Interview: Operation aus Geldgier

Die Gesundheitsindustrie in vielen Urlaubsländern verdient prächtig an den Touristen. Mancher wird sogar unnötig operiert, sagt Gerhard Müller. Er ist medizinischer Leiter des Reisenotrufdiensts Mondial Assistance Deutschland, der für mehrere große Versicherer arbeitet.

Finanztest: Wie ist die Qualität der medizinischen Versorgung in den Hauptreisezielen?

Gerhard Müller: Ganz gut. Krankenrücktransporte nach Deutschland, die in den achtziger Jahren oft lebensrettend waren, sind heute aus medizinischer Sicht nur selten nötig. In vielen Ländern hat sich mit dem Tourismus geradezu eine Gesundheitsindustrie speziell für die Urlauber entwickelt. Die hat allerdings auch ihre Schattenseiten.

Finanztest: Welche?

Müller: Die neuen privaten Kliniken leben ausschließlich von den Touristen. Jeder Reisende wird als potenzielle Geldquelle gesehen, an dessen Gesundheit alle mitverdienen. Es gibt eingespielte Ketten von der Reiseleitung über Rezeptionisten bis zum Taxifahrer. Der Taxifahrer bringt den Touristen nicht ins nächste geeignete Krankenhaus, sondern in das, von dem er bestochen wird. Außerdem findet oft eine völlige Überversorgung statt.

Finanztest: Ist das so schlimm?

Müller: Ja. Oft werden Patienten mit Durchfall unnötig bis zu sieben Tage im Krankenhaus behalten. Oder sie bekommen gleich Antibiotika der neuesten Generation. Dadurch können sie Resistenzen entwickeln, das heißt, das Medikament wirkt nicht mehr, wenns später mal drauf ankommt. Noch ein Beispiel: In der Türkei ist es passiert, dass viel zu vielen Kindern, die an gewöhnlichem Brechdurchfall litten, gleich der Blinddarm herausgenommen wurde. Auch wurden dort in einem Krankenhaus sehr viele Operationen an der Achillessehne durchgeführt. Dass die Patienten alle aus der gleichen Hotelanlage kamen, hinterlässt schon Zweifel an deren Notwendigkeit.

Finanztest: Zahlen die Versicherer diese unnötigen Operationen?

Müller: Ja, da müssen Patienten sich ­keine Sorgen machen. Das klärt der Versicherer direkt vor Ort. Aber Operationen sind immer ein Risiko, das man nicht unnötig eingehen sollte. Und wer will schon seinen Urlaub statt am Strand überflüssigerweise im Krankenhaus verbringen.

Finanztest: Wo sollten Reisende kritisch sein, bevor sie sich unters Messer legen?

Müller: In Spanien, der Türkei, Portugal, Marokko oder Tunesien werden Gesundheitsbehandlungen wie Eis oder Postkarten gehandelt. Aber auch die Österreicher versuchen wie die Raubritter, Knieverletzungen in die Kliniken zu bekommen. ­Eine Operation am Kreuzband kostet dort 12 000 Euro, in Deutschland 4 000 Euro.

Finanztest: Geht es in diesem Fall nicht allein darum, dass der Versicherer spart?

Müller: Es geht auch um Wirtschaftlichkeit. Aber in erster Linie geht es um das Wohl der Patienten. Unsere Ärzte, die die Versicherten beraten und auf Wunsch auch Kontakt mit den einheimischen Ärzten aufnehmen, bekommen ihr Gehalt unabhängig von dem Rat, den sie geben. In Österreich ist eine Kreuzbandoperation – anders als in anderen Ländern – in fachlicher Hinsicht kein Problem. Die Frage ist, ob sie wirklich nötig ist oder ob man zuerst besser den Muskel aufbaut.

Finanztest: Was raten Sie Reisenden, die im Urlaub krank werden?

Müller: Sie sollten Kontakt mit dem ­Notdienst des Versicherers aufnehmen. Manchmal erfordert das Selbstbewusstsein. Oft will das Klinikpersonal gerade das verhindern. Die Operation muss dann plötzlich ganz schnell stattfinden und die Telefonleitung funktioniert gerade nicht.

Dieser Artikel ist hilfreich. 2582 Nutzer finden das hilfreich.