Achtung: Die Regulie­rungs­beauftragten arbeiten im Auftrag der ausländischen Versicherungen. Sie sind keine Schlichtungs­stelle. Sie vertreten nicht die Interessen des deutschen Unfall­opfers, wie es ein eigener Anwalt tun würde.

Immer die Polizei rufen

Wenn es gekracht hat, sollten die Betrof­fe­nen die Polizei rufen. Die Notrufnummer lautet EU-weit 112. In einigen Ländern verlangen die Versicherer ein polizei­liches Protokoll. Es ist sinn­voll, sich eine Durch­schrift geben zu lassen, inklusive Aktenzeichen und Adresse der Polizei­station. Lassen Sie sich die Papiere des Unfall­gegners zeigen. Egal was die Polizisten machen: Es empfiehlt sich, selber Beweise zu sichern:

  • Die Daten des Unfall­gegners notieren: Name, Anschrift, Kenn­zeichen, Versicherer.
  • Anschriften von Zeugen aufschreiben.
  • Fotos machen: Über­sichts­bilder der ge­sam­ten Unfall­situation aus verschiedenen Blick­winkeln und erhöhter Position, ebenso Details wie Knicke in der Brems­spur.
  • Danach zuerst die Autos zur Seite fahren. Dann ist Zeit, die Schäden an den Autos im Detail zu fotografieren.

Formular: Den europäischen Unfall­bericht verwenden

Es ist ratsam, den Europäischen Unfall­bericht zu verwenden. Das ist ein EU-weit einheitliches Formular, abge­fasst in jeweils einer Sprache der EU. Inhalt­lich und grafisch ist es in allen Sprachen gleich. Die Fragen sind durch­nummeriert. Man kann also ein Formular auf deutsch ausfüllen, der Unfall­gegner in seiner Sprache, und anschließend wechselseitig unter­schreiben. Die Unter­schrift bedeutet kein Schuld­anerkennt­nis. Formulare bekommen Auto­besitzer bei ihrem Versicherer oder gratis beim GDV. Andere Schrift­stücke sollten Sie am Unfall­ort besser nicht unter­schreiben, vor allem keines in einer fremden Sprache.

Unfälle inner­halb Europas

Bei Unfällen in der EU muss der Schaden­beauftragte inner­halb von drei Monaten ein Entschädigungs­angebot vorlegen. Lehnt er jede Leistung ab, muss er dies begründen. Die Frist beginnt, sobald das Unfall­opfer den Antrag auf Entschädigung stellt. Das kann man selbst per Post erledigen und aus Beweisgründen am besten per Einschreiben. Kommt keine Antwort, kann der Geschädigte sich an die Verkehrs­opfer­hilfe wenden.

Der Schaden­ersatz richtet sich nicht nach deutschem Recht, sondern nach dem Recht des Staats, in dem der Unfall passiert – es sei denn, der Unfall­gegner ist ebenfalls aus Deutsch­land. Dann gilt deutsches Recht.

Kommt es zum Gerichts­streit, müssen Geschädigte bei Unfällen in der EU nicht vor Gericht im Ausland klagen. Sie können das Gericht an ihrem Wohn­ort wählen (Europäischer Gerichts­hof, Az. Rs. C-463/06). Es gilt aber das Recht des Unfall­staats.

Die Regeln für den Schaden­ersatz unterscheiden sich erheblich, selbst inner­halb der EU. Teils wird deutlich weniger gezahlt als in Deutsch­land. In Frank­reich und Spanien werden Anwalts­kosten meist nicht ersetzt. Wert­minderung, Mietwagen, Gutachter­kosten muss das Unfall­opfer teils selbst tragen. Dennoch empfiehlt es sich, gleich einen Anwalt einzuschalten. Das gilt vor allem bei Unfällen außer­halb Europas. Die Schaden­regulierung mit ausländischen Versiche­rern ist häufig nerven­aufreibend und lang­wierig, meist dauert es Monate.

Wer sich den Ärger sparen will, kann sich schon in Deutsch­land dagegen versichern. Viele Tarife bieten in der Kfz-Haft­pflicht einen Zusatz: den Aus­lands­scha­denschutz. In wenigen Policen ist er sogar ohne Aufpreis auto­matisch enthalten, sonst kostet er häufig um die 20 Euro zusätzlich pro Jahr.

App für Urlauber

Das Europäische Verbraucherzentrum (EVZ) hat für Urlauber, die mit dem Auto ins Ausland fahren, eine App entwickelt. Sie gibt Auskunft, welche Dokumente mit müssen, wie es mit Verkehrs­regeln, Tanken, Maut oder Versicherungs­schutz aussieht. Die App „Mit dem Auto ins Ausland“ informiert kurz und knapp, woran man vor der Reise denken sollte. Sie gilt für Belgien, Dänemark, Frank­reich, Italien, Luxemburg, Nieder­lande, Österreich, Polen, Spanien und Tschechien. Sie ist kostenlos und funk­tioniert offline auf iOS sowie auf Android.

Schaden­ersatz nach deutschem Recht

Mit diesem Zusatz­schutz reguliert die eigene Versicherung den Unfall­schaden so, als sei der ausländische Unfall­gegner ebenfalls bei ihr haft­pflicht­versichert. Dann gibt es Schaden­ersatz nach deutschem Recht und der Geschädigte braucht sich nicht mit ausländischen Versicherungen, Anwälten oder Gerichten herum­zuschlagen. Das ist auch dann hilf­reich, wenn der fremde Unfall­ver­ursacher nicht versichert ist oder seine Deckungs­summen nicht ausreichen.

Wer eine Voll­kasko­versicherung hat, kann auch diese in Anspruch nehmen – selbst wenn ihn am Unfall keine Schuld trifft und die Versicherung des Unfall­gegners den Schaden bezahlen müsste. Sinn­voll kann das sein, wenn die Schuld­frage strittig ist. Allerdings wird dann der Schadenfrei­heits­rabatt zurück­gestuft. Falls die gegnerische Versicherung später den Schaden doch zahlt, macht der heimische Versicherer die Rück­stufung rück­gängig.

Wo die deutsche Versicherung gilt

Die deutsche Haft­pflicht­versicherung gilt in den geografischen Grenzen Europas sowie den außer­europäischen Gebieten, die zur Europäischen Union gehören. Das heißt in der Türkei bis zum Bosporus, nicht aber im asiatischen Teil des Landes.

Jenseits dieser Grenzen greift die Versicherung nur in Ländern, die auf der Grünen Versicherungs­karte stehen und nicht durch­gestrichen sind. Das kann von Versicherer zu Versicherer unterschiedlich sein. Im Zweifel sollten Auto­fahrer sich eine Grüne Versi­che­rungs­karte geben lassen und nach­sehen – vor allem vor Fahrten nach Russ­land und in die Türkei. Häufig erweitert der Versicherer die Deckung gegen Aufpreis auf andere Regionen. „Der Schutz richtet sich dann mindes­tens nach dem deutschen Versicherungs­vertrag“, erklärt Expertin Kathrin Jarosch vom GDV.

Die Grüne Karte gilt nur für die Haft­pflicht, nicht für die Teil- und Voll­kasko. Wer auch Kasko­schutz will, muss dies mit dem Versicherer vereinbaren. Die Grüne Karte ist zwar in der EU nicht mehr vorgeschrieben, dennoch ist es sinn­voll, sie mitzunehmen. Verlangt wird sie bei Fahrten in folgende Länder: Albanien, Bosnien-Herzegowina, Iran, Israel, Marokko, Mazedonien, Moldawien, Montenegro, Russ­land, Serbien, Türkei, Tunesien, Ukraine und Weiß­russ­land. Der Fahr­zeughalter erhält sie bei seiner Kfz-Versicherung.

Dieses Special ist erst­mals am 19. Juni 2012 auf test.de erschienen. Es wurde am 21. Januar 2019 aktualisiert.

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