Auszahlung Lebens­versicherung Special

Michael Wenzel hat 29 Jahre lang Beiträge gezahlt. Obwohl er so lange durch­gehalten hat, strich ihm die Provinzial Nord­west den Schluss­über­schuss.

Lange gespart, endlich fließt Geld. Doch viele Kunden sind enttäuscht, wenn sie nach Jahren des Sparens ihre Schluss­abrechnung ansehen. Die Finanz­experten der Stiftung Warentest erklären, warum die Auszahlung oft weit unter der Prognose von einst liegt – und wann es sich für Kunden lohnt, bei ihrer Lebens­versicherung nach­zuhaken.

Wenn der „mögliche“ Schluss­über­schuss immer weiter sinkt

Michael Wenzel hat 29 Jahre lang einge­zahlt – in eine Kapital­lebens­versicherung der Provinzial Nord­west. Doch mit der ausgezahlten Summe ist er nicht zufrieden; sie ist geringer als vorhergesagt. Beim Abschluss 1988 bekam der heute 61-Jährige mit 3,5 Prozent einen guten Garan­tiezins – also einen guten Zins auf seine Spar­einlagen nach Abzug von Kosten. Heute gibt es für neue Verträge nur 0,9 Prozent. Doch der Wenzel in früheren Stand­mitteilungen in Aussicht gestellte „mögliche“ Schluss­über­schuss sank im Vertrags­verlauf um mehrere Tausend Euro – bis auf null am Vertrags­ende. So wie Wenzel sind viele Kunden enttäuscht, wenn sie nach Jahren des Sparens ihre Schluss­abrechnung ansehen.

Unser Rat

Laufender Vertrag. Haben Sie bereits einen Vertrag, halten Sie ihn durch. Wenn er länger als fünf Jahre läuft, sind meist die Abschluss­kosten bezahlt und es fließt mehr von Ihrem Beitrag in Ihren Spartopf.

Auszahlung. Wenn Ihr Vertrag abge­laufen ist und der Versicherer Ihnen Ihre Beteiligung an den Bewertungs­reserven nicht darlegt, verlangen Sie Aufklärung. Berufen Sie sich dabei auf das Urteil des Bundes­gerichts­hofs (BGH) vom 27. Juni 2018 (Az. IV ZR 201/17).

Beschwerde. Informiert der Versicherer dann nicht, wenden Sie sich an Ombudsmann und Bundesfinanzaufsicht. Geprüft wird etwa, ob der Zeit­punkt der Beteiligung an Reserven korrekt ist.

Vertrags­prüfung. Sie können Ihren Vertrag von der Verbraucherzentrale Hamburg prüfen lassen. Dies kostet 85 Euro. Sie prüft unter anderem, ob die Rendite plausibel ist.

Klage. Hat Ihre Beschwerde keinen Erfolg und haben Sie eine Rechts­schutz­versicherung, verklagen Sie Ihren Versicherer. Das oben erwähnte BGH-Urteil ermutigt dazu. Selbst wenn die Bafin nach einer Beschwerde „keine Anhalts­punkte“ für eine Falsch­berechnung sehe, stehe dies „einem Anspruch des Klägers auf Über­prüfung in einem zivilrecht­lichen Verfahren nicht entgegen“, so der BGH.

Neuer Vertrag. Schließen Sie zur Alters­vorsorge keine Kapital­lebens­versicherung und keine der neu angebotenen privaten Renten­versicherungen mit abge­senkten Garan­tien ab („Neue Klassik“ und Index­policen). Sie erfahren nicht, wie viel vom Beitrag wirk­lich gespart wird. Außerdem ist die bei Vertrags­schluss garan­tierte Leistung zu nied­rig. Mehr in unserem Test Private Rentenversicherung: Neue Verträge bieten weniger Schutz.

Nur auf Garan­tieleistung bauen

Die Lebens­versicherung ist eine komplizierte Anlageform. In ursprüng­lichen Berechnungen und jähr­lichen Mitteilungen informiert ein Versicherer über eine mögliche Auszahlungs­summe. Sie setzt sich aus mehreren Teilen zusammen: der garan­tierten Leistung, der Über­schuss­beteiligung und eventuell noch Schluss­über­schüssen und Bewertungs­reserven (siehe Grafik).

Auszahlung Lebens­versicherung Special

Auszahlung der Lebens­versicherung: Wie sich die Summe zusammensetzt. In eine Lebens­versicherung zahlt ein Kunde viele Jahre lang ein. Sicher erhält er am Ende nur seine garan­tierte Leistung, also verzinste Spar­anlagen minus Kosten. Ob es mehr gibt, hängt davon ab, wie erfolg­reich der Versicherer mit dem Geld aller Kunden wirt­schaftet und wie er sie beteiligt.

Auszahlung der Lebens­versicherung: Wie sich die Summe zusammensetzt. In eine Lebens­versicherung zahlt ein Kunde viele Jahre lang ein. Sicher erhält er am Ende nur seine garan­tierte Leistung, also verzinste Spar­anlagen minus Kosten. Ob es mehr gibt, hängt davon ab, wie erfolg­reich der Versicherer mit dem Geld aller Kunden wirt­schaftet und wie er sie beteiligt.

Jede Stand­mitteilung sieht anders aus

Kunden können auf einen Blick oft nicht erkennen, welche Bestand­teile sicher sind und worauf sie über­haupt Anspruch haben. Dazu kommt: Jede Stand­mitteilung sieht anders aus, längst nicht über­all sind alle Teile einzeln aufgeschlüsselt. Über­schüsse sind aber in jedem Fall ungewiss. Dies gilt für eine Kapital­lebens­versicherung ebenso wie für eine private Renten­versicherung, Riester- oder Rürup-Renten­versicherung.

Streit über Beteiligung an Bewertungs­reserven

Außer Enttäuschung über eine geringe Über­schuss­beteiligung gibt es auch Streit zwischen Versicherern und Kunden über die Beteiligung an den Bewertungs­reserven. Sie entstehen, wenn der Markt­wert einer Kapital­anlage des Versicherers über dem Anschaffungs­preis liegt – wenn also der Wert der mit dem Kundengeld erworbenen Immobilien, Aktien­anlagen oder Zins­papiere gestiegen ist.

Schluss­über­schuss „zum Ausgleich“ gestrichen

Michael Wenzel ist doppelt betroffen: Er bekam weniger Über­schuss­beteiligung und sein Anteil an den Bewertungs­reserven wurde um 10 Prozent gekürzt. Hintergrund: Versicherer haben immer den Gesamt­bestand aller Kunden im Blick. So auch bei Wenzels Provinzial Nord­west. Das Unternehmen hatte die laufende Verzinsung, also die Summe aus garan­tiertem Zins und Zins­gewinn­anteil, für den Durch­schnitt aller Verträge für das Jahr 2017 – Wenzels Vertrags­ende – auf 2,25 Prozent fest­gelegt. Auch in den Jahren davor war Wenzels Garan­tiezins von 3,5 Prozent besser als die vom Versicherer fest­gelegte laufende Verzinsung. Bittere Konsequenz für Wenzel: Weil seine Garantie höher war, strich ihm die Provinzial Nord­west „zum Ausgleich“, so ihre lapidare Begründung, den Schluss­über­schuss und kürzte ihm die Beteiligung an den Bewertungs­reserven. Diese Einschnitte macht das Unternehmen, um seine Garan­tieversprechen für Altkunden zu erfüllen.

Abrechnungen intrans­parent

Weiteres Ärgernis ist die Intrans­parenz bis zum Schluss: Wie viel aus der jeweiligen Über­schuss­quelle an den einzelnen Kunden fließt, schlüsselt der Versicherer nicht auf. Für die Gesamt­heit aller Kunden gibt es dazu Angaben im Geschäfts­bericht. Sie versteht aber „kein normaler Kunde“, sagt Versicherungs­experte Hermann Weinmann (Interview). Viele Finanztest-Leser sind mit ihrem Anteil an den Bewertungs­reserven und der Information des Versicherers darüber nicht zufrieden. So klagt Finanztest-Leserin Doris Ruhig, die Mitteilung der Hanno­versche Leben zu ihrer Ablauf­leistung sei „keine trans­parente Abrechnung“. Petra Reuter bemängelt, die Huk Lebens­versicherung habe nur die Versicherungs­summe und die gesamten Über­schuss­anteile genannt, jedoch „keine weiteren Aufschlüssel­ungen“ – auch nicht über die Bewertungs­reserven.

Hilfe vom Bundes­gerichts­hof

Immer wieder fragen Kunden bei Versicherern nach ihrer Beteiligung an den Bewertungs­reserven. Wenzel wandte sich zudem an die Versicherungs­aufsicht Bafin. In seinem Fall war das vergeblich, doch andere Kunden waren dort erfolg­reich. Mitt­lerweile wird der Streit zwischen Versicherern und Verbrauchern auch vor Gericht ausgetragen. Der Bundes­gerichts­hof (BGH) erklärte die seit 2014 geltende Kürzung der Bewertungs­reserven aus fest­verzins­lichen Wert­papieren zwar für rechtens. Doch die beklagte Versicherungs­gesell­schaft, die zum Ergo-Konzern gehörende Victoria, müsse begründen, weshalb sie die Auszahlung kürzt und warum der Kunde weniger Bewertungs­reserven bekommt. Dieses Urteil ist für Kunden ein guter Hebel, um vom Versicherer eine trans­parente und nach­voll­zieh­bare Schluss­abrechnung zu verlangen.

Land­gericht Stutt­gart spricht Allianz-Kunden höhere Beteiligung zu

Ferner hat das Land­gericht Stutt­gart einem Allianz-Kunden eine viel höhere Beteiligung an den Bewertungs­reserven zugesprochen, als ihm der Versicherer ausgezahlt hat. Wenn der Versicherer Gewinne an den Mutter­konzern oder an Aktionäre abführe, dürfe er keinen „Sicherungs­bedarf“ für die hohen Garan­tien der Altverträge einbehalten – auf Kosten der Beteiligung der Kunden an den Bewertungs­reserven. Die Allianz prozessiert jedoch vor dem Ober­landes­gericht weiter. Das Urteil wird in der zweiten Hälfte 2019 erwartet.

Steigende Gewinne bei Lebens­versicherern

Lebens­versicherer haben im Jahr 2017 mehr als 1,5 Milliarden Euro Gewinn an ihre Muttergesell­schaften über­wiesen, so die Bundes­regierung. Fünf Jahre zuvor, im Jahr 2012, waren es knapp 364 Millionen Euro. In jedem Fall ist es Geld, das den Kunden bei der Ablauf­leistung fehlt.

Leser­aufruf: Schreiben Sie der Stiftung Warentest!

Haben Sie Hinweise oder Informationen zum Thema? Schi­cken Sie uns bitte eine E-Mail an bewertungsreserven@stiftung-warentest.de.

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