Für ihre Versicherungsbedingungen bekommen mehr als die Hälfte der Reisekranken­versicherungen von uns ein „Sehr gut“ oder „Gut“. Doch die telefonischen Notrufe unserer Tester haben einige Anbieter klar überfordert.

Mit einem komplizierten Beinbruch kann die Zeit sehr lang werden in einem türkischen Provinzkrankenhaus. Besonders dann, wenn der Reisende die Sprache nicht spricht und der Rest der Familie schon nach Hause zurückfliegen musste.

Der Urlaub ist schon längst zu Ende. Die meisten wären ihrem Reisekrankenversicherer jetzt dankbar, wenn er den Rücktransport nach Hause bezahlte, auch wenn dieser aus medizinischer Sicht nicht unbedingt notwendig ist. Das Erfreuliche in ­unserem Test: Immer mehr Versicherer übernehmen die Kosten für einen solchen Rücktransport.

Auch sonst sind die Bedingungen in den letzten Jahren kundenfreundlicher geworden. Keiner der Tarife in unserem Test schnitt bei der Bewertung der Kundenfreundlichkeit der Versicherungsbedingungen schlechter als „befriedigend“ ab.

Notrufzentralen oft überfordert

Als wir aber die Notrufdienste der Anbieter auf die Probe stellten, ließen viele unsere Tester in der Türkei ziemlich hilflos zurück. Dabei werben die Reisekrankenversicherer mit ihrer 24-Stunden-Notfallhilfe besonders stark.

Die Hilfe ist auch sinnvoll und wichtig, denn für Urlauber ist es im Ausland oft schwer zu beurteilen, welche Ärzte seriös und welches Krankenhaus geeignet ist (siehe „Interview“).

Wir schickten Tester an die türkische ­Riviera, um herauszufinden, wie es mit dem Rat der Versicherer denn nun wirklich aussieht. Sie riefen aus der Nähe von Antalya die Notdienste am späten Abend mit der Bitte an, ihnen ein Krankenhaus in der Nähe zu nennen. Sie hätten einen Sportunfall erlitten.

Bei den Notdiensten der Reisekrankenversicherungen bekamen die Tester bei mehr als der Hälfte keine gute Hilfestellung für ihr Problem. Die Mannheimer ist in unserem Praxistest sogar komplett durchgefallen, ebenso wie LVM, Central, Envivas und Würzburger.

Dabei haben wir die Messlatte gar nicht so hoch gelegt. Die Mitarbeiter am anderen Ende der Leitung sollten unseren „Verunglückten“ lediglich die Adresse und Telefonnummer des nächstgelegenen Krankenhauses nennen. Nicht wirklich eine Herausforderung für einen professionellen Notdienst, möchte man denken.

Das erste Problem: Zwei Anbieter – die Düsseldorfer und der Münchener Verein – bieten schon von vornherein gar keinen 24-Stunden-Notdienst an, bei der DBV-Winterthur müssen Käufer des Internettarifs ohne diese Hilfe auskommen.

Viele andere waren einfach mit der Aufgabe überfordert. Unsere Tester stellten fest, dass die meisten Notdienste überhaupt keine oder nur geringe Ortskenntnis von der türkischen Riviera hatten. Angaben über Krankenhäuser konnten sie erst nach längerer Recherche bei einem späteren Rückruf machen.

Oft hielten sie die Städte Kemer und ­Side, wo sich Krankenhäuser befinden, für Stadtteile von Antalya, obwohl diese 70 und 100 Kilometer entfernt liegen. Wir vermuten, dass in vielen Notdienstzentralen weder detailliertes Kartenmaterial noch genaue Informationen über Krankenhäuser in dieser Region vorhanden sind.

Dabei sind gerade Reisende in der Türkei auf solche Informationen angewiesen. Denn vor Ort sind oft kaum genaue Straßenkarten oder Stadtpläne zu bekommen, wie unsere Tester bei Nachfragen in Tankstellen und Geschäften herausfanden.

Kunde allein gelassen

Unbefriedigend war das Ergebnis bei der Würzburger, die ihren Notrufdienst an die Inter Partner Assistance ausgelagert hat. Nach einer langwierigen Aufnahme der persönlichen Daten, der Reisedaten und des Unfallhergangs wurde erst einmal eine Akte angelegt und der Rückruf durch unseren Mitarbeiter vereinbart. Dabei hatte der Tester betont, dass es sich um einen Notfall handele und er schnell die Adresse eines Krankenhauses brauche.

Unser Tester rief nach 20 Minuten nochmals an, gab dann aber nach vier Minuten in der Warteschleife auf. Ein weiterer Versuch ein wenig später endete mit dem gleichen Ergebnis. Die Notrufzentrale meldete sich nicht.

Auch von den Notrufdiensten der Central und Envivas, die diese beide von der Europ Assistance managen lassen, gibt es nichts Gutes zu berichten. Statt der Adresse eines Krankenhauses wurden unsere ­Tester ausführlich über die Regulierungspraxis informiert. Die gewünschte Adresse sollten sie beim Vermieter der Ferienwohnung oder in einer Gaststätte erfragen. Das könnte allerdings schwierig werden, wenn man nicht so gut türkisch spricht.

Auch in den Notrufzentralen der LVM, die den Notruf selbst organisiert und nicht mit externen Dienstleistern zusammenarbeitet, und der Mannheimer bekamen unsere Türkeiurlauber keine ­Angaben, die ihnen weiterhalfen.

Abschluss für fast alle ein Muss

Einige Notrufzentralen sind noch weit von der oft versprochenen, kompetenten Rund-um-die-Uhr-Hilfe entfernt. Dennoch ist eine Reisekrankenversicherung für die meisten Urlauber notwendig. Selbst ein Anbieter mit schlechter Betreuung ist besser als gar kein Schutz.

Schließlich geht es erst einmal darum, die Kosten von Behandlungen und Medikamenten im Ausland nicht selbst tragen zu müssen. Das bieten alle Policen.

Ein mehrwöchiger Aufenthalt in einem US-amerikanischen Krankenhaus kann ­einen Normalverdiener ruinieren. Schnell kommen 2 000 Euro pro Tag zusammen.

Außerhalb Europas und in Ländern, mit denen Deutschland kein Sozialversicherungsabkommen geschlossen hat, wie Ägypten und Libyen, übernimmt die gesetzliche Krankenkasse keinerlei Kosten. Aber auch innerhalb Europas ­bekommen Urlauber Behandlungskosten nicht immer voll erstattet. Einen Krankenrücktransport zahlt die Kasse nie. Schon allein deshalb ist zum Abschluss der Versicherung zu raten.

Großer Vorteil: Der Schutz ist wirklich nicht teuer. Mehr als 10 Euro im Jahr muss niemand für einen guten Tarif ausgeben.

Was den Preis und die Vertragsbedingungen angeht, sind die Gesellschaften also auf dem richtigen Weg. Bei der praktischen Hilfe für die Reisenden gibt es noch Nachholbedarf. Wir rufen wieder an.

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