Wenn beide Beteiligten eine Mitschuld trifft, verschenken Fahrer mit Voll­kasko­schutz bei der Regulierung oft viel Geld.

Viele Voll­kasko­versicherte verschenken beim Regulieren eines Unfalls bares Geld. Liegt eine Mitschuld vor, holen sie mit dem Quoten­vorrecht leicht über tausend Euro mehr raus. Diese Möglich­keit kennen selbst manche Anwälte nicht. Die Versicherungs­experten der Stiftung Warentest erklären anhand von konkreten Rechenbei­spielen, wie das Ganze funk­tioniert.

Haftungs­quoten bei Teilschuld

Wer hat Schuld? Wenn die Antwort „Jeder ein biss­chen“ lautet, müssen beide Unfall­beteiligte einen Teil des Schadens tragen. Das heißt nicht, dass sie ihren Schaden selbst zahlen. Vielmehr springen zunächst die Kfz-Haft­pflicht­versicherer über Kreuz ein. Wie viel welcher Versicherer über­nimmt, richtet sich nach der Höhe der Teilschuld. Meist einigen sich beide auf Haftungs­quoten, zum Beispiel 20, 30 oder auch 50 Prozent. Dann bleiben beide Fahrer auf einem hohen Eigen­anteil sitzen – auch wenn sie eine Voll­kasko haben.

Unser Rat

Quoten­vorrecht. Sie tragen eine Mitschuld am Auto­unfall? Und Sie haben eine Voll­kasko­versicherung? Dann ist es güns­tiger, wenn Sie den Schaden vorrangig über Ihre Voll­kasko regulieren. Die Schaden­positionen, die sie nicht trägt, machen Sie beim Kfz-Haft­pflicht­versicherer Ihres Unfall­gegners geltend.

Mitschuld. Einige Versicherer versuchen alles, Ihnen eine Mitschuld zu unterstellen, gern wegen der grund­sätzlichen „Betriebs­gefahr“ des Autos. Das ist oft über­zogen. In dem Fall hilft nur ein Anwalt – erst recht, wenn der Versicherer Sie mit Verweis auf die zusätzlichen Kosten davon abhalten will.

Honorar. Liegt eine Mitschuld vor, muss auch der Unfall­gegner entsprechend der Teilschuld anteilig das Anwalts­honorar mitbezahlen.

Falscher Regulierungsweg kann Kunden wie Versicher viel Geld kosten

Bei der Regulierung wählen viele Versicherer, und oft auch Anwälte, den falschen Weg. Das kann die Kunden Hunderte Euro kosten. Der Fehler: Die Kfz-Haft­pflicht trägt den Schaden des Gegners entsprechend der Mitschuld. Auf dem Rest bleiben die Beteiligten sitzen. Wir zeigen: Wer dies clever mit der eigenen Voll­kasko kombiniert, spart viel.

Beispiel: Ein alter VW-Golf und ein Porsche krachen ineinander. Beide Fahrer haben zu 50 Prozent Teilschuld. Die Reparatur am Golf kostet 800 Euro, die am Porsche 18 000 Euro. Nach dem üblichen Verfahren zahlt die Kfz-Haft­pflicht­versicherung des Porsche 400 Euro an den Golffahrer. Dessen Kfz-Haft­pflicht zahlt 9 000 Euro an den Porsche­besitzer. Dann stufen beide Versicherer den Schadenfrei­heits­rabatt ihrer Kunden zurück.

Schaden lieber vorrangig über die eigene Voll­kasko regulieren

Beide Beteiligte bekommen nur 50 Prozent ersetzt. Den Rest müssen sie selbst zahlen. „Kein Problem“, glauben Auto­besitzer mit Voll­kaskopolice: „Die übrigen 50 Prozent hole ich mir von dort.“ Doch das klappt nur teil­weise. Die Voll­kasko bezahlt zwar die Reparatur. Sie greift aber nicht für weitere Kosten wie Abschleppen, Sach­verständige, Nutzungs­ausfall oder Mietwagen. Sie gleicht auch die Wert­minderung nicht aus, die das Auto nach einer Reparatur meist hat. Außerdem zieht sie den Selbst­behalt ab, in vielen Policen 300 oder 500 Euro. Was viele Auto­fahrer nicht wissen: Es ist deutlich güns­tiger, den Schaden vorrangig über die eigene Voll­kasko zu regulieren und den Rest von der gegnerischen Haft­pflicht zu holen. Das bringt oft über tausend Euro.

Quoten­vorrecht: Selbst vielen Anwälten unbe­kannt

Das Schlüssel­wort heißt Quoten­vorrecht. Selbst viele Rechts­anwälte kennen diesen Weg der Schaden­regulierung nicht, obwohl er für den Klienten güns­tiger ist. Wer eine Voll­kasko hat und eine Teilschuld bekommt, sollte darüber Bescheid wissen.

Beispiel: Markus Müller trägt an einem Auffahr­unfall 50 Prozent Mitschuld. Sein Schaden beläuft sich auf 5 600 Euro:

  • 4 000 Euro Reparatur,
  • 350 Euro Abschleppen,
  • 530 Euro für den Gutachter,
  • 400 Euro Wert­minderung,
  • 300 Euro Nutzungs­ausfall,
  • 20 Euro, die er als Pauschale für seine Auslagen – zum Beispiel Telefonate und Porto – geltend machen kann.

Kfz-Haft­pflicht zahlt die Hälfte

Wenn Müller nun bei der Regulierung den Weg wählt, den viele Auto­fahrer gehen, wendet er sich an die gegnerische Haft­pflicht­versicherung. Sie ersetzt entsprechend seiner Mitschuld die Hälfte, also 2 800 Euro. Wegen der anderen Hälfte nimmt er seine Voll­kasko in Anspruch. Für sie bleiben noch 50 Prozent des Schadens zu regulieren, da die gegnerische Versicherung ja bereits die anderen 50 Prozent bezahlt. Dennoch bekommt Müller deutlich weniger als diese 50 Prozent. Weil Voll­kaskopolicen in der Regel nur für die reinen Reparatur­kosten greifen, stehen Müller im vorliegenden Fall lediglich 2 000 Euro zu. Davon zieht die Versicherung die Selbst­beteiligung ab, bei Müller 500 Euro. So erhält er am Ende nur 1 500 Euro. Im Ergebnis bekommt er von beiden Versicherern insgesamt 4 300 Euro. Damit bleibt er auf 1 300 Euro Kosten sitzen.

1 140 Euro mehr bekommen

Viel besser sieht es für ihn aus, wenn er sein Quoten­vorrecht nutzt. Er wendet sich zunächst an seine Voll­kasko­versicherung. Dann muss sie nicht nur den halben Schaden über­nehmen, sondern die vollen 4 000 Euro Reparatur­kosten. Abzüglich 500 Euro Selbst­beteiligung bekommt Müller 3 500 Euro. Als nächstes geht er wegen der übrigen Schaden­positionen, die die Voll­kasko nicht ersetzt, zur Kfz-Haft­pflicht­versicherung des Unfall­gegners. Sie hat noch nichts bezahlt, steht aber wegen der Mitschuld ihres Kunden in der Leistungs­pflicht – in diesem Fall maximal bis zur Höhe des Gesamt­schadens.

Versicherer ersetzt höhere Quoten

Hier greift nun das Quoten­vorrecht: Der Haft­pflicht­versicherer muss die übrigen Schaden­positionen über­nehmen – und nicht nur anteilig, im Beispiel zu 50 Prozent, sondern in einigen Punkten sogar zu 100 Prozent. Das gilt für Selbst­beteiligung, Abschleppen, Wert­minderung und Sach­verständigen­kosten. Den Nutzungs­ausfall hingegen muss der Kfz-Versicherer nur anteilig ersetzen, ebenso die Unkostenpauschale. Im Beispiel sieht die Erstattung so aus:

  • 500 Euro Selbst­beteiligung (100 Prozent),
  • 350 Euro Abschleppen (100 Prozent),
  • 530 Euro Gutachter (100 Prozent),
  • 400 Euro Wert­minderung (100 Prozent),
  • 150 Euro Nutzungs­ausfall (50 Prozent),
  • 10 Euro Unkostenpauschale (50 Prozent).

Das sind insgesamt 1 940 Euro. Jetzt sieht die Rechnung für Müller viel besser aus: 3 500 Euro von der Voll­kasko plus 1 940 Euro vom gegnerischen Versicherer – macht zusammen 5 440 Euro. Das sind deutlich mehr als die 4 300 Euro, die er beim herkömm­lichen Weg der Schaden­regulierung erhalten hätte. Mithilfe des Quoten­vorrechts bleibt er nicht auf 1 300 Euro Kosten sitzen, sondern nur auf 160 Euro.

Selbst für die gegnerische Versicherung lohnt sich dieser Weg oft ...

Die Regulierung über das Quoten­vorrecht ist wenig bekannt. Schließ­lich scheint es auf den ersten Blick befremdlich, dass die gegnerische Versicherung Schadenquoten zahlt, die über der Mitschuldquote ihres Kunden liegen. Der Berliner Rechts­anwalt Marcus W. Gülpen erklärt: „Letzten Endes kommt sie aber bei diesem Weg häufig besser weg, als wenn sie von vorn­herein ihren Anteil bezahlen müsste.“ Das ist auch im Beispielfall so: Hier muss sie 1 940 Euro leisten statt 2 800 Euro. Diese 2 800 Euro sind gleich­zeitig die Maximal­grenze für die Zahlungs­pflicht des gegnerischen Kfz-Versicherers. Er darf beim Quoten­vorrecht nicht schlechter gestellt werden als bei der herkömm­lichen Abrechnung.

... auch wenn sie sich am Rück­stufungs­schaden beteiligen muss

Was Pechvogel Müller jedoch bei beiden Wegen der Schaden­regulierung hinnehmen muss, ist die Rück­stufung seines Schadenfrei­heits­rabatts. Er rutscht nach der Regulierung in eine schlechtere Schadenfrei­heits­klasse (SF) und zahlt daher in den nächsten Jahren mehr Beitrag. Doch daran kann er die gegnerische Versicherung beteiligen. Sie muss auch den Rück­stufungs­schaden entsprechend der Teilschuld ihres Kunden ersetzen, hier also 50 Prozent – das gilt allerdings nur für die Rück­stufung in der Voll­kasko, nicht für die in der Kfz-Haft­pflicht.

Beispiel: Müller war bisher in SF 15 und zahlte 380 Euro jähr­lich für die Voll­kasko. Nun fällt er zurück in SF 7 und muss im nächsten Jahr 502 Euro berappen. Auch in den Folge­jahren zahlt er mehr als ohne Rück­stufung.Die Hälfte dieses Mehr­betrags muss der gegnerische Kfz-Haft­pflicht­versicherer über­nehmen. Wie viel genau, ist oft strittig und in aller Regel auch nicht abschließend zu beziffern. Schließ­lich kann es in der nächsten Zeit weitere Schäden und weitere Rück­stufungen geben.

Bescheinigung der Voll­kasko genügt meist

Doch viele Auto­versicherer regeln dies pragmatisch, berichtet Verkehrs­rechts­experte Gülpen: „Wenn der Unfall­geschädigte eine Bescheinigung seiner Voll­kasko vorlegt, die den künftigen Rück­stufungs­schaden ausweist, wird in der Regel der anteilige Betrag über­wiesen.“

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