Die Reform des europäischen Autohandels soll die Autos preiswerter machen und für mehr Wettbewerb beim ­Kundendienst sorgen.

Samstags im Supermarkt: Nebeneinander stehen zwölf Kleinwagen der Golfklasse zum Probegucken, Probesitzen, Probefahren. Die Preise sind günstig und das Interesse bei der ganzen Familie ist groß. Alle vergleichen Farben, Innenausstattung, Klimaanlage, Motorgeräusch, Schiebedach.

Bereits beim Kauf informiert eine Verkäuferin die Kunden, welche Werkstatt für sie am nächsten liegt und den besten Service anbietet. Die Zulassung verspricht die nette junge Dame aus dem Supermarkt für den Montag. Dann bringt sie auch die Wunschnummernschilder gern persönlich vorbei. Schöne neue Autowelt?

Ganz so wird es nicht gleich kommen. Seit 1. Oktober 2002 gilt für den Handel mit neuen Automobilen zwar eine neue europäische Regelung mit dem schwierigen Namen „Gruppenfreistellungsverordnung“ (GVO). Es ist aber eine einjährige Übergangszeit vorgesehen, in der alle bestehenden Verträge zwischen den Autoherstellern und Autohändlern den neuen Vorschriften angepasst werden müssen.

Modellvielfalt beim Händler

Ab Oktober nächsten Jahres dürfen die Händler auch Fahrzeuge anderer Hersteller anbieten. Der Opel-Händler kann dann auch Skodas und Modelle von BMW verkaufen, allerdings in einem speziellen Ausstellungsbereich.

Das erleichtert den Preis- und Leistungsvergleich. Denn bisher steht in jedem Autohaus nur das Modell des jeweiligen Herstellers. Das vergleichbare, vielleicht preiswertere Modell steht 20 Kilometer entfernt bei der Konkurrenz.

Verkauf und Reparatur getrennt

Ab dem 1. Oktober 2003 sind die ­Vertragshändler nicht mehr verpflichtet, neben dem Verkauf auch Wartung und Reparatur anzubieten. Der bisherige Autohändler kann sich entscheiden, ob er neben dem Autohandel zusätzlich eine Werkstatt betreibt und Ersatzteile verkaufen will oder ob er sich auf einen der drei Bereiche spezialisiert.

Wer nur Autos verkaufen will, muss aber mit mindestens einer Werkstatt einen Vertrag schließen, die für seine Kunden die Garantieleistungen ausführt. Diese Werkstatt muss vom Hersteller der Marke für diese Arbeiten autorisiert werden, also bestimmte Qua­litätsanforderungen erfüllen, zum Beispiel was die Ausstattung der Werkstatt mit Werkzeugen betrifft. Alle Werkstätten, die die Qualitätsanforderungen erfüllen, muss der Hersteller autorisieren. Bisher konnte er die Anzahl der Vertragswerkstätten noch begrenzen.

Freie, vom Hersteller unabhängige Werkstätten, haben nach der neuen GVO Anspruch darauf, von allen Herstellern technische Informationen und Werkzeuge zu bekommen, die für die Reparatur und Wartung der verschiedenen Marken notwendig sind. Auch Produktschulungen, wie sie zum Beispiel bei Einführung des neuen 7er-Modells von BMW notwendig wurden, müssen dann für Freie offen sein.

Preiswerte Ersatzteile

Auch beim Verkauf und Einbau von Ersatzteilen gibt es Änderungen. Bisher waren die markengebundenen Werkstätten im Vorteil: In einen Ford kommen nur Ford-Zündkerzen, in einen Audi nur die von Audi. Der Unterschied? Keiner – sie stammen alle von Bosch. Aber sobald sie beim Markenhändler sind, gelten sie als exklusive Originalersatzteile – und die sind entsprechend teuer.

Das könnte sich in ein paar Monaten ändern. So können die Werkstätten künftig die Bosch-Zündkerze direkt bei Bosch bestellen und damit günstiger einkaufen. Wer als Kunde bei seiner Werkstatt nach diesen billigeren baugleichen Teilen (Identteilen) fragt, kann dann bei der Reparatur Geld sparen. Nur die Garantieleistungen kann der Hersteller nach wie vor an bestimmte Bedingungen knüpfen, zum Beispiel an den Einbau von exklusiven Originalersatzteilen.

Gebietsschutz entfällt

Auch der Gebietsschutz – sowieso ein Widerspruch zum freien europäischen Binnenmarkt – fällt weg. Allerdings erst nach dem Oktober 2005.

Dann kann ein finnischer Händler eine Filiale in Deutschland aufmachen und seine Autos billiger als der Händler vor Ort anbieten. Das lohnt sich für Händler aus dem günstigeren Ausland ab einem Preisunterschied von mehr als 10 Prozent, schätzt Professor Ferdinand Dudenhöffer, Leiter des Instituts Center Automotive Research (CAR) an der Fachhochschule Gelsenkirchen.

Die Regelung wird auch dafür sorgen, dass Händler in Italien oder Holland ohne weiteres deutschen Kunden ihre Autos verkaufen. Früher mussten sich ausländische Händler auf Geheiß der Hersteller oft mit Ausreden wie „lange Lieferfristen“ oder „momentan nicht zu beschaffen“ sperren, die billigeren Autos an Deutsche zu verkaufen. Seit der Europäische Gerichtshof den Volkswagen-Konzern vor zwei Jahren zu einer 90-Millionen-Euro-Geldbuße verdonnerte, weil er italienischen Vertragshändlern die Lieferung an deutsche Kunden verbieten wollte, hat das nachgelassen.

Dass jeder Händler künftig seine Autos in der ganzen Europäischen Union anbieten kann, wird auch Auswirkungen auf den Internet-Markt haben. Über die Onlineautobörsen im Internet kann ein Kunde dann vom heimischen Schreibtisch aus leicht vergleichen, was der holländische, französische oder deutsche Händler in Deutschland zum Beispiel für einen Golf verlangt.

Nicht alle Preise werden sinken

Verbraucherschützer rechnen nun mit sinkenden Neuwagenpreisen. Nach einer Studie der EU-Kommission in Brüssel sind die Preise vor Steuern besonders für Kleinwagen und Autos der Mittelklasse in Deutschland am höchsten. Der Unterschied zwischen dem teuersten und billigsten Auto eines Modells kann bis zu 6 000 Euro betragen.

Autoexperte Professor Ferdinand Dudenhöffer meint: „Bei uns werden die Preise für Marken wie Opel, VW, ­Citroën oder Toyota sinken. Denn hier liegen innerhalb Europas die größten Preisunterschiede.“ Auf Fahrzeugmarken wie BMW, Porsche und Mercedes aber werde sich die neue Verordnung nicht auswirken, weil sich die Hersteller dieser Oberklassemarken längst europaweit auf dieselben Händlerpreise geeinigt haben.

Hersteller und Autolobbyisten wie der ADAC warnen dagegen vor einer Preisangleichung nach oben, und zwar gerade in den Ländern und bei den Modellen, die bisher sehr günstig waren.

Keine Autos bei Wal-Mart

Den Neuwagenverkauf im Supermarkt hat noch keine der großen Handelsketten im Visier. Susanne Müller, Pressesprecherin bei Wal-Mart sagt, dass derzeit keine Pläne existierten, Autos in ihren Häusern zu verkaufen.

Edeka-Sprecher Joachim Brozio betont: „Es gibt gegenwärtig keine Überlegungen, aufgrund der neuen GVO künftig auch Autos in den Edeka-Märkten anzubieten.“ Allerdings ist Autoverkauf für die Edeka-Gruppe nichts Neues: Im vorigen Jahr bot die Regionalgesellschaft Südwest den Fiat Punto im Supermarkt an.

Autoexperte Professor Dudenhöffer bezweifelt, dass sich der Kauf im Supermarkt durchsetzt. „Die GVO erlaubt es jedem Autohersteller, seine Anforderungen an Verkaufsräume und Fachpersonal so hoch zu schrauben, dass kein Supermarkt eine Chance hat.“

Weniger Autohändler

Die deutschen Autohäuser reagieren auf die Lockerung der Bindungen zwischen Händlern und Herstellern säuerlich. Aus dem Reparatur- und Wartungsgeschäft flossen bisher zwei Drittel ihrer Gewinne. Das Neuwagengeschäft, so Professor Dudenhöffer, bringe kaum noch Geld: „Die Rendite liegt zwischen null und 0,5 Prozent.“

Dudenhöffer sagt: „Die neue Verordnung wird zu einer Ausdünnung des Vertriebsnetzes führen. In Deutschland werden 3,2 Millionen Neuwagen von 22 600 Autohändlern verkauft, in den USA setzen 22 000 Händler 17 Millionen Autos um.“ Bereits jetzt haben mehr als ein Drittel der in Deutschland vertretenen Autokonzerne die Verträge mit ihren Händlern gekündigt, um sie den neuen rechtlichen Standards anzupassen. Wie viele Händler einen neuen bekommen, weiß keiner.

Der Autoprofessor rechnet damit, dass mehr als die Hälfte der Händler den harten Wettbewerb nicht überleben werden. „Die kleinen Autohäuser bleiben auf der Strecke, die großen werden ihr Angebot verbessern.“ Als Beispiele nennt Dudenhöffer: 24-Stunden-Reparaturservice, bessere Kundenpflege, eine noch stärkere Erweiterung des Angebots hin zu Artikeln rund ums Auto, mehr Marken unter einem Dach.

Nicht die Autos werden in den Supermarkt rollen, ist seine Konsequenz, sondern die Autoverkaufshäuser werden zu Supermärkten.

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