„Unser Test ist realistischer als die Norm“

Komplizen. Projektleiter Henry Görlitz prüft seit 22 Jahren Kinder­sitze, auch mit diesem Crash-Test-Dummy. Im Bild die Start­seite seines ersten Tests aus dem Jahr 1997.

22 Jahre, mehr als 1 000 getestete Sitze: Projektleiter Henry Görlitz verabschiedet sich in den Ruhe­stand und sagt, wie der Auto­kinder­sitz der Zukunft sein sollte.

22 Jahre – eine lange Zeit. Worauf sind Sie im Rück­blick stolz?

Wir haben einen Beitrag dazu geleistet, dass Kinder­sitze sicherer werden. Heute sterben bei Auto­unfällen erheblich weniger Kinder als vor 20 Jahren. Oft ist es so, dass sich erwachsene Insassen bei einem Crash schwerer verletzen als Kinder in ihren Sitzen.

Worin besteht dieser Beitrag?

Wir haben schon im Jahr 2 000 damit begonnen, das Verhalten der Sitze beim Seiten­aufprall zu testen, lange, bevor die Norm das vorschrieb. Seit 2011 testen wir Sitzbezüge auch auf Schad­stoffe. Und der Crashtest simuliert realistische Unfall­szenarien. Die Sitze werden zum Beispiel in einer tatsäch­lichen Auto­karosse getestet. Viele Anbieter nehmen das auch wahr und bessern nach, sie möchten ja ein gutes Produkt abliefern.

Anbieter werfen der Stiftung vor, der Test sei strenger als die Norm. Stimmt das?

Der Test ist realistischer, würde ich sagen. Wir haben Unfälle analysiert. Unsere Testkarosse prallt mit der gleichen Verzögerung auf ein Hindernis wie beim Zusammenprall zweier Autos. Es gibt auch Elemente, die die Norm gar nicht abprüft, etwa Hand­habung und Ergonomie. Wie sitzt das Kind im Sitz? Mit wie viel Beinfreiheit? Wie einfach lässt es sich an- und abschnallen?

Immer wieder finden die Tester Schad­stoffe. Gibt es da ein Muster?

Nein. Die Funde machen vor Name und Preis nicht halt. Eine Zeit lang wurde es mal weniger, dann wieder mehr. Jetzt im Test betrifft es nur einen Sitz, aber das Schad­stoff­problem tritt immer wieder auch gehäuft auf. Es scheint, als hätten die Anbieter Schwierig­keiten, das in den Griff zu bekommen. Die meisten haben strenge Qualitäts­kontrollen, aber eben nur stich­proben­artig.

Ärgert es Sie, wenn Sie auf Mängel stoßen, defekte Teile zum Beispiel?

Ja, tatsäch­lich, es ist ärgerlich und enttäuschend, denn es gäbe ja die Möglich­keit, dass die Anbieter unseren Test vorher ausprobieren. Wir haben genug Beispiele, die zeigen, dass es auch anders geht. Natürlich haben defekte Teile die verschiedensten Ursachen. Aber manchmal ist der Grund scheinbar die geringe Marge, und das ärgert mich.

Fühlen Sie mit den Herstel­lern mit?

Ja, klar. Wir wollen ja, dass sich die Produkte verbessern. Oft sind die Anbieter selbst über­rascht, etwa, wenn wir Schad­stoffe finden. Einmal hatten wir einen Fund im Bezugs­stoff und haben gerätselt, wo er herkommt. Schließ­lich fand der Anbieter heraus, dass er im Kleber des Siegels steckte, das eigentlich die Unbe­denk­lich­keit bescheinigen sollte. Ein andermal fand sich der kritische Stoff im Nähmaschinenöl eines Zulieferers. Wir hatten ihn im Faden des Bezugs­stoffs nachgewiesen.

Was würden Sie sich von den Anbietern wünschen? Was wirk­lich noch fehlt, ist ein System, das Eltern dezent warnt, wenn sich die Kinder abschnallen. Ein Kind, das sich aus dem Hosen­trägergurt befreit, ist der Supergau für Eltern. Ich glaube, in Zukunft werden die Sitze noch besser anzeigen, ob sie richtig einge­baut sind. Und unserer Erfahrung nach sollten Sitze und Autos besser aufeinander abge­stimmt werden. Da könnten sich die Auto­hersteller noch mehr engagieren.

Ist Ihnen der Name eines Sitzes besonders in Erinnerung geblieben?

Ja, Luftikid. Ich fand den vom Namen her toll. Aber im Test ging ihm leider die Puste aus.

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TestAuto­kinder­sitze25.05.2019
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