Sicherheit von Auto-Freisprechanlagen: 414 Meter Blindflug

Die Bundesregierung will das Telefonieren per Handy im Auto verbieten. Doch einige Freisprechanlagen sind im Straßenverkehr ebenso unsicher wie Handys.

Freisprechanlagen sind im Vergleich zu Handys ungefährlich - glaubte man bisher. Sie machen das Telefonieren im Auto sicher und verringern die Unfallgefahr, weil der Fahrer beide Hände am Steuer lassen kann. Aktuelle Untersuchungen der Stiftung Warentest belegen aber das Gegenteil. Viele Freisprechanlagen sind gefährlich. Ihre schlechte Ton- und Empfangsqualität sowie die umständliche Bedienung stressen den Fahrer so sehr, dass er unter Umständen stärker abgelenkt ist als bei Gesprächen per Handy. Wer mit einer schlechten Freisprechanlage eine Nummer wählt, ist bis zu 14,8 Sekunden abgelenkt und sieht dabei kaum auf die Fahrbahn ­ bei Tempo 100 legt das Auto in dieser Zeit fast 414 Meter zurück. Wenn der Gesetzgeber nicht zwischen verschiedenen Freisprechanlagen differenziert, könnten solche Blindflüge bald zur gesetzlich verordneten Realität werden. Zur Gewichtung der Ergebnisse muss man bedenken, dass in unserer Untersuchung die Geräte optimal eingestellt waren und die Prüfer viel Routine im Umgang mit technischen Anlagen dieser Art haben.

Bei weniger trainierten Fahrern und schlechterer Technik werden die Ergebnisse noch dürftiger aussehen.

Lange Ablenkzeiten

Für den Test haben wir unsere Mitarbeiter auf der Autobahn und auf einer Strecke mit stadtähnlichem Verkehr telefonieren lassen: Geprüft wurden jeweils Gespräche mit Handy, mit einer herkömmlichen, aber recht leistungsfähigen Freisprechanlage und mit einer komfortablen Freisprechanlage mit Spracherkennung (Voice-Dial). Während der Fahrt wurden die Versuchspersonen mit zwei Videokameras überwacht und gefilmt. So lässt sich exakt nachweisen, wie lange die Fahrer beim Bedienen des Funktelefons nicht oder nur sporadisch auf die Straße geblickt haben. Gemessen wurde die Zeit, in der der Fahrer das Handy bedient (zum Beispiel Heraussuchen einer Nummer aus dem Handy-Telefonbuch) und das Autoradio leise beziehungsweise nach dem Telefonat wieder laut gestellt hat. Im zweiten Versuch wurde bei stadtähnlichem Verkehr die Konzentrationsfähigkeit geprüft. Die Testpersonen mussten während des Telefonats Rechenaufgaben lösen (32 + 5 = ?), die ihnen der Gesprächspartner gestellt hatte. Außerdem sollten sie sich zusätzlich aufgestellte Verkehrsschilder merken. Während der Fahrt zeichnete eine Pulsuhr den Herzschlag auf.

Handy und herkömmliche Freisprechanlagen brachten in unserer Untersuchung sehr ähnliche Ergebnisse:

- Die Ablenkzeiten sind lang. Bereits das Wählen einer Telefonnummer dauerte beim Handy bis zu zehn Sekunden, mit der Freisprechanlage bis zu neun Sekunden. Wer jetzt auch noch das Autoradio leise und nach dem Telefonat wieder laut stellt, ist insgesamt fast 15 Sekunden vom Verkehr abgelenkt. Zum Vergleich: Bei Tempo 100 legt man pro Sekunde etwa 28 Meter zurück.

- In manchen Situationen dreht sich das Verhältnis sogar um, dann lenken Freisprechanlagen sogar stärker ab als Handys. Im Test dauerte das Anwählen einer im Handy-Telefonbuch gespeicherten Nummer bei einigen Freisprechanlagen fast doppelt so lange wie mit dem Funktelefon. Grund: Das Handy steckt in der Halterung und so ist das Handydisplay relativ weit weg und nur schlecht zu lesen. Gefährlich sind hier vor allem Handys mit sehr kleinem Display sowie Mobiltelefone, bei denen Eingaben beispielsweise durch einen Tastendruck bestätigt werden müssen. Problematisch sind ebenfalls die Unebenheiten der Fahrbahn, durch die man beim Wählen die kleinen Handytasten nicht immer richtig trifft.

- Telefonieren im Auto ist für den Fahrer generell sehr stressend. Je höher der Puls, desto weniger achtet er auf den Verkehr. Im Test stieg der Herzschlag der Fahrer bei Handytelefonaten durchschnittlich um 16 Prozent an, mit der Freisprechanlage waren es 13,5 Prozent. Die höchste gemessene Pulsfrequenz lag bei 145 Schlägen pro Minute ­ ohne körperliche Belastung!

- Die Konzentrationsfähigkeit lässt nach. Bei Gesprächen per Handy vergaßen die Fahrer fast die Hälfte aller zusätzlich aufgestellten Verkehrsschilder. Mit Freisprechanlage konnten sie sich an jedes dritte Schild nicht erinnern.

- Mit dem Handy wurde auf der Teststrecke mit stadtähnlichem Verkehr in drei von zwölf Fällen die Vorfahrt nicht beachtet. Mit der Freisprechanlage immerhin noch in einem Fall.

Im Auto mit dem Handy zu telefonieren ist natürlich die schlechteste Lösung. Mit nur einer Hand lässt sich ein normales Fahrzeug nicht sicher fahren. Die Ergebnisse der Stiftung Warentest belegen aber: Die negativen Eigenschaften von Freisprechanlagen wurden bisher nicht ausreichend beachtet. Das Handy wird meist in eine Halterung an der Mittelkonsole des Fahrzeugs gesteckt. Dort kann der Fahrer aber das Display des Telefons und die winzige Beschriftung der Tasten kaum noch erkennen. Er sieht nicht, ob er Müller oder Möller aus dem Handy-Telefonbuch herausgesucht hat. Folge: Der Fahrer beugt sich zum Handy hinunter, ist lange abgelenkt oder unkonzentriert und wird für andere Verkehrsteilnehmer zum Sicherheitsrisiko.

Teuer, aber sicher

Eine Lösung für dieses Problem könnten Freisprechanlagen mit Spracherkennung sein. Sie bringen im Test erheblich geringere Ablenkzeiten, weil der Fahrer das Telefon durch mündliche Befehle und nicht über die Tastatur steuert. Er muss nur den Namen des gewünschten Gesprächspartners aussprechen, und das Telefon wählt automatisch die Nummer. Der Fahrer sieht immer auf die Straße. Gefährliche Blindflüge, während der er auf der winzigen Handytastatur herumtippt, gibt es nicht. Auch die Konzentrationsfähigkeit verbessert sich: Bei unseren Testfahrten konnten sich die Fahrer 88 Prozent aller zusätzlich aufgestellten Verkehrsschilder merken. Der Puls stieg nur um sieben Prozent an.

Handy weg vom Steuer allein genügt also nicht. Die Stiftung Warentest empfiehlt deshalb, im Auto nur mit Freisprechanlagen mit Sprachwahl zu telefonieren. Eine solche Anlage kostet allerdings mindestens 600 Mark plus Einbau.

In jedem Falle sollte der Gesetzgeber alle Freisprechanlagen verbieten, die nachweislich den Fahrer fast ebenso ablenken wie ein Handy. Dazu zählen vor allem besonders preisgünstige Systeme, die schnell installiert sind und nur in den Zigarettenanzünder gesteckt werden müssen. Ansonsten vervielfacht die geplante gesetzliche Regelung die Gefahr, die sie eigentlich bannen will: Genervte Autofahrer plagen sich erst mit der technisch mangelhaften Freisprechanlage herum und holen dann doch das Handy aus der Halterung, um endlich "richtig" telefonieren zu können.

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